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Manchmal dachte er, dass es schön wäre, sich an irgendeinem Ort niederzulassen, aber das waren nur Träume. Bis zu einem Vorsatz gedieh das nie. Seit mehr als elf Jahren ging es nun schon hin und her. An dem anderen Ort gab es Dinge, die in der Zivilisation nicht vorhanden waren. Es gab das Traumzimmer, wo er sich hinlegen, die Augen schließen und das Gefühl haben konnte, nicht allein zu sein. Aber dort konnte er nicht leben, obwohl es viel Nahrung und keine Gefahren gab, weil der einzige Wassersammler nur ein Rinnsal produzierte. Die Zivilisation besaß vieles von dem, was es im Vorposten nicht gab: die Toten Menschen und die Bücher, unheimliche Erkundungsgänge und wagemutige Vorstöße, um Kleidung oder Gebrauchsgegenstände zu stehlen; es tat sich etwas. Aber dort konnte er auch nicht leben, weil die Froschgesichter ihn früher oder später bestimmt erwischen würden. Deshalb pendelte er.

Die große Vestibültür zum Raum der Toten Menschen öffnete sich nicht, als Wan auf das Pedal trat. Er schlug sich beinahe die Nase an. Überrascht blieb er stehen und drückte erst vorsichtig gegen die Tür, dann fester. Er brauchte seine ganze Kraft, um sie aufzustoßen. Wan hatte sie noch nie von Hand öffnen müssen, auch wenn sie ab und zu gezögert und beunruhigende Geräusche von sich gegeben hatte. Das war ärgerlich. Wan hatte schon früher Maschinen erlebt, die versagten; das war auch der Grund, weshalb die grünen Korridore nicht mehr sehr nutzbringend waren. Aber das betraf nur Nahrung und Wärme, und davon gab es genug in den roten oder sogar den goldenen Korridoren. Es war unangenehm, dass bei den Toten Menschen Defekte auftraten, denn wenn sie versagen sollten, gab es für ihn keinen Ersatz.

Trotzdem sah alles normal aus; der Raum mit den Konsolen war von Leuchtstoffplatten hell beleuchtet, die Temperatur war angenehm, und er konnte das leise Summen und seltene Klicken der Toten Menschen hinter ihren Schalttafeln hören, wenn sie ihren einsamen, wahnhaften Gedanken nachhingen und taten, was sie eben machten, wenn er nicht mit ihnen sprach. Er setzte sich in seinen Sessel, rutschte wie immer umher, um sich in den schlecht passenden Sitz zu schmiegen, und zog den Kopfhörer über seine Ohren.

»Ich gehe jetzt zum Vorposten«, sagte er.

Es kam keine Antwort. Er wiederholte den Satz in allen Sprachen, die er beherrschte, aber niemand schien mit ihm reden zu wollen. Das war eine Enttäuschung. Manchmal waren zwei oder drei von ihnen auf Gesellschaft begierig, vielleicht sogar mehr. Dann konnten sie alle eine schöne lange Unterhaltung führen, und es war beinahe so, als sei er in Wirklichkeit gar nicht ganz allein, beinahe so, als gehöre er zu einer »Familie« (ein Wort, das er aus den Büchern und den Mitteilungen der Toten Menschen kannte, als Wirklichkeit aber kaum noch in Erinnerung hatte). Das war gut. Fast so gut wie am Traumort, wo er eine Weile die Illusion genießen konnte, zu hundert, zu Millionen Familien zu gehören. Zu Scharen von Leuten! Aber das hielt er nicht lange aus. Wenn er den Vorposten verlassen musste, um Wasser zu holen und die weniger greifbare Gesellschaft der Toten Menschen zu genießen, bedauerte er das nie. Doch er wollte immer wieder zurück zu der engen Liege und der seidig-metallenen Decke, die ihn dort schützte, und zu den Träumen.

