Sie alle wollten so schön wie möglich sein, wenn sie Jagang töteten.
Die schwarzen Steinwände des Raumes waren nackt bis auf zwei zischelnde Fackeln in ihren Halterungen. Während sie wartete, spürte Ulicia, wie der Zorn der anderen anschwoll, genau wie ihrer, und wie die gemeinsame Anspannung stieg.
Als die Seeleute umringt von Soldaten durch das Fallgitter kamen, öffnete einer der beiden Posten die innere Tür in die Festung und befahl den Schwestern mit einer rüden Kopfbewegung durchzugehen. Die Gänge waren so schmucklos wie der Eingangsraum. Schließlich handelte es sich um eine Festung, nicht um einen Palast, und man erhob keinen Anspruch auf Bequemlichkeit. Als sie ihren Wachen hinterhergingen, entdeckte Ulicia nur derbe Holzbänke und Fackeln in rostigen Halterungen. Die Türen bestanden aus ungehobelten Brettern mit Angeln aus Bandeisen, und nicht eine einzige Öllampe war zu sehen, während sie dem Weg ins Herz der Festung folgten. Das Ganze schien eher eine Kaserne für die Soldaten zu sein.
Die Wachen erreichten eine große Flügeltür und drehten sich mit dem Rücken zur Steinwand, nachdem sie sie geöffnet hatten. Einer von ihnen hob wichtigtuerisch den Daumen und wies damit in den großen Saal, der sich anschloß. Ulicia gelobte ihren Schwestern feierlich, sich sein Gesicht zu merken und ihn für seine Arroganz bezahlen zu lassen. Sie führte die fünf anderen Frauen hinein, als sich die Seeleute im Gang von hinten näherten, begleitet vom hallenden Tritt ihrer Stiefel auf dem Steinfußboden und dem Klirren der Waffen der Soldaten, die sie bewachten.
Der Saal war riesig. Glaslose Fenster hoch oben in den Wänden erlaubten einen Blick auf das Gewitter draußen und gestatteten dem Regen, in glänzenden Sturzbächen am dunklen Stein herabzurinnen. In den Vertiefungen zu beiden Seiten des Saals brannten große Feuer. Die Funken und der quellende Rauch stiegen hinauf zu den Fenstern, wo letzterer in Schwaden nach draußen abzog. Trotzdem hinterließ er einen stinkenden Dunst, der in der Luft zu stehen schien. In einem Kreis aus verrosteten Halterungen rings um den Saal zischten und fauchten Fackeln, zum Gestank von Schweiß gesellte sich so der Geruch von Pech. Alles in dem dunklen Saal flackerte im Schein der Feuer.
Zwischen den knisternden Doppelfeuern konnten sie im trüben Licht einen massiven Tisch aus Holzbohlen erkennen, der mit einer Fülle von Speisen gedeckt war. Nur ein einziger Mann saß daran, auf der anderen Seite, und betrachtete sie gleichgültig, während er sich ein Stück Spanferkel absägte.
Im trüben Flackerlicht war sie sich nicht sicher. Sie mußten aber ganz sicher sein.
Hinter dem Tisch an der Wand stand eine Reihe von Leuten, die offensichtlich keine Soldaten waren. Die Männer trugen weiße Hosen und sonst nichts. Die Frauen trugen Kleider mit ausgebeulten Beinen, die vom Knöchel bis zum Hals und von dort bis zu den Handgelenken reichten und die an der Taille mit einer weißen Kordel gerafft waren. Bis auf die Kordel war ihre Kleidung so hauchdünn, daß die barfüßigen Frauen ebensogut hätten nackt sein können.
Der Mann hob seine Hand, winkte mit Zeige- und Mittelfinger und befahl ihnen vorzutreten. Die sechs Frauen durchquerten den höhlenähnlichen Saal, der sie zwischen den dunklen Steinwänden, die den Schein der Feuer schluckten, zu erdrücken schien. Auf einem gewaltigen Bärenfell vor dem Tisch saßen zwei weitere absurd gekleidete Sklaven. Die Frauen standen hinter dem Tisch an der Wand, die Hände an den Seiten, die Körper steif und reglos. Den jungen Frauen hatte man allen einen Goldring mitten durch die Unterlippe gestochen.
Die Feuer hinter ihnen knackten und knallten, während die Schwestern immer tiefer in das Dunkel vordrangen. Einer der Männer in weißer Hose schenkte dem Mann Wein in einen Becher ein, als dieser ihn zur Seite hielt. Keiner der Sklaven sah die sechs Frauen an. Ihre Aufmerksamkeit galt dem Mann, der alleine am Tisch saß.
Jetzt erkannten Ulicia und ihre Schwestern ihn.
Jagang.
Er war von durchschnittlicher Größe, jedoch stämmig, mit massigen Armen und breiter Brust. Seine nackten Schultern traten unter einer Fellweste hervor, die in der Mitte offenstand, so daß ein Dutzend Gold- und Juwelenketten sichtbar war, die sich in das Haar des tiefen Einschnitts zwischen seinen hervortretenden Brustmuskeln schmiegten. Die Ketten und Juwelen sahen aus, als hätten sie einst Königen und Königinnen gehört. Silberne Reifen umschlossen seine Arme oberhalb der mächtigen Bizeps. An jedem seiner dicken Finger trug er einen goldenen oder silbernen Ring.
Jede einzelne der Schwestern kannte die Schmerzen gut, die einem diese Finger zufügen konnten.
Sein kahlrasierter Kopf glänzte im flackernden Schein der Feuer. Er paßte zu seinen Muskeln. Ulicia konnte sich ihn nicht mit Haaren auf dem Kopf vorstellen. Das hätte ihm nur von seiner Bedrohlichkeit genommen. Sein Hals hätte einem Stier gehören mögen. An einem goldenen Ring an der Außenseite seines linken Nasenlochs war ein dünnes Goldkettchen befestigt, das bis zu einem weiteren Ring in der Mitte seines Ohres reichte. Er war glattrasiert bis auf einen fünf Zentimeter langen, geflochtenen Schnurrbart, der nur an den Ecken seines ekelhaften Grinsens wuchs, sowie einen weiteren geflochtenen Bart mitten unter seiner Unterlippe.
Seine Augen jedoch waren es, die jeden fesselten, den sie in den Blick faßten. Sie hatten überhaupt kein Weiß. Sie waren von einem dunklen Grau, das getrübt wurde von düsteren, dämmerigen Partikeln, und doch gab es nicht den geringsten Zweifel darüber, wann er einen ansah.
Sie waren wie ein Doppelfenster in die Welt der Alpträume.
Das fiese Grinsen verschwand und machte einem heimtückisch wütenden Funkeln Platz. »Ihr seid spät dran«, meinte er mit tiefer, heiserer Stimme, die sie ebenso mühelos erkannten wie seine alptraumhaften Augen.
Ulicia vergeudete keine Zeit mit einer Antwort und ließ sich auch nicht anmerken, was sie vorhatte. Sie verknotete die Ströme ihres Han, so daß sie jetzt sogar ihren Haß kontrollieren konnte und nur noch eine einzige Facette ihrer Gefühle — Furcht — auf ihren Gesichtern zu erkennen war, damit sie ihn nicht durch ihre Zuversicht warnten.
Ulicia verschrieb sich ganz der Vernichtung von allem, was sich vor ihren Zehen befand — im Umkreis von zwanzig Meilen.
Mit heftiger und derber Wucht riß sie die hemmenden Sperren von der ungestümen Energie, die dahinter gefangen war. Gedankenschnell, mit donnernder Heftigkeit, explodierten Additive und Subtraktive Magie in einer mörderischen Eruption nach vorne. Sogar die Luft verbrannte heulend. Der Saal fing Feuer in einem gleißend hellen Blitz aus doppelter Magie — Gegensätzen, die sich zu einer ohrenbetäubenden Entladung ihres Zorns verflochten.
Ulicia war selbst erstaunt, was sie hier entfesselt hatte.
Das Gewebe der Wirklichkeit schien zu zerreißen.
Ihr letzter Gedanke war, daß sie die gesamte Welt vernichtet haben mußte.
27
Schneeflockenartigen Bruchstücken eines düsteren Traumes gleich, kam alles wieder langsam zurück in ihr Gesichtsfeld — zuerst die Doppelfeuer, dann die Fackeln, die dunklen Wände aus Stein und schließlich die Menschen.
Einen verblüffenden Augenblick lang war ihr ganzer Leib taub, dann kehrte die Empfindung mit einer Million Nadelstiche in ihren Körper zurück. Alles tat ihr weh.
Jagang riß ein großes Stück aus einem gegrillten Fasan. Er kaute einen Augenblick lang, dann wedelte er mit dem Beinknochen in ihre Richtung.
»Weißt du, was dein Problem ist, Ulicia?« fragte er, noch immer kauend. »Du benutzt Magie, die du ebenso schnell entfesseln kannst wie einen Gedanken.«