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In der Mitte der Bucht hörte Wenka auf zu rudern. Er lauschte. Das Geräusch, das von der nahen Insel her an sein Ohr drang, war lauter geworden. Durch die Fäuste blickte Wenka über das Sonnenfunken sprühende Wasser. Zuerst sah er die Masten. Dann tauchte eine niedrige Deckkabine über den Steinen auf. Zum Schluß kroch der ganze Trawler ums Kap. Anfangs behielt das Schiff seinen Kurs bei. Nach einer Weile schwenkte es auf die Sonnenstraße ein, die zu dem Boot führte.

Wenka lachte, legte sich in die Ruder und begann zu kurven. Auch der Trawler vollführte eine Schwenkung, bis er abermals auf den Bug des Bootes zielte. Wenka gebrauchte nur das rechte Ruder. Danach wurde auf dem Trawler das Steuer scharf in die gleiche Richtung geworfen. Das Boot war jedoch wendiger, es fuhr in einem kleinen Kreis, das Schiff in einem großen. Der Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen betrug noch immer hundert Meter.

„Wenka, du bist ein Schuft!" erklang es vom Trawler durch das Sprachrohr. „Halt an, sonst ramme ich dich!" 

Es war eine Kapitulation. Wenka lachte wieder. Er ließ die Ruder fahren.

In weitem Bogen glitt der Trawler auf das Boot zu. Aus der Deckkabine kam der Steuermann, ein Bursche in braunem Sweater und mit Turnschuhen an den nackten Füßen.

„Wenka", rief er drohend, „willst du mit uns Katze und Maus spielen?"

„Ich habe gar nicht gewußt, daß ihr in der Nähe wart", erwiderte Wenka mit ernstem Gesicht. „Bei der ,Möwe' ist das anders. Die hört man schon von weitem."

Die Matrosen an Bord feixten. Der Steuermann hatte früher auf der „Möwe" gedient und war wegen seiner Schlafmützigkeit auf den Trawler versetzt worden.

„Verschwinde!" knurrte der Steuermann.

„Schön", erwiderte Wenka, „mache ich." Er bewegte die Ruder. Langsam entfernte sich sein Boot von dem Trawler.

Das behagte dem Steuermann wenig. Er schlug einen anderen Ton an. „Warte doch!! Trägst du Briefe aus?"

„Natürlich."

„Für mich ist nichts dabei?"

„O doch." 

„Wirklich?"

„Wirklich."

„Und wenn du lügst?"

„Und wenn ich nicht lüge?" fragte Wenka.

„Was ist es denn für eine Handschrift?" rief einer der Matrosen. „Eine männliche?"

Auf dem Trawler wurde gelacht. Über einen Monat war das Schiff auf der unruhigen Barentssee gekreuzt. Jetzt ging es heim. Die Männer waren bereit, sich über den dümmsten Witz zu freuen.

„Eine Frauenhandschrift", antwortete Wenka. Er wußte, daß der Steuermann, der aus einer anderen Gegend stammte, Post von einer gewissen Jelena Bogatkina aus Kalinin erwartete.

„Was wird im Kino gespielt?"

„Jetzt läuft ein deutscher Film", erwiderte Wenka, „für Jugendliche unter sechzehn nicht zugelassen."

„Und in dem andern?"

„Ein italienischer, auch erst ab sechzehn."

Der Steuermann lachte. „Pech für dich."

„Was heißt Pech?" Wenka tat erstaunt. „Ich war schon drin. Es ist großer Quatsch. Nichts als Knutschen."

Die leichte Brise trieb das Boot vom Trawler ab. Man mußte wieder schreien. Wenka fühlte sich geschmeichelt. Seinetwegen hatte das Schiff in der Mitte der Bucht gestoppt. Von ihm, ausgerechnet von ihm wollte die Mannschaft sämtliche Neuigkeiten erfahren.

Als nach vielem Hin und Her die Sirene heulte und der Trawler seine Fahrt zum Heimathafen fortsetzte, fiel Wenka ein, daß er vergessen hatte zu fragen, wann das Schiff seines Vaters vom Fang zurückkehrte.

Er stöhnte, wendete und ruderte weiter. Der Bug bohrte sich durch die Sonnenstraße. Hinter dem Heck glitzerten Tausende scharfkantiger Funken. Die Sonnenstraße sah aus, als wäre ein Verschwender hier entlanggekommen und hätte Diamanten und Edelsteine hingeschüttet, damit ein lichtsprühender Pfad entstand.

Hinter dem Halbrund der Bucht erhoben sich blaue Berge. An ihrem Fuße standen die Gebäude des Staatlichen Fischkombinats. Wenka brauchte noch eine Stunde, um das Ufer zu erreichen. Als er angekommen war, nahm er das in Wachstuch gehüllte Paket mit den Briefen und sprang aus dem Boot.

Offenbar hatten ihn die Leute schon von weitem erspäht. Als er durch die Häuserreihen schritt, wurden zu beiden Seiten die Fenster aufgerissen.

„Wenka, ist für mich nichts dabei?"

„Leider nein."

„Hast du was für mich?"

„Nein, nein, heute kriegt nur einer was."

Aus der Werkstatt kam Ilja Sykow, ein Maschinist, heraus.

„Tag, Seemann. Bist du zu den Briefträgern übergelaufen?"

„Jawohl", erwiderte Wenka. „Ilja Iwanowitsch, wo finde ich Schawrow? Ich habe einen Einschreibebrief für ihn. Er soll wohl hier arbeiten. Ich habe ihn nie gesehen." „Zeig mal her."

Der Maschinist drehte den Brief in der Hand. Um besser sehen zu können, ließ er das Licht darauffallen. Über sein Gesicht huschte ein zufriedenes und — wie es Wenka schien — schadenfrohes Lächeln.

„Sieh mal an", meinte er, ,,P. E. Schawrow. Ja, das hat seine Richtigkeit. Da hat sie ihn also doch noch aufgespürt." Er beugte sich zu Wenka herab und flüsterte ihm ins Ohr: „Er ist in der Werkstatt, bringt gerade Schwimmer an. Geh rein und laß ihn eigenhändig unterschreiben. Er wird bestimmt versuchen, die Annahme zu verweigern. Du mußt Rückgrat zeigen."

„Warum will er den Brief nicht haben?" wunderte sich Wenka.

„Das ist seine Art. Ein komischer Kerl."

In der Werkstatt war ein Netz aufgespannt. Davor stand ein Mann, der dreißig Jahre alt sein mochte. Da er bis zum Gürtel nackt war, konnte Wenka die Tätowierung auf seiner Brust erkennen: eine Katze, die eine Maus jagt.

„Guten Tag", grüßte Wenka, „Sie haben Post."

Der Mann streckte die Hand aus, warf einen Blick auf den Absender und reichte den Brief zurück.

„Wer sagt dir denn, daß er an mich gerichtet ist?"

„Dort steht P. E. Schawrow. Das sind Sie."

„Na und?"

„Na ja, das ist eben Ihr Brief", erklärte Wenka unsicher.

„Und wer bist du?"

„Wie soll ich das sagen?"

„Doch nicht der Briefträger?" „Ach wo, ich helfe nur aus."

„Wenn du nicht der Briefträger bist, brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Verwandte habe ich nicht, und ich wüßte nicht, wer mir schreiben sollte. Also, es hat mich sehr gefreut."

„Aber Sie sind doch P. E. Schawrow?" vergewisserte sich Wenka leise.

„Ob ich P. E. bin oder XYZ, das kann dir doch völlig gleichgültig sein."

Geknickt schlich Wenka davon.

,,Er war wohl sauer?" fragte Sykow.

„Er will den Brief nicht haben", erwiderte Wenka zerknirscht.

Sykow trat an die Werkstattür und sprach in das Halbdunkel hinein: ,,Paschka, warum machst du es dem Jungen so schwer? Er tut nur seine Pflicht. Nimm den Brief. Ja?"

„Seit wann hast du mir Vorschriften zu machen?" Paschkas Stimme klang böse. „Kümmere dich darum, daß dein Motor in Ordnung ist. Ob ich den Brief annehme oder nicht, geht dich einen Dreck an."

Sykow lachte. „Falls ich dir nicht genüge, trommeln wir die Brigade zusammen. Wenn die Jungs dich vornehmen, wirst du schon sehen, wen es angeht."

Schawrow warf Wenka eine giftigen Blick zu und stiefelte hinaus. Wenka, der kein Wort verstand, spürte, wie ihm der Gaumen trocken wurde. Er fühlte sich ungerecht behandelt. So war bisher noch niemand mit ihm umgesprungen.

 „Du darfst nicht lockerlassen", ermutigte ihn Sykow. „Das ist jetzt sehr wichtig. Klar?"

 „Ich habe die Nase voll", sagte Wenka.

 „Wie du meinst. Nur mußt du wissen, daß er in Leningrad einen fünfjährigen Sohn hat. Weil er kein Geld schicken will, verkriecht sich der Bursche vor seiner Frau und dem Kleinen. Neulich hat er geprahlt, daß sie ihn hier nicht finden werden. Wie du siehst, hat seine Frau es trotzdem geschafft. Sie ist viel zu gut, schickt ihm noch Briefe, statt die Angelegenheit dem Gericht zu übergeben."