Doch er beschloss, den Toten Menschen noch eine Chance zu geben. Selbst wenn sie sich nicht unterhalten wollten, konnte man ihr Interesse manchmal erregen, sobald man sie direkt ansprach. Er dachte kurz nach, dann wählte er die Nummer 57.

Eine traurige, ferne Stimme murmelte vor sich hin: »… versuchte ihm das mit der fehlenden Masse zu erklären. Masse! Die einzige Masse, die ihn beschäftigte, waren zwanzig Kilo Titten und Arsch! Dieses Dämchen Doris! Ein Blick auf sie, und er hat den Auftrag vergessen, mich vergessen …«

Stirnrunzelnd hob Wan den Finger, um abzuschalten. Siebenundfünfzig war eine Plage! Er hörte ihr gern zu, wenn sie vernünftig sprach, weil sie ein wenig so klang, wie er seine Mutter in Erinnerung hatte, aber sie schien von Astrophysik, Raumfahrt und anderen interessanten Themen jedes Mal direkt auf ihre eigenen Sorgen zu kommen. Er spuckte auf die Stelle an den Schalttafeln, hinter der seiner Meinung nach Siebenundfünfzig lebte – etwas, das er von den Alten gelernt hatte –, in der Hoffnung, sie werde etwas Interessantes von sich geben.

Aber sie schien nicht daran zu denken. Nummer Siebenundfünfzig  – wenn sie verständlich redete, ließ sie sich gern Henriette nennen – plapperte weiter von starken Rotverschiebungen und Arnolds Tändeleien mit Doris. Was immer das sein mochte.

»Wir hätten Helden sein können«, sagte sie schluchzend, »und zehn Millionen Dollar Prämie einsacken können, vielleicht noch mehr, wer weiß, was sie für den Antrieb bezahlt hätten? Aber sie verschwanden dauernd mit der Landekapsel und … Wer bist du?«

»Ich bin Wan«, sagte der Junge und lächelte aufmunternd, obwohl er nicht glaubte, dass sie ihn sehen konnte. Sie erweckte den Eindruck, vor einem lichten Moment zu stehen. In der Regel wusste sie nicht, dass er mit ihr sprach. »Bitte, sprich weiter.«

Es blieb lange Zeit still, dann sagte sie: »NGC 1199. Sagittarius A West.«

Wan wartete höflich. Wieder eine lange Pause, dann sagte sie: »Ihm waren die richtigen Schritte egal. Die machte er alle mit Doris. Halb so alt wie er! Und das Gehirn einer Steckrübe. Er hätte sie überhaupt nicht mit ins Schiff nehmen dürfen …«

Wan wackelte mit dem Kopf wie ein Alter mit Froschgesicht.

»Du bist sehr langweilig«, sagte er streng und schaltete sie ab. Er zögerte, dann wählte er den Professor an, Nummer 14.

»… obwohl Eliot noch Harvard-Student war, war seine Metaphorik die eines reifen Mannes. ›Aus mir hätten zwei ausgefranste Scheren werden sollen.‹ Die eigene Geringschätzung des Massenmenschen, auf die symbolische Spitze getrieben. Wie sieht er sich? Nicht bloß als Krustentier. Nicht einmal als Krustentier, sondern als die reine Abstraktion eines Krustentieres: Scheren. Und ausgefranste noch dazu. In der nächsten Zeile lesen wir …«

Wan spuckte wieder auf die Schalttafel, als er abschaltete; die ganze Wand war übersät mit den Spuren seines Missfallens. Es gefiel ihm, wenn Doc Lyrik vortrug, aber es gefiel ihm nicht so besonders, wenn er darüber dozierte. Bei den verrücktesten der Toten Menschen wie 14 und 57 hatte man keinen Einfluss auf das, was geschah. Sie reagierten selten und fast nie auf eine Weise, die von Belang zu sein schien, und man hörte sich entweder an, was sie gerade von sich gaben, oder man schaltete sie ab.