»Weißt du es wirklich nicht? Kannst du dich wirklich nicht erinnern, woran du eben gedacht hast, als du still warst?«
»Doch!« Ich zögere, dann sage ich: »Ach, ich habe wohl nur auf einen Anstoß gewartet, Sigfrid. Ich hatte neulich eine Einsicht, und die hat wehgetan. Du glaubst nicht, wie weh. Ich habe geweint wie ein kleines Kind.«
»Was war das für eine Einsicht, Bob?«
»Es … nun, es hing teilweise mit meiner Mutter zusammen. Aber auch mit Dane Metschnikow. Ich hatte diese … diese …«
»Ich glaube, du willst sagen, dass du die Phantasievorstellungen über einen Geschlechtsverkehr mit Dane meinst, nicht?«
»Ja. Du kannst dich gut erinnern. Als ich weinte, ging es um meine Mutter. Zum Teil …« Ich verstumme.
»Vielleicht kann ich dir helfen, Bob«, sagt er. »Was hat das Weinen um deine Mutter mit den Sexualphantasien zu tun, in denen Dane vorkommt?«
Ich spüre, dass in mir etwas geschieht. Es ist, als brodle das weiche, feuchte Innere meines Brustraums in meine Kehle hinauf. Ich weiß, dass meine Stimme schwankend und verloren klingen wird, wenn ich mich nicht beherrsche. Ich gebe mir Mühe und sage sachlich: »Meine Mutter hat mich geliebt, Sigfrid. Das wusste ich. Sie hatte keine andere Wahl. Und Freud hat einmal gesagt, kein Junge, der sich sicher ist, der Liebling seiner Mutter gewesen zu sein, wird je neurotisch. Nur …«
»Bitte, Robbie, das ist nicht ganz richtig, und außerdem spielst du den Intellektuellen. Du weißt, dass du diese Vorreden alle gar nicht brauchst. Du hältst mich hin, nicht wahr?«
»Nun gut«, sage ich nachgiebig. »Aber ich wusste wirklich, dass meine Mutter mich liebte. Sie konnte nicht anders. Ich war ihr einziger Sohn. Mein Vater war tot – räuspere dich nicht, Sigfrid, ich komme schon darauf. Es war eine logische Notwendigkeit, dass sie mich liebte, und so begriff ich es auch, ohne jeden Zweifel in mir, aber sie hat es nie gesagt. Nicht ein einziges Mal.«
»Du meinst, sie hat in deinem ganzen Leben nie zu dir gesagt: ›Ich liebe dich, mein Sohn‹?«
FLUGBERICHT
Fahrzeug P3-77, Flug 036D51. Besatzung T. Parreno, N. Ahoya,
E. Nimkin.
Transitzeit 5 Tage, 14 Stunden. Position Nähe Alpha Centauri A.
Zusammenfassung: ›Der Planet war sehr erdähnlich, mit starker Vegetation. Die Farbe der Vegetation war vorherrschend gelb. Die Atmosphäre entsprach dem Hitschi-Gemisch ziemlich genau. Es ist ein warmer Planet ohne Polar-Eiskappen und einer Temperaturskala ähnlich den Tropen im Äquatorbereich der Erde, während die gemäßigten Zonen sich fast bis zu den Polen erstrecken. Wir haben kein tierisches Leben oder Spuren davon (Methan etc.) gefunden. Ein Teil der Vegetation bewegt sich mit sehr geringer Geschwindigkeit, indem sie Teile rankenartiger Ausläufer aus dem Boden zieht, sie ausstreckt und wieder einwurzelt. Die Höchstgeschwindigkeit, die gemessen wurde, betrug etwa 2 Kilometer in der Stunde. Keine Artefakte. Parreno und Nimkin landeten und kehrten mit Vegetationsproben zurück, starben jedoch an einer toxikodendronartigen Reaktion. An ihren Körpern bildeten sich große Blasen. Dann bekamen sie Schmerzen, litten unter Juckreiz und Erstickungsanfällen, vermutlich infolge Flüssigkeitsansammlung in der Lunge. Ich brachte sie nicht an Bord des Schiffes. Ich habe das Landefahrzeug nicht geöffnet oder ans Schiff angedockt. Ich habe persönliche Botschaften für beide aufgezeichnet, dann das Landefahrzeug abgesprengt und bin mit dem Schiff zurückgekommen.‹
Bewertung durch die Gesellschaft: Keine Anklage gegen N. Ahoya.
