Als die Frist um war, fehlte von der Maschine noch jede Spur.
Der Flughafen trat mit Janow-Stan in Funkverbindung. Dort war Gogas Flugzeug nicht gesichtet worden.
Es wurde Abend. Auch am folgenden Morgen kehrte Goga nicht zurück.
Da stiegen alle acht Maschinen seiner Abteilung auf, um ihn zu suchen. Bis zum Anbruch der Abenddämmerung kurvten sie über der Taiga, und die Piloten hielten nach den grünen Tragflächen Ausschau. Unverrichteterdinge kehrten die acht Maschinen zum Flughafen zurück. Niemand wußte zu sagen, was aus Goga und seinem kleinen Freund geworden war.
Fedjas Tante lief wie rasend durch das ganze Gebäude, von Zimmer zu Zimmer, von Stockwerk zu Stockwerk. Bis in die fernsten Winkel schallte ihre kreischende Stimme.
„Mörder!"
Die verstörten Piloten schlichen schuldbewußt an ihr vorbei. Die Kassiererin, die am Vortag Fedjas Flugkarte ausgeschrieben und das von Goga entrichtete Geld eingestrichen hatte, hockte verängstigt und zitternd in ihrem Kämmerlein. Aber die Stimme drang auch zu ihr. Sie bohrte sich unter die Kopfhörer des Funkers, sie schrillte durch die mit Filz abgedichtete Tür, die zum Arbeitszimmer des Chefs führte. Überall hörte man das gellende, beinah triumphierende Geschrei von Fedjas Tante.
„Mörder!"
Fedja saß neben Goga. Tief unter sich sahen sie die Windungen der Flüsse. Die Erde glich einem riesigen Eierkuchen. Sie war plattgedrückt und rund. Da sie fortgesetzt schwankte, verspürte Fedja leichten Schwindel. Wenn die Maschine eine Kurve zog, schien die Erdscheibe auf der Kante zu stehen, und der Schatten des Flugzeugs glitt darüber hin wie über eine Wand. Fedja war hellwach. Er reckte sich vom Sitz empor. Am ganzen Körper spürte er die Stöße und Schwankungen der Maschine. Die Kabine hatte dünne Wände. Wie klein und zerbrechlich die „Schawruschka" auf einmal wirkte. Fedja wagte sich nicht zu regen.
Allmählich schwand die Furcht. Fedja drehte sich zu Goga um und sah eine Zeitlang zu, was sein großer Freund tat, um das Flugzeug fest in die Gewalt zu bekommen.
Es war erstaunlich einfach. Goga hockte in gekrümmter Haltung auf dem Pilotensitz und preßte den Steuerknüppel mit kurzen Stößen vor und zurück. Gleichzeitig federten seine Beine auf den Fußhebeln. Die leichten Bewegungen flossen ineinander über. Fast sah es aus, als übte Goga einen modernen Tanz. Fedja dachte: Wenn er jetzt Steuerknüppel und Fußhebel losläßt, wird die ,,Schawruschka" genauso ruhig und gerade weiterfliegen.
Aber als Goga den Kopf wandte, um seinen kleinen Begleiter anzusehen, und dabei für eine Sekunde die Maschine sich selbst überließ, rutschte die Erdscheibe sofort wieder auf die Seite.
Etwa eine Stunde nach dem Start stieß der Flieger Fedja in die Seite und deutete mit einer Kopfbewegung über den Rand des Flugzeugs. Fedja reckte vorsichtig den Hals. Unter ihnen flatterten Wildgänse, eine große Schar. Fedja sah die schweren Flügelschläge und wunderte sich, weshalb die Vögel nicht vorwärts kamen. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, daß sie etwas langsamer flogen als die ,,Schawruschka".
Der Schatten des Flugzeugs fiel auf die Gänse. Die Flügelschläge wurden wilder. Jetzt war der Schwarm sogar schneller als die Maschine. Der Abstand wuchs wieder. Da gab Goga Gas. Der Motor heulte auf. Das Geräusch peinigte die Gänse. Sie gaben das Letzte her und ließen das Flugzeug abermals ein Stück hinter sich.
Fedja schmunzelte. Goga streifte ihn mit einem Blick, rückte seinen Helm zurecht und setzte sich fester in den Sessel.
Der Steuerknüppel fuhr nach vorn. Augenblicklich rutschte der Horizont in die Höhe und verschwand. Fedja merkte, wie er federleicht wurde. Das Flugzeug schien unter seinem Körper fortzugleiten. Er wollte schreien, daß Goga mit dem Unfug aufhören sollte, doch da wurde er schon auf den Sitz zurückgedrückt. Die Maschine lag wieder waagerecht. Sie flog mitten in den Gänseschwarm. Die Vögel stoben auseinander. Als Fedja begriff, daß alles vorüber war, freute er sich, die Furcht bezwungen zu haben. „Wir sind Sieger", rief er begeistert, „wir haben sie eingeholt."
Völlig überraschend machte eine der Gänse kehrt und flog der „Schawruschka" entgegen. Ob sie vor Schreck ihr bißchen Vogel verstand verloren hatte oder in einem törichten Anfall von Tollkühnheit hoffte, den Feind in die Flucht zu schlagen, ist schwer zu entscheiden. Jedenfalls huschte sie wie ein flüchtiger Schatten auf das Flugzeug zu. Fedja hörte einen dumpfen Aufprall. Ein Zittern lief durch die Maschine, die wie irrsinnig zu wackeln begann.
Mit einer blitzschnellen Bewegung schaltete Goga die Zündung aus. Schon hörte das Schütteln auf, genauso plötzlich, wie es begonnen hatte. Alles war still, unheimlich still. Mit Windeseile kam die Erde näher.
Entsetzt, aber mit einem Schimmer von Hoffnung in den Augen, blickte Fedja seinen Freund an. Goga war allmächtig, er hatte eine feste Hand, er vermochte sie zu retten. Fedja klammerte sich an diesen Gedanken wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Goga saß vornübergeneigt auf seinem Sessel, blinzelnd, als visierte er ein Ziel an. Das Flugzeug lag waagerecht. Es ergab sich dem kräftigen Mann, sank jedoch unablässig tiefer. Immer näher kamen die Spitzen der Fichten. Unten dehnte sich die Taiga.
Mit einer letzten, genau berechneