K. Metsuoko.
Transitzeit hinaus 615 Tage, 9 Stunden. Kein Bericht der Besatzung vom Ziel. Abtasterergebnisse für Ortsbestimmung unzureichend. Keine erkennbaren Merkmale.
Keine Zusammenfassung
Auszug aus Logbuch: ›Das ist der 281. Tag des Hinflugs. Metsuoko verlor die Auslosung und beging Selbstmord. Alicia brachte sich vierzig Tage später freiwillig um. Wir haben den Wendepunkt noch nicht erreicht, sodass alles umsonst war. Die restlichen Rationen reichen nicht für mich, selbst wenn man Alicia und Kenny einbezieht, die intakt im Gefrierschrank liegen. Ich stelle deshalb alles auf Vollautomatik und nehme die Pillen. Wir haben alle Briefe hinterlassen. Bitte, an die Adressen weiterleiten, wenn dieses gottverdammte Schiff jemals zurückkommt.‹
Die Flugleitung gab eine Stellungnahme ab, wonach ein Fünfer mit doppelten Rationen und Einpersonen-Besatzung fähig sein könnte, diese Mission zu Ende zu führen und lebend zurückzukehren. Vorschlag wegen geringer Dringlichkeit zu den Akten gelegt: kein erkennbarer Vorteil durch Wiederholung dieser Mission.
»Dieser Quatsch! Ich glaube kein Wort davon!«
»Aber ich, Bob.«
Ich hatte eine Eingebung.
»He! Ich wette, ich kann im ersten Schiff mit jemandem tauschen! Oder, warte mal, vielleicht tauscht Susie einfach mit dir …«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
»Ich glaube nicht, dass Susie das möchte. Es hat schon Ärger genug gegeben, weil Sess mit mir getauscht hat. In der letzten Minute stellt man keinesfalls mehr um.«
»Das ist mir egal, Klara!«
»Bob«, sagte sie, »dräng mich nicht. Ich habe viel nachgedacht über uns beide. Ich glaube, wir haben etwas, wofür ein Einsatz sich lohnen könnte. Doch ich kann nicht behaupten, dass mir schon alles klar wäre, und ich will nichts überstürzen.«
»Aber, Klara …«
»Belass es dabei, Bob. Ich fliege im ersten Schiff, du im zweiten. Dort können wir uns unterhalten. Vielleicht sogar für den Rückflug tauschen. Aber inzwischen haben wir Gelegenheit, in Ruhe über das nachzudenken, was wir wirklich wollen.« Sie küsste mich und schob mich weg. »Bob«, sagte sie, »nicht so eilig. Wir haben Zeit genug.«
»Sag mal, Sigfrid«, frage ich, »wie nervös bin ich?«
Er trägt diesmal sein Sigmund-Freud-Hologramm, durchdringender Wiener Blick, keine Spur von gemütlich. Aber seine Stimme ist der alte, sanfte Bariton: »Wenn du fragst, was meine Sensoren zeigen, Bob, du bist ziemlich erregt, ja.«
»Das dachte ich mir«, antworte ich und werfe mich auf der Matte herum.
»Kannst du mir sagen, weshalb?«
»Nein!« Die ganze Woche war so, herrlicher Sex mit Doreen und S. Ya. und unter der Dusche eine Tränenflut; enormes Geschick beim Bridgeturnier und völlige Verzweiflung auf dem Heimweg. Ich komme mir vor wie ein Jo-Jo. »Ich komme mir vor wie ein Jo-Jo!«, brülle ich. »Du hast etwas aufgerissen, mit dem ich nicht fertig werde!«
»Ich glaube, du unterschätzt deine Fähigkeiten.«
»Was weißt du schon davon, was Menschen können?«
Er seufzt beinahe. »Sind wir schon wieder dabei, Bob? Gewiss, ich bin eine Maschine, aber dazu erfunden zu begreifen, wie die Menschen sind; und ich erfülle meine Funktion gut, Bob.«
»Aber du bist kein Mensch! Du fühlst nicht! Du hast keine Ahnung, was es heißt, als Mensch Entscheidungen zu treffen und die Last menschlicher Gefühle zu tragen. Du weißt nicht, was es heißt, einen Freund fesseln zu müssen, damit er keinen Mord begeht. Zu erleben, wie jemand stirbt, den man liebt. Zu wissen, dass es deine Schuld ist. Vor Angst den Verstand zu verlieren.«
»Ich kenne diese Dinge, Bob, wirklich«, sagt er leise. »Ich möchte erkunden, warum du so durcheinander bist, aber ich brauche deine Hilfe.«
»Hör auf!« Ich weiß, dass ich ihn von dort wegdrängen muss, wo es wehtut. Ich habe S. Ya.’s kleine Formel bislang nicht mehr verwendet, aber jetzt tue ich es und verwandle ihn vom Tiger in ein Kätzchen. Der Rest der Sitzung wird als Peep-Show verlaufen, und ich bin noch einmal intakt davongekommen.
Oder beinahe.
Wir sangen und jubelten die ganzen neunzehn Tage nach dem Wendepunkt. Ich glaube nicht, dass ich mich in meinem ganzen Leben schon einmal so wohl gefühlt habe. Zum Teil war es die Erlösung von der Angst; nach dem Wendepunkt atmeten wir auf, wie immer. Aber der erste Teil des Fluges war auch ziemlich strapaziös gewesen; Metschnikow und seine zwei Freunde lagen ständig in Streit, und Susie Hereira war an Bord viel weniger an mir interessiert als auf Gateway. Aber für mich lag es vor allem daran, dass ich Klara immer näher kam. Danny A. half mir beim Ausrechnen, und ich glaubte ihm, dass wir insgesamt an die dreihundert Lichtjahre zurücklegten. Das erste Schiff, in dem Klara sich befand, war dreißig Sekunden vor uns gestartet und war uns bis zum Wendepunkt immer weiter vorausgeeilt. Es war reine Arithmetik: ungefähr ein Lichttag. 3 x 1010 Zentimeter pro Sekunde mal 60 Sekunden mal 60 Minuten mal 24 Stunden … beim Wendepunkt war Klara gute siebzehneinhalb Milliarden Kilometer vor uns. Das schien sehr weit zu sein und war es auch, aber nach dem Wendepunkt rückten wir dem ersten Schiff immer näher, und ich konnte beinahe spüren, dass wir aufholten. Manchmal bildete ich mir ein, ihr Parfüm riechen zu können.
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Als ich so etwas zu Danny A. sagte, sah er mich seltsam an.
»Weißt du, wie viel siebzehneinhalb Milliarden Kilometer sind? Du könntest das ganze Sonnensystem hineinpacken. So ungefähr; die große Halbachse der Plutobahn macht 39 AE und ein paar Zerquetschte aus.«
Ich lachte verlegen.
»War nur so ein Einfall.«
»Schlaf lieber und träum davon.« Er wusste, wie ich zu Klara stand; das ganze Schiff wusste es, sogar Metschnikow, sogar Susie; und vielleicht war das auch Einbildung – ich glaubte, dass sie uns alle Gutes wünschten. Wenn wir jeder eine Million bekamen, würden Klara und ich herrlich auskommen können; wenn auch nicht medizinischer Vollschutz, so doch Großschutz, Reisen, Kinder! Ein hübsches Haus, irgendwo, vielleicht sogar auf der Venus …
»Du solltest wirklich schlafen«, sagte Danny A. »Ständig wirfst du dich herum!«
Aber ich konnte nicht schlafen, ich hatte Hunger. Ich stieg hinaus aus dem Landefahrzeug, wo Susie und die beiden Dannys schliefen, und entdeckte, warum ich Hunger hatte. Dane Metschnikow kochte sich Stew.
»Reicht es für zwei?«
Er sah mich nachdenklich an.
»Denke schon. In zehn Minuten ist es so weit. Ich wollte erst was trinken.«
Wir ließen die Weinflasche hin- und hergehen, und während er den Eintopf würzte, nahm ich die Sternmessungen vor. Man sah keine bekannte Konstellation, aber ich fühlte mich beinahe heimisch. Ich hatte Dane noch nie so entspannt und heiter gesehen.
»Ich habe nachgedacht«, sagte er. »Eine Million reicht. Ich gehe zurück nach Syracuse, mache meinen Doktor und nehme eine Stellung an. Irgendwo wird es eine Schule geben, wo man einen Dichter oder einen Englischlehrer gebrauchen kann, der sieben Expeditionen hinter sich hat.«
»Dichter?«, fragte ich verblüfft.
Er grinste.
»Hast du das nicht gewusst? So bin ich nach Gateway gekommen. Die Guggenheim-Stiftung hat den Flug bezahlt.« Er nahm den Topf vom Kocher, verteilte den Eintopf auf zwei Schüsseln, und wir aßen.
Das war der Mann, der die beiden Dannys vor zwei Tagen eine volle Stunde lang wie ein Berserker angebrüllt hatte, während Susie und ich zornig und isoliert im Landefahrzeug gelegen und zugehört hatten. Das lag alles am Wendepunkt. Wir hatten es geschafft; der Treibstoff würde uns nicht ausgehen, und wir brauchten uns keine Sorgen um einen Fund zu machen, weil unsere Prämie garantiert war. Ich fragte ihn nach seinen Werken. Er wollte nichts vortragen, versprach aber, mir auf Gateway etwas davon zu zeigen.