»Nein!«, schreie ich. Dann fasse ich mich wieder: »Oder nicht direkt, nein. Einmal, als ich ungefähr achtzehn war und im Nebenzimmer schlief, hörte ich sie zu einer Freundin sagen, ich sei ein prima Junge. Sie war stolz auf mich. Ich weiß nicht mehr, was ich gemacht hatte, aber in diesem Augenblick war sie stolz auf mich und liebte mich und sagte das auch … Aber nicht zu mir.« Ich greife nach einer Zigarette. »Schau, Sigfrid, so war es. Ich liebte meine Mutter sehr, und ich weiß – wusste! –, dass sie mich liebte. Aber sie konnte es nicht gut zeigen.« Ich habe eine Zigarette in der Hand und drehe sie hin und her, ohne sie anzuzünden. »Sie hat es mir nicht gesagt. Nicht nur das. Es ist komisch, Sigfrid, aber ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie mich je berührt hätte. Ich meine, nicht richtig. Manchmal gab sie mir einen Gutenachtkuss. Auf den Scheitel. Und sie erzählte mir Geschichten. Und sie war immer da für mich. Aber … sie berührte mich kaum. Nur in einer Beziehung. Sie war sehr gut zu mir, wenn ich krank war. Ich war oft krank. Alle Leute rund um die Gruben hatten laufende Nasen, Hautinfektionen … du weißt schon. Sie gab mir alles, was ich brauchte. Sie war da, machte ihre Arbeit und kümmerte sich um mich, ich weiß nicht, wie. Und wenn ich krank war, hat sie …«
Nach einer Pause sagt Sigfrid: »Weiter, Robbie. Sag es.« Ich versuche es, aber es geht nicht.
»Sag es, so schnell du kannst«, setzt er hinzu. »Heraus damit. Denk nicht daran, ob ich es verstehe oder ob es einen Sinn ergibt. Nur heraus damit.«
»Nun, sie maß meine Temperatur«, sage ich. »Du verstehst? Sie schob mir ein Thermometer hinein. Und sie hielt mich … wie lange war das? Drei Minuten lang. Dann zog sie das Thermometer heraus und las es ab.«
Ich bin den Tränen nahe, aber zuerst will ich dieser Sache nachgehen. Ich beherrsche mich und sage: »Siehst du, wie es ist, Sigfrid? Es ist komisch. Mein ganzes Leben lang – wie viele Jahre sind seither vergangen, vierzig? Und ich habe immer noch diese irre Vorstellung, dass Geliebtwerden damit zu tun hat, dass mir jemand etwas in den Hintern schiebt.«
Auf Gateway hatte es während meiner Abwesenheit viele Veränderungen gegeben. Die Kopfsteuer war erhöht worden. Die Gesellschaft wollte Anhängsel wie Shicky und mich loswerden; schlechte Nachrichten: Meine Vorauszahlung würde keine zwei oder drei Wochen reichen, sondern nur zehn Tage. Man hatte ein paar Super-Eierköpfe von der Erde heraufgebracht, Astronomen, Xenotechniker, Mathematiker, sogar den alten Professor Hegramet.
Was sich nicht geändert hatte, war der Bewertungsausschuss, und ich saß vor ihm auf dem Schleudersitz und wand mich, während meine alte Freundin Emma mir erklärte, was für ein Narr ich sei. Eigentlich erklärte das nur Mr. Hsien, aber Emma übersetzte, und es machte ihr Spaß.
»Mr. Hsien glaubt, dass Sie eine sehr unverantwortliche Person sind«, sagte Emma nach langem Hin und Her. »Sie haben einen unersetzlichen Ausrüstungsgegenstand demoliert. Er war nicht Ihr Eigentum. Er gehörte der ganzen Menschheit.« Mr. Hsien fügte noch ein paar Sätze hinzu, und sie dolmetschte: »Wir können über Ihre endgültige Haftbarkeit nicht entscheiden, bis wir weitere Informationen über den Zustand des beschädigten Schiffes haben. Mr. Ituno wird es genau untersuchen. Zwei Xenotechniker sind inzwischen wohl schon auf Gateway II, und deren Untersuchungsergebnisse werden wir vermutlich mit dem nächsten Beipiloten erhalten. Dann melden wir uns wieder.« Sie verstummte und sah mich an, und ich hielt den Rapport für beendet, verbeugte mich und ging zur Tür. Als ich dort angekommen war, sagte sie: »Noch etwas. Mr. Ituno teilt mit, dass Sie auf Gateway II Raumanzüge transportiert und hergestellt haben. Er hält eine Zahlung von, Augenblick, 2500 Dollar an Sie für angemessen. Und Ihre Beipilotin Hester Bergowiz hat die Zahlung von einem Prozent ihrer Prämie für Dienste während des Fluges zugesagt. Ihr Konto ist entsprechend aufgestockt worden.«
FLUGBERICHT
Fahrzeug 1-103, Flug 022D18. Besatzung G. Herron.
Transitzeit hinaus 107 Tage, 5 Stunden. Hinweis: Transitzeit Rückkehr 103 Tage, 15 Stunden.
Auszug aus Logbuch: ›Nach 84 Tagen, 6 Stunden begann das Q-Instrument zu leuchten, und die Kontrollleuchten flackerten wild durcheinander. Gleichzeitig spürte ich eine Veränderung der Schubrichtung. Ungefähr eine Stunde lang gab es fortlaufend Veränderungen, dann erlosch das Q-Licht, und alles kehrte in den Normalzustand zurück.‹