Das fiese Grinsen kehrte auf seine fettigen Lippen zurück. »Ich dagegen bin ein Traumwandler. Ich benutze die Zeit zwischen den Gedankensplittern, die Ruhe, in der nichts existiert, um das zu tun, was immer ich tue. Ich schlüpfe hinein, wo niemand sonst eindringen kann.«
Er fuchtelte wieder mit dem Knochen und schluckte. »Siehst du, in diesem Augenblick zwischen den Gedanken ist die Zeit für mich unendlich, und ich kann tun, was immer mir beliebt. Ihr könntet ebensogut steinerne Statuen sein, die versuchen, mich zu hetzen.«
Ulicia spürte ihre Schwestern durch die Verbindung. Sie war noch immer da.
»Primitiv. Sehr primitiv«, sagte er. »Ich habe andere gesehen, die es viel besser machten, aber die waren auch geübt darin. Ich habe euch die Verbindung gelassen — fürs erste. Fürs erste will ich, daß ihr euch gegenseitig spürt. Später werde ich sie unterbrechen. So wie die Verbindung kann ich auch euren Verstand zerstören.« Er nahm einen kräftigen Schluck Wein. »Aber ich finde, das alles ist so unergiebig. Wie kann man jemandem eine Lektion erteilen, wirklich eine Lektion erteilen, wenn sein Verstand sie nicht begreift?«
Über die Verbindung spürte Ulicia, wie Cecilia die Kontrolle über ihre Blase verlor und der warme Urin ihr die Beine herablief.
»Und wie?« hörte sich Ulicia mit hoher Stimme fragen. »Wie könnt Ihr die Zeit zwischen den Gedanken nutzen?«
Jagang nahm sein Messer zur Hand und schnitt sich eine Scheibe Fleisch auf einem reich verzierten Silberteller ab, der neben ihm stand. Er spießte das blutige Mittelstück mit der Messerspitze auf und stützte seine Ellenbogen auf den Tisch. »Was sind wir alle?« Er schwenkte das Stück Fleisch in großem Bogen herum, während rote Flüssigkeit an seinem Messer herabtropfte. »Was ist Wirklichkeit — die Wirklichkeit unseres Seins?«
Er zog das Fleisch mit den Zähnen vom Messer, kaute und fuhr fort. »Sind wir unsere Körper? Ist ein kleiner Mensch dann also weniger als ein großer? Wenn wir unsere Körper wären, und angenommen, wir verlören einen Arm oder ein Bein, wären wir dann weniger als zuvor, würden wir aus dem Sein verschwinden? Nein. Wir wären immer noch derselbe.
Wir sind nicht unser Körper. Wir sind unsere Gedanken. Indem sie sich formen, bestimmen sie, wer wir sind, und schaffen so die Wirklichkeit unseres Seins. Zwischen diesen Gedanken gibt es nichts. Da ist nur der Körper, der darauf wartet, daß unsere Gedanken uns zu dem machen, was wir sind.
Zwischen euren Gedanken, da ist mein Platz. In diesem Zwischenraum zwischen euren Gedanken hat Zeit für euch keinerlei Bedeutung, aber für mich.« Er nahm einen kräftigen Schluck Wein. »Ich bin ein Schatten, der sich in die Risse eures Seins einschleicht.«
Durch die Verbindung konnte Ulicia fühlen, wie die anderen zitterten. »Das kann nicht sein«, erwiderte sie tonlos. »Euer Han kann die Zeit nicht dehnen, sie in Stücke brechen. Oder zerstören.«
Sein herablassendes Lächeln ließ ihr den Atem stocken. »Ein kleiner, unscheinbarer Keil, eingeführt in den Riß des größten, massivsten Felsens, kann ihn zum Zersplittern bringen. Ihn zerstören.
Dieser Keil bin ich. Dieser Keil wird jetzt in euren Verstand hineingehämmert.«
Sie stand stumm da, während er mit dem Daumen einen langen Streifen Fleisch aus dem gerösteten Spanferkel zog. »Wenn ihr schlaft, treiben und fließen eure Gedanken, und ihr seid verletzlich. Wenn ihr schlaft, seid ihr wie ein Leuchtzeichen, das ich aufspüren kann. Dann schleichen sich meine Gedanken in diese Risse. Die winzigen Zwischenräume, in denen ihr euch in euer Sein ein-und ausblendet, sind für mich wie Abgründe.«
»Und was habt Ihr mit uns vor?« fragte Armina.
Er riß ein Stück Schweinefleisch ab und ließ es von seinen fleischigen Fingern baumeln. »Nun, einer der Zwecke, für die ich euch brauche, ist unser gemeinsamer Feind: Richard Rahl. Ihr kennt ihn als Richard Cypher.« Er runzelte die Stirn über seinen dunklen, nie zur Ruhe kommenden Augen. »Der Sucher.
Bislang war er unverletzbar. Er hat mir einen riesigen Gefallen getan, indem er die Barriere zerstört hat, die mich auf dieser Seite gefangenhielt. Jedenfalls meinen Körper. Ihr, die Schwestern der Finsternis, der Hüter und Richard Rahl haben es möglich gemacht, daß ich der Rasse der Menschen zur absoluten Überlegenheit verhelfen kann.«
»Wir haben nichts dergleichen getan«, protestierte Tovi kleinlaut.
»O doch, das habt ihr. Seht ihr, der Schöpfer und der Hüter stritten um die Vorherrschaft in dieser Welt. Der Schöpfer einfach deshalb, weil er verhindern wollte, daß der Hüter sie der Welt der Toten zuschlägt. Und der Hüter einfach deshalb, weil er eine unersättliche Gier nach allem hat, was lebt.«
Er sah sie aus seinen pechschwarzen Augen an. »In eurem Bemühen, den Hüter zu befreien, ihm diese Welt zum Geschenk zu machen, habt ihr dem Hüter hier Macht verschafft, und das wiederum hat Richard Rahl auf den Plan gerufen, der zur Verteidigung der Lebenden angetreten ist. Er hat das Gleichgewicht wiederhergestellt.
In diesem Gleichgewicht, genau wie im Raum zwischen euren Träumen, dort ist mein Platz.
Magie ist der Zugang zu jenen anderen Welten, wodurch diese Welten Macht bekommen. Indem ich die Menge der Magie in dieser Welt verringere, verringere ich auch den Einfluß des Schöpfers und des Hüters. Der Schöpfer wird nach wie vor den Lebensfunken spenden, und der Hüter wird ihn nach wie vor nehmen, wenn das Ende gekommen ist, aber darüber hinaus wird die Welt den Menschen gehören. Die alte Religion der Magie wird dem Abfallhaufen der Geschichte anvertraut werden, und schließlich der Legende.
Ich bin ein Traumwandler. Ich habe die Träume der Menschen gesehen, ich weiß, wozu sie fähig sind. Magie unterdrückt diese grenzenlosen Visionen. Ohne Magie wird der Geist des Menschen, seine Phantasie, befreit werden, und er wird allmächtig sein.
Aus diesem Grund habe ich diese Armee. Wenn die Magie tot ist, werde ich sie noch immer haben. Ich werde dafür sorgen, daß sie für diesen Tag gut gerüstet ist.«
»Und wieso ist Richard Euer Feind?« fragte Ulicia in der Hoffnung, daß er weitersprach, während sie sich überlegte, was sie tun konnten.
»Was er getan hat, mußte er tun, sonst hättet ihr Lieben die Welt dem Hüter überlassen. Das war mir eine Hilfe. Doch jetzt mischt er sich in meine Angelegenheiten ein. Er ist jung und weiß nichts von seinen Fähigkeiten. Ich dagegen habe die letzten zwanzig Jahre damit zugebracht, mein Können zu vervollkommnen.«
Er schwenkte die Messerspitze vor seinem Gesicht. »Im vergangenen Jahr erst sind meine Augen geronnen — das Merkmal eines Traumwandlers. Erst jetzt steht mir der am meisten gefürchtete Name der uralten Welt zu. In der Sprache der Vorzeit ist ›Traumwandler‹ gleichbedeutend mit ›Waffe‹. Die Zauberer, die diese Waffe geschaffen haben, bedauern ihr Tun mittlerweile.«
Er leckte das Fett von seinem Messer und betrachtete die Schwestern. »Es ist ein Fehler, Waffen zu schmieden, die über einen eigenen Willen verfügen. Jetzt seid ihr meine Waffen. Ich werde den gleichen Fehler nicht begehen.
Meine Kraft gestattet mir, in die Gedanken eines jeden einzudringen, wenn er schläft. Auf jene, welche die Gabe nicht besitzen, habe ich nur begrenzten Einfluß, aber sie sind für mich ohnehin nur von geringem Nutzen. Doch bei denen mit der Gabe, wie euch sechs, kann ich alles tun, was ich will. Habe ich meinen Keil erst einmal in eurem Geist angesetzt, gehört er nicht mehr euch. Er gehört mir.
Die Magie der Traumwandler war kraftvoll, nur nicht sehr stabil. In den letzten dreitausend Jahren, seit die Barriere errichtet wurde, die uns hier eingesperrt hat, ist niemand mehr mit dieser Fähigkeit geboren worden. Jetzt jedoch hat die Welt wieder einen Traumwandler.«
Er schüttelte sich unter einem bedrohlich stillvergnügten Kichern. Die winzigen Zöpfe an seinen Mundwinkeln zitterten. »Und das bin ich.«
Fast hätte Ulicia ihn aufgefordert, er solle zur Sache kommen, hielt sich aber noch rechtzeitig zurück. Sie hatte nicht die geringste Lust, herauszufinden, was er tun würde, wenn er mit Sprechen fertig war. Alles was sie brauchte, war Zeit, um sich etwas zu überlegen. »Woher wißt Ihr das alles?«