„Halt", schrie er, „Petka, Jurka!" Die Freunde blieben stehen.
Dimka, der sich hochgerappelt hatte, kam schnaufend heran. „Ihr Esel", schrie er, „habt ihr nicht gesehen, daß ich gefallen bin?"
„Brülle nicht!" wies ihn Petka zurecht. „Haben wir dich im Stich gelassen? Du siehst doch, daß wir warten."
Sie liefen weiter.
Vor ihnen war die Welt in weißen, bitter schmeckenden Nebel getaucht. Unmöglich, noch einmal anzuhalten. Die Angst beherrschte sie vollkommen und jagte einen wie den andern unerbittlich vorwärts, aufs Geratewohl, dorthin, wo es heller wurde.
Noch rannten sie zu dritt. Dann kam die Stelle, wo Jurka abbog.
Er lief zwei, drei Meter zur Seite, weil die Krone eines umgestürzten Baumes ihm den Weg versperrte. Nicht eine Sekunde ließ er die Kameraden aus dem Auge — bis sein Fuß ins Leere trat und er in eine Mulde stürzte. Seine Finger spürten die trockene, weiche Taigaerde. Jurka hatte sich nicht weh getan. Er befand sich in einem Zustand, wo man keinen Schmerz mehr empfindet.
Im Nu war er wieder auf den Beinen und schrie in den trüben, grauen Nebel, der über ihm schwamm: „Hier bin ich. Wartet, ich klettere raus."
Niemand antwortete.
Da warf er sich verzweifelt auf den steil ansteigenden Boden. Unter seinen Sohlen gab die Erde nach. Er rutschte, lief noch tiefer herab, um unten nach einem Ausweg zu suchen, rannte, was die Kräfte hielten, aber die Mulde nahm kein Ende.
Als das Wasser aufspritzte, wurde ihm bewußt, daß er in einem Bach stand. Er fühlte seine Einsamkeit, begriff: Ich bin allein — allein im brennenden Wald. Grund genug, um zu weinen. Das hätte er vielleicht auch getan, wäre die Zeit nicht zu kostbar gewesen. Da er nicht verweilen durfte und es bergab leichter war, folgte er dem Lauf des Baches. So wählte er durch Zufall, aus keinem anderen Grunde, als um es bequemer zu haben, die Richtung, in der die Rettung lag.
Eine halbe Stunde später führte ihn der Bach an den Fluß. Dort stand das Boot. Es schien auf ihn zu warten. Am Ufer spürte er den kalten Wind, der ihm heftig um die Ohren sauste. Das war wie im Traum, wie ein großes, unfaßbares Wunder.
Dann fielen ihm Dimka und Petka ein. Es wollte ihm scheinen, nicht seine Freunde hätten ihn, sondern er habe sie im Stich gelassen. Er dachte daran, daß es schrecklich und einfach unmöglich wäre, ohne sie nach Hause zu kommen, und er beschloß, hier zu warten — sei es einen ganzen Monat.
Endlich kamen die Tränen. Jetzt hatte er genügend Zeit zu weinen.
Daß Jurka verschwunden war, merkten Dimka und Petka fast gleichzeitig.
„Halt", schrie Petka, „wo ist Jurka?"
„Eben war er noch hier."
„Los, zurück!"
„Geh du, ich warte hier", erwiderte Dimka.
Petka machte kehrt. Er erinnerte sich: Als der Baum im Weg lag, waren er und Dimka drübergeklettert.
Jurka hatte einen Bogen gemacht. Petka ging um den Baum herum. Er sah die Mulde und suchte. Unten war niemand.
„Jurka!" rief er.
Der Rauch dämpfte seine Stimme. Im Wald war alles wie taub. Kein Echo klang zurück.
Petka kehrte um.
„Nichts. Komm mit, wir suchen beide."
„Wie können wir suchen?" stieß Dimka hastig hervor. „Siehst du nicht, was hier los ist? Wir kommen selber nicht mehr raus. Weißt du, Petka, er wird schon vor uns sein."
Diese Erklärung leuchtete Petka ein. Er glaubte, daß Dimka recht hatte, ja er war davon überzeugt — weil er wünschte, daß es so sei. Auf einer Stelle stehen war schlimmer als sich bewegen. Sie liefen weiter. Der Qualm wurde dichter. Er schien aus dem Boden zu steigen. Die Stämme waren dick verschleiert, sahen unwirklich aus, verschwommen, trübe, grau. Bald wußten die Jungen nicht mehr, ob die Richtung noch stimmte. Sie drehten sich in einem großen Kreis. Den Punkt, der am weitesten vom Feuer entfernt war, hatten sie längst durchlaufen. Sie näherten sich der Brandstätte.
