Выбрать главу

Der Lehrer lag, mit vielen Binden umwickelt, im Bett.

„Guten Tag, Viktor Nikolajewitsch", grüßte Dimka höflich. „Wie geht es Ihnen?"

„Ich danke euch, schon viel besser", erwiderte der Lehrer noch höflicher und machte ein freundliches Gesicht. „Nehmen Sie Platz, meine Herren Diplomaten."

Die beiden setzten sich zaghaft auf den Rand des Bettes gegenüber.

„Wenn die Schwester das sieht, fällt sie aus allen Wolken. Wenn der Arzt wüßte, daß ihr hier seid, wäre es noch schlimmer. Aber abgesehen davon — wie kommt's denn, daß ihr mich besucht?"

„Ich kann nichts dafür", rechtfertigte sich Dimka verwirrt. „Es war Petkas und Jurkas Einfall. Ich wollte kein Spielverderber sein. Außerdem brauchen Sie nicht zu denken, daß uns jemand gesehen hat. Wir haben uns wie harmlose Spaziergänger benommen."

Von draußen quetschte Petka die Nase gegen die Scheibe. Als er merkte, daß der Lehrer ihn gesehen hatte, verschwand er. 

Viktor Nikolajewitsch mußte lachen. „Na, ihr beiden", sagte er fröhlich, „dann macht mal das Fenster auf."

Jurka tat, wie ihm geheißen. Dimka hörte, daß er mit Petka flüsterte: „Das geht doch nicht. — Aber, hab dich nicht so. — Nein, wirklich, es geht nicht. — Er hat dich doch schon gesehen."

Schließlich tauchte Petkas verwirrtes Gesicht wieder auf.

„Ach, du bist das?" fragte der Lehrer. ,,Na, dann tritt näher." 

„Ja, gern", brummte Petka leise, „ich kam zufällig vorbei."

„Du bist mir wohl immer noch böse, Issajew? Wollen wir nicht endlich Frieden schließen?"

„Böse? Ihnen? Wie kommen Sie darauf?" Petka war starr vor Staunen.

„Früher hatte ich den Eindruck. Aber das ist jetzt unwichtig. Erzählt mir lieber, warum ihr ins Feuer gerannt seid."

„Das war keine Absicht", sagte Dimka. „Wir haben was gesucht."

„Was denn?"

Dimka blickte fragend zu Jurka hinüber. Sollte er es verraten oder nicht? 

„Atlantis", erwiderte er, als Jurka nickte.

Jetzt wird sich der Lehrer aber wundern, dachten die Freunde. Daß er vor Erstaunen sogar den Kopf aus dem Kissen hob, hätten sie freilich nicht erwartet.

„Atlantis?" fragte Viktor Nikolajewitsch. „Warum gerade Atlantis?"

„Atlantis, wissen Sie", erklärte Jurka bereitwillig, „das ist ein Land. Eigentlich müßte man sagen, es war eins. Vor langer Zeit, ich glaube, es ist schon mehrere tausend Jahre her, versank dieses Land im Meer. Da dachten wir uns, vielleicht hat Atlantis in unserer Gegend gelegen, hier war ja früher Wasser. Aber Sibirien kommt nicht in Frage, nur der Atlantische Ozean. Trotzdem, schön muß es dort gewesen sein, wunderschön, das steht fest. Alles war aus Gold und Marmor."

„Ich weiß", sagte Viktor Nikolajewitsch nachdenklich. „Mich würde eins interessieren. Sagt mal, habt ihr vielleicht ein blaues Heft gefunden? Auf einem Berg der Insel Azoris..."

„Auf einem Berg der Insel Azoris steht ein steinerner Reiter, der das Gesicht dem Meer zuwendet und mit der Hand nach Westen zeigt", deklamierte Jurka. Er wußte den ersten Satz auswendig.

„Richtig", bestätigte der Lehrer, „ein steinerner Reiter. Jetzt ist mir auch klar, was für ein Heft das war, das ihr mir nicht zeigen wolltet. Ich hatte es in die Manteltasche gesteckt. Bei meiner Ankunft muß ich es verloren haben."

„Seht ihr, es gehört keinem Schriftsteller", rief Dimka erfreut. Er dachte an ihr Gespräch von neulich. „Das habe ich euch gleich gesagt."

Jurka überhörte die Bemerkung. „Stimmt denn aber alles, was in Ihrem Heft steht?" wollte er von Viktor Nikolajewitsch wissen.

Er stellte sich Marmorpaläste und Türme vor, die ganze schneeweiße Stadt über dem blauen Meer.

Der Lehrer schien seine Gedanken zu erraten: „Ja, das stimmt, Jungs", sagte er, „oder es stimmt auch nicht, wie man's nimmt. Früher träumte ich davon, Atlantis zu entdecken. In den Büchern wurde viel gemutmaßt. Wirkliche Anhaltspunkte gab es fast gar nicht. Weil ich so viele Fragen hatte und keine Antwort darauf fand, nahm ich die Phantasie zu Hilfe."

„Dann haben Sie wohl alles erfunden?" fragte Jurka enttäuscht.

„Aber nein. Atlantis hat tatsächlich existiert. Versteht ihr? Nur weiß eben niemand, wie es dort ausgesehen hat. Da habe ich versucht, mir ein Bild zu machen, das meinen eigenen Wünschen entsprach. Später, als ich älter wurde, begriff ich, daß es viel interessanter ist, wirklich etwas zu entdecken, als nur zu träumen. Aber das versteht ihr jetzt nicht, nein? Ich will versuchen, euch alles zu erklären."

„Das ist nicht nötig", fiel ihm Jurka ins Wort. „Ich weiß genau, was Sie meinen. Ich hatte einen Freund, Pawel Alexejewitsch. Er war sehr mutig und wollte als Seemann auf ein Schiff gehen. Kein Mensch wußte, wie mutig er war. Jetzt werden die Zeitungen von ihm schreiben."

Die Jungen blickten den Lehrer an, als sähen sie ihn zum erstenmal. Ihnen schien, daß dort im Bett ebenfalls ein Junge säße, der sich zum Spiel ein Land ausgedacht hatte. Auch er hatte gesucht — und nichts gefunden. Vielleicht kam er ihnen deshalb jetzt einfacher und verständlicher vor.

Das war die zweite Entdeckung, auch wenn sie sich's noch nicht eingestehen wollten. — Als sie aus dem Krankenhaus ins Freie traten, sagte Petka: „Daß es sein Heft ist, hätte ich nie für möglich gehalten."

Am Abend dauerte es lange, bis Jurka müde wurde. Er schritt durchs Zimmer und wollte aller Welt erzählen, was sich zugetragen hatte. Da er aber nicht wußte, wem er sich anvertrauen sollte, rückte er schließlich einen Stuhl an den Tisch und griff nach dem Notizblock. Lange kaute Jurka am Bleistift. Dann schrieb er: „Unser Städtchen heißt Ust-Kamensk. Im Winter ist es sehr kalt, und im Sommer gibt es viele Mücken, weil wir am Jenissej und an der Tunguska liegen." 

Beim Schreiben merkte er, daß ihm der Bleistift nicht gehorchte. Die Sätze, die er aufs Papier kritzelte, waren anders als seine Gedanken. Er wollte kräftiger schreiben, die Menschen packen. Seine Worte sollten dröhnen wie Trompeten. 

Er strich alles durch und begann von vorn. Aber auch die neuen Sätze erschienen ihm kümmerlich und schwach. Sie wirkten kindlich. Man müßte lernen, wie ein Erwachsener zu schreiben.

Gegen Mitternacht kam die Mutter. Sie steckte ihn ins Bett. „Weißt du, Mutti, was ich einmal werden möchte?" fragte er. „Schriftsteller."

Es war seine dritte Entdeckung. 

XVI  Der Weg

Ende August färbten sich die Taigaseen dunkel. Auf dem Wasser schwammen Blätter: goldene Schiffchen mit gezackten Rändern, per frühe Herbst strich die Bäume an. In bunten Flammen verbrannte die sommerliche Pracht des Waldes. Die Sonne wärmte nicht mehr. Kalter Wind fegte übers Land. Die Schiffe, die aus dem Norden kamen, heulten mit verschnupftem Baß, als hätte an der Küste schon der Winter seinen Einzug gehalten.

Ende August wollte Lena abreisen.

Zusammen mit ihrem Vater und Sergej Michailowitsch traf sie in Ust-Kamensk ein. Als die drei Ankömmlinge sich nach dem Haus der Alenows durchgefragt hatten, war es schon Abend. Erstaunt sah Lenas Vater den verlegenen Jungen an, drückte ihm lange die Hand und murmelte: „So siehst du also aus. Ich hätte mir dich anders vorgestellt, größer und älter."

Nachher saßen Jurka und Lena vor dem Haus auf einem Balken. Jurka erzählte von dem Waldbrand und vom Hafenmeister. 

Lena war schmal geworden seit ihrer letzten Begegnung. Der volle Zopf, der ihr über die linke Schulter hing, wirkte unnatürlich lang. Sie machte einen zerfahrenen Eindruck, lächelte höflich, aber traurig und hörte nicht aufmerksam genug zu. Vielleicht fiel ihr der Abschied schwer?

Ab und zu bewegte sie die Lippen, als wollte sie seine Worte wiederholen. Als Jurka dies bemerkte, dachte er, daß es schön sein müßte, mit Lena in eine Klasse zu gehen. Dann fragte er sich, wie er eigentlich aussehe. Gut? Er verspürte den Wunsch, ein hübscher Junge zu sein.