Es war nur noch ein Piepsen. Dann wurde es still. Das Gesicht des Lehrers verwandelte sich in das der Mutter und verschwand.
XIII Wasser
Derselbe Wind, der das Feuer durch den Wald gejagt hatte, schob vom Ozean drohende Regenwolken heran. Über der Tunguska färbte sich der Himmel grau. Im Gebiet des Mittellaufs gingen schwere Regengüsse nieder. Die Mitteilungen der Wetterwarten waren an diesen Tagen einförmig und kurz.
„Regen", meldete Tura.
„Regen", hieß es in Iskup.
„Regen", bestätigte trostlos auch Bachta.
Das Wasser rann in alle Mulden und Senken. Es floß in die angeschwollenen Bäche. Die Bäche wurden zu Flüßchen, die Flüßchen zu Flüssen. Die Flüsse ergossen sich in die Tunguska, die ihre trübe, stark gestiegene Flut hastig auf den Jenissei zuwälzte, um die ungeheure Bürde loszuwerden.
Von den Wolken blieb Ust-Kamensk verschont, die zogen weiter östlich vorüber, nicht aber vom Regenwetter. Dafür sorgte die Tunguska. Sie erreichte einen Stand fast wie im Frühling, wirbelte die an ihren Ufern lagernden Holzstapel durcheinander, riß einen zur Reparatur aufgestellten Kutter um, würde, falls das so weiterging, oberhalb der Stromschnellen sicher noch das Tau einer Barke kappen.
Auf dieser Barke befand sich Lena.
Sie saß inmitten von Drahtrollen, Schlafsäcken und Kissen in der kleinen Kajüte und lauschte dem Glucksen des Wassers, dem Klappern des Sperrholzes auf dem Dach. Die Barke legte sich auf eine Seite, rutschte scharrend über die Steine, stieß gegen das Ufer.
Lena biß sich auf die Lippen.,,Von mir aus", flüsterte sie, „von mir aus. So ist es richtig."
Sie fühlte sich einsam. Vor einer Stunde war Ljoschas Zelt zusammengeklappt. Ljoscha hatte das sehr lustig gefunden. Gelacht hat er, dachte Lena empört.
Professor Filatow ist tot, alles ist stehengeblieben, kalt und still geworden, er aber hat gelacht.
Die anderen hatten in Ljoschas Lachen eingestimmt.
Da hatte sich Lena zutiefst gekränkt gefühlt, mit keinem mehr sprechen wollen und die Einsamkeit gesucht.
„Von mir aus", flüsterte sie wieder und legte in diese Worte alles hinein, was sie empfand: ihren Ärger über den Wind, der auf dem Dach mit dem Sperrholz klapperte, ihren Zorn auf Ljoscha — und auf Sergej Michailowitsch, der den dummen Einfall gehabt hatte, das Lager an einen Ort zu verlegen, wohin Petka und seine Freunde bestimmt nicht zu Besuch kommen konnten.
Alles war wie verhext auf der Welt.
Während Lena noch darüber nachdachte, wie schlecht es jetzt war, merkte sie, daß die Barke nicht mehr hin und her gestoßen wurde. Das Brett, das mit dem andern Ende auf dem Ufer lag, polterte gegen die Bootswand und schlug ins Wasser.
„Von mir aus", wiederholte Lena, diesmal ohne den Sinn der Worte zu erfassen.
Sie tastete sich an Deck. Was für eine merkwürdige Stille auf einmal eingetreten war. Die Steine knirschten nicht mehr, der Wind schwieg, die Sperrholzplatte hatte zu klappern aufgehört. Nur die Wellen schwappten noch mit bösem, kurzem Klatschen gegen die Wände.
Lena wußte, daß die Strömung das Schiff losgerissen hatte, ängstigte sich jedoch nicht sonderlich. Sie schwamm auf einem Fluß, nicht im Meer. Über kurz oder lang mußte die Barke wieder ans Ufer getrieben werden. Es war alles halb so schlimm.
Während Lena diese Überlegung anstellte, ließ Sergej Michailowitsch alles stehen und liegen, um am Fluß nach dem Rechten zu sehen. An seiner Seite schritt Ljoscha. Er sollte die Schlafsäcke von der Barke holen. Als sie das Ufer erreichten, wunderten sie sich, daß die Barke nirgends zu sehen war. Zunächst glaubten sie, sich in der Stelle geirrt zu haben.
Ljoscha lachte sogar auf. „Eine Fata Morgana", rief er, „und was für eine! Bei einer gewöhnlichen Fata Morgana erblickt man, was gar nicht vorhanden ist. Wie sich zeigt, kann es auch umgekehrt sein. Was sagen Sie dazu, Genosse Vorgesetzter?"
„Das ist keine Fata Morgana", entgegnete Sergej Michailowitsch, der blaß geworden war, und deutete auf das um einen Baumstamm geschlungene Tauende. „Die Stromschnellen, Ljoscha."
Sie sahen den Fluß hinunter und entdeckten die Barke, die mit der Strömung trieb. Ohne noch ein Wort zu verlieren, setzten sich beide Männer in Bewegung. Die Schuhsohlen quietschten auf dem Sand. Sie rannten mit kurzen Trippelschritten wie auf einer Eisbahn, stolperten über Steine, fielen hin. Noch wußten sie nicht, was zu tun war, sondern folgten einfach dem Drang, näher an die Barke heranzukommen. „
Quer durch die Taiga", keuchte Ljoscha. An dieser Stelle machte die Tunguska einen weiten Bogen. Um den Weg abzuschneiden, schlugen sich die Männer durch dorniges Gebüsch. Ihre Hemden gingen in Fetzen. Ein Zweig, den Ljoscha zurückschnellen ließ, traf Sergej Michailowitsch mitten ins Gesicht. Gut, daß es nicht in die Augen ging, dachte er mechanisch, sonst würden wir es bestimmt nicht schaffen.
Völlig zerschunden kollerten sie die Böschung hinunter. Am Ufer lag ein Boot. Ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie es an diese Stelle gekommen sein mochte, sprangen sie hinein und stießen ab.
„Sergej Michailowitsch", schrie Jurka aufgeregt, „wo wollen Sie hin?"
Erst jetzt gewahrten sie den Jungen, der zusammengekauert im Heckteil hockte.
„Los, raus mit dir!" schrie Sergej Michailowitsch.
Das war leichter gesagt als getan. Die Barke näherte sich den Stromschnellen und das Ruderboot der Barke. Man durfte keine Minute verlieren. Sie würden entweder zu viert umkommen oder gemeinsam das Ufer erreichen.
Als das kleine, schon bedenklich mit Wasser gefüllte Fahrzeug gegen die Barke rannte, war Lena nicht auf Deck. Sergej Michailowitsch angelte nach oben, stieß sich mit den Beinen vom Bootsrand ab und landete mit Schwung auf der Barke. Infolge des Stoßes legte sich das Boot auf die Seite und schöpfte noch mehr Wasser. Ein verzweifelter Ruderschlag Ljoschas brachte das Boot wieder an die Barke heran. Abermals schwappte Wasser über den niedrigen Rand. Ljoscha half Jurka hinaufzuklettern, griff in den Ankerring und schwang sich gleichfalls an Bord. Als Sergej Michailowitsch und Lena aus der Kajüte kamen, schaukelte das orangefarbene Boot bereits in großer Entfernung.
Die Strömung nahm zu. In rasender Hast jagten die Ufer vorüber. Die Stromschnellen waren nicht mehr fern. „Den Anker werfen!" schrie Sergej Michailowitsch.
Eilfertig packte Ljoscha zu. Der Anker flog über Bord. Ein Ruck lief durch die Barke. Die Kette spannte sich straff, erschlaffte jedoch gleich wieder. Eine Sekunde später erschütterte ein erneuter Stoß das Deck. Abermals riß sich die Barke los und trieb weiter auf die Stromschnellen zu. Der selbstgefertigte Anker scharrte über den Grund. Er faßte nicht.
Sergej Michailowitsch stand mit zusammengepreßten Lippen neben Lena, die spürte, wie seine Hand hart wurde. Im Bug lehnte Ljoscha. Er sprach pausenlos vor sich hin und glich einem Schamanen, der Beschwörungsformeln durch die Zähne murmelte. Die Strömung trieb das Boot dichter ans rechte Ufer heran. Dort wurde es flacher, der Grund war steinig. Wiederum straffte sich die Ankerkette. Sie klirrte. Die Barke drehte sich am Ort. Das Wasser sprudelte gegen den Bug. Die Ufer standen still. Schaumflocken huschten vorbei, halb untergesunkene Äste und Zweige. Bis zu den Stromschnellen war es kein Kilometer mehr.
Jeder der vier Menschen an Deck beurteilte die Lage auf seine Weise. Sergej Michailowitsch starrte ernst und finster in die Taiga. Er hoffte auf ein Wunder. Jurka schloß die Augen, weil er die reißende Strömung nicht mehr sehen konnte. Ljoscha fluchte. Lena begriff noch nicht, was vorgefallen war. Tief und dumpf sang die straff gespannte Ankerkette. Der Wind eilte der Strömung zu Hilfe. Nochmals riß sich die Barke los und trieb etwa fünfzig Meter weiter, bis sie wieder stillstand. Ein Kreuz ist das mit dem Anker, dachte Ljoscha, so ein Murks.