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XIV  Sturm

Der Wind, der die Wolken herbeitrieb, fegte auch über den Jenissej. Auf der kilometerbreiten Fläche konnte er sich nach Herzenslust austoben. Wo die Tunguska mündete und Strömung mit Strömung zusammenstieß, schlugen die Wellen besonders hoch. Hier herrschte ein wildes Getümmel von aufeinanderprallenden Wassermassen. Ein großer Teil der Wogen wurde den Jenissej hinuntergetrieben, aber es gab auch welche, die ins Bett der Tunguska rollten. Sie überstürzten sich förmlich, schössen die Anlegestelle empor und teilten weithin schallende Schläge aus.

Das Rumoren des Sturmes störte den Hafenmeister bei der Arbeit. Er saß im zweiten Stock in seinem Zimmer und konnte sich nicht konzentrieren. Vor ihm stand die Schreibmaschine, die er sich für einen halben Tag geliehen hatte.

Pawel verfaßte seine neueste Eingabe.

Draußen schlugen die Wellen gegen den Uferrand. Das Geräusch veranlaßte den Hafenmeister, die Stirn zu runzeln und aufzustehen. Er wanderte durchs Zimmer, setzte sich wieder auf die Kante des Stuhls. Unsicher tippten seine Finger die letzten Wörter. Nach vollbrachtem Werk las er das Gesuch noch einmal durch und schickte sich an, den Briefbogen auszuspannen. Wenn es hierzu nicht kam, so nur, weil in diesem Augenblick, ohne anzuklopfen, der Matrose ins Zimmer platzte. 

„Die Boje, Pawel, die rote Boje hat sich losgerissen. Sie ist abgetrieben. Fehlt nur, daß jemand die Fahrrinne nicht kennt. Dann gibt's Ärger." 

Der Hafenmeister nahm den Feldstecher und eüte nach draußen. Weit von der Anlegestelle entfernt schaukelte eine rote Pyramide auf dem Wasser. Sie bewegte sich auf das linke Ufer zu. Es wäre halb so schlimm gewesen, wenn dort unten nicht eine Sandbank läge. Darauf konnte die Boje hängenbleiben. Ein Dampfer, der ordnungsgemäß zwischen Ufer und Markierungszeichen hindurchsteuern wollte, mußte unweigerlich auf Grund laufen. 

Pawel verzog finster das Gesicht. „Schöne Bescherung. Wir müssen sofort hinfahren." 

Der Matrose widersprach. „Wie denn? Bei diesem Sturm? An Rudern ist überhaupt nicht zu denken. 

Außerdem — was geht es uns an? Soll sich der Wasserschutz darum kümmern."

„Wenn wir es bemerkt haben, geht es uns sehr viel´an. 

„Das stimmt ja, im allgemeinen. Aber bei diesem Sturm?"

„Hol die Ruder", befahl der Hafenmeister. Er wollte allein fahren. Der Matrose, der mit den Rudern zurückkam, kratzte sich den Nacken und trat von einem Fuß auf den andern. Schließlich sprang auch er ins Boot.

„Was soll das!" rief Pawel. „Steig aus, ich schaffe das ohne dich." Er war jetzt heiter, fühlte sich mutig und stark.

Der Matrose erhob zwar noch Einwände, aber Pawel blieb bei seiner Forderung. Er war der Chef hier. So kam es, daß Pawel ohne den Matrosen fuhr. Auf dem Wasser wurde der Wind stärker. Der Hafenmeister hatte Mühe, die Richtung zu halten, obwohl er fast immer nur mit einem Ruder arbeitete. Nichts ist tückischer als die unberechenbaren Flußwellen. Sie sind kurz und steil und haben keinen Rhythmus, dem sich das Boot anpassen könnte. Während der Bug einen Wasserkamm durchschneidet, schwappt von hinten ein zweiter heran, schießt zischend über das Heck und ergießt sich auf den Ruderer. Der Wind peitschte die Wasserfläche, zerwühlte die Wellen, trieb einen Tropfenschleier vor sich her. Das Boot bäumte sich auf. Ohnmächtig glitten die Ruder durchs Wasser. Beim Zurückziehen spürte Pawel den hartnäckigen Widerstand der Luft. O ja, das war ein Sturm! 

Unruhig flatterten die Möwen. Papierschnitzeln gleich jagte der Wind sie über den Fluß. Mit dem Jackenärmel wischte sich Pawel das Wasser vom Gesicht, blickte den fortstiebenden Tröpfchen nach und lachte. Nicht einmal die Möwen kamen gegen diesen Sturm an.

Das schwerste Stück Arbeit bestand darin, die Boje zurückzubringen. Zum Glück wurde die Fahrt jetzt vom Wind begünstigt. Sonst hätte es Pawel nicht geschafft.

Während er den Anker an der Boje befestigte, drang viel Wasser ins Boot, das nur noch träge auf den Wellen schaukelte. Er durfte die Ruder nicht aus den Händen legen. Das Wasser schoß hin und her, drückte bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Als die Boje wieder an ihrer alten Stelle schwamm, nahm Pawel Kurs auf die Anlegestelle. Da geschah es.

Unbemerkt war eine hohe Welle herangewogt. Sie prallte gegen das Boot, bäumte sich auf und stand einen Augenblick lang als blasige, durchsichtige Mauer über dem Hafenmeister. Als sie zusammenfiel, bekam Pawel einen großen Schwapp auf die Beine. Das Boot war jetzt so schwer, daß er es nicht mehr richtig steuern konnte. Auch die nachfolgende Welle ergoß sich über den Rand. Durch den Aufprall wurde der Hafenmeister gegen die Wand geschleudert. Das Boot kenterte.

Ist das Wasser warm, dachte Pawel, als er von einer neuen Welle ein Stück fortgetragen wurde. Er tauchte hindurch, schwamm zum Boot zurück, schob sich mit dem Oberkörper auf den Kiel und krallte seine Finger in die glitschigen, wassergetränkten Bretter. 

Er hob den Kopf, sah das schwankende Ufer. In der Ferne, hinter vielen zerfetzten Wellen, tanzte die Anlegestelle. Auch jetzt fürchtete er sich nicht. Die Wogen ließen ihm keine Ruhe. Sie rollten heran, schlugen ihm ins Gesicht, ergossen sich auf seine Schultern. Verzweifelt, unter Aufbietung aller Kräfte, hielt er sich fest, aber die Finger erlahmten allmählich. Pawel war kein guter Schwimmer. Er preßte die Wangen gegen das rauhe Holz, hoffte, daß man ihn vom Ufer aus bemerken und hereinholen werde. Endlich fand er in einer Fuge Halt. Nun war ihm wohler. Er richtete sich mit dem Atmen nach den Wellen und brauchte, wenn sie über ihn hinwegschossen, kein Wasser mehr zu schlucken. 

Nahte noch immer keine Hilfe? Er hob den Kopf und erblickte das einzige Boot in Ust-Kamensk, das einen apfelsinenroten Anstrich trug. Es war gleichfalls gekentert. Wenn eine Welle darüber schlug, leuchtete die Farbe auf. Pawel dachte an die hellen Kuppeln von Atlantis, an das verwunderte, zugleich triumphierende Gesicht Jurkas, an die Stange mit dem Wimpel. Doch jetzt war das orangefarbene Boot leer. Hilflos trieb es auf dem Fluß.

Etwas Schreckliches mußte geschehen sein, ein Unglück. Er durfte nicht warten, mußte unverzüglich Menschen auf die Beine bringen, um die Kinder zu suchen.

Aber die Menschen waren am Ufer. Und das Ufer war mehr als einen Kilometer entfernt.

Der Mann, der soeben noch die letzten Kräfte angespannt hatte, um nicht vom Boot fortgerissen zu werden, der froh gewesen war, als seine Finger diesen Spalt fanden, löste jetzt den Griff.

Mit Mühe streifte er die Schuhe ab. Sie sanken auf den Grund. Die Jacke folgte ihnen. Und dann schwamm Pawel wie nie zuvor. Er preßte die Zähne zusammen, schluckte Wasser, blieb mit den Füßen in den Löchern der zerfetzten Hose hängen — aber er schwamm den Rekord seines Lebens.

Und doch — was waren alle Anstrengungen im Vergleich zu jener Strecke, die es zu bezwingen galt! Trunken schwankte das Ufer mit allem, was darauf stand, nebelhaft verschwommen auf- und niederhüpfend, immer stärker, immer schneller, bis Pawel nicht mehr wußte, wo die Wolken waren, wo die zappligen, das Gesicht peinigenden Wellen.

Als er zum letzten Mal emporgehoben wurde, erblickte er einen Kutter, der etwa so weit von ihm entfernt war wie das Ufer. Dann verließen ihn die Kräfte. Seine Sinne schwanden.

Der Kutter schwankte im Sturm, glitt stundenlang über den Fluß. Die beiden Boote wurden aufgelesen. Als sich die Nacht herabsenkte, fuhr er zurück. 

XV  Mehrere bedeutsame Entdeckungen

Die Stadt Ust-Kamensk hat zwei Leben. Erstens ist sie ein Teil des ganzen Landes. Zeitungen und Radio sorgen dafür, daß dies nicht vergessen wird. Die Zeitungen treffen mit fünftägiger Verspätung ein, aber sie werden nicht achtlos in die Ecke geworfen, sondern nach dem Lesen sorgfältig zusammengefaltet und aufgehoben. Einen Radioapparat gibt es fast in jedem Haus. Trotzdem sitzt man am Ersten Mai nicht daheim im Sessel, sondern steht auf einem öffentlichen Platz neben den Lautsprechersäulen, um gemeinsam der Übertragung aus Moskau zu lauschen. Niemand hat diese Sitte eingeführt. Trotzdem folgt ihr jeder. Die Post kommt mit dem Dampfer oder per Flugzeug. Die Flugzeuge sind immer in Eile; kaum gelandet, rollen sie wieder über die Bahn und steigen auf.