Bald wurde es heller. Das machte ihnen neuen Mut. Sie stürzten förmlich vorwärts. Der Rauch war jetzt nur noch hinter ihnen. Sie sahen die Flammen. Dicht über dem Waldboden brannte das Feuer nur spärlich, es kroch träge von Busch zu Busch, auf gewundenen Bahnen, immer dort entlang, wo es Nahrung fand. Doch oben in den Kiefern und Zedern sprang es von Wipfel zu Wipfel, und in der Tiefe des Waldes loderte es mit dunkelroten Zungen empor, wie aus einem riesenhaften Scheiterhaufen. Der Rauch stieg in die Höhe, wurde über den Bäumen vom Wind erfaßt und nach unten gedrückt. Hinter den Kindern ging er in dichten Schwaden zu Boden.
Die beiden standen auf einer großen Lichtung. Auch hier war die Luft heiß, kratzte in der Kehle, stach die Gesichter wie mit tausend Nadeln. Die Haut war zum Zerreißen gespannt.
Dimka und Petka wandten sich ab. Sie rasten zurück in den schmutzig weißen Nebel, aus dem sie gekommen waren. Beim Rennen klopfte in den Schläfen das Blut, immer ärger, immer lauter, je länger sie liefen.
Unerwartet verlor Petka das Gleichgewicht. Mit vollem Schwung stürzte er in einen Strauch. Die Zweige waren biegsam und frisch. Er klammerte sich daran fest, hing sekundenlang reglos über der Erde.
„Dimka!"
Dimka wandte den Kopf. Er blieb stehen, um zu sehen, was los war, kam sogar einen Schritt zurück.
„Dimka!" rief Petka noch einmal, aber jetzt klang seine Stimme merkwürdig dumpf und schwach. Dimka fürchtete sich vor dieser Stimme. Ein heftiges, unwiderstehliches Mitleid mit sich selber überkam ihn. Wenn nun plötzlich auch er hilflos im Gebüsch liegen und so schrecklich schreien müßte? Soweit durfte es nicht kommen. Noch konnte er fortrennen, fliehen. Zwar schmerzte der Kopf, in den Schläfen hämmerte das Blut, aber er würde sich retten. Die Angst trieb ihn unerbittlich vorwärts. Aufs neue begann er den sinn- und endlosen Lauf im Kreis.
Petka sah seinen Rücken. Bald verschwand auch der. Da rappelte er sich, von namenlosem Entsetzen gepackt, hoch, ließ die Zweige fahren und fühlte, wie unter ihm der Boden zu rasen begann.
Auch Petka lief im Kreis.
Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er stolperte und hinschlug. Seine Hand griff in etwas Warmes, Weiches. Das war Dimka.
Die beiden großen Kreise hatten sich an diesem Punkt geschnitten.
Dimka war bewußtlos. Vielleicht ist er tot, dachte Petka, aber die Freude darüber, daß er nun nicht mehr allein zu sein brauchte, überwog alles. Er knuffte und schüttelte den Freund. Dimka rührte sich nicht. Schließlich schleifte Petka ihn an den Armen fort. Er war selber schwach und alles andere als ein Held, aber er brauchte Dimka. Einen Freund bei sich zu wissen — wenn auch einen reglosen und stummen wie jetzt Dimka —, war immer noch besser als allein zu sein.
Nach hundert Schritten verließen Petka die Kräfte. Er sank neben Dimka auf den Waldboden. So lagen sie beide in der Taiga, hörten nichts von dem Scharren der Schaufeln, vom Klopfen der Äxte. Sie sahen die Menschen nicht, die herbeigeeilt waren, um eine Schneise zu schlagen und dem Feuer Einhalt zu gebieten, vernahmen die Stimmen nicht, die ihre Namen riefen.
Undeutlich wie im Traum spürte Petka, daß ihn jemand an den Schultern rüttelte. „Alenow", klang es an sein Ohr, „Alenow", schwach, leise, als summte eine Mücke. Noch immer wurde er geschüttelt.
Als Petka endlich die Augen aufschlug, erblickte er über sich das Gesicht des Lehrers. Daran war weder etwas Erfreuliches noch etwas Besonderes. Viktor Nikolajewitsch hatte ein wachsames Auge auf Issajew. Petka wußte das aus Erfahrung. „Alenow — Petka, wo ist Alenow? Hörst du? Wo ist Jurka Alenow?"
„Dort", flüsterte Petka kaum hörbar. „Wo? Zeig es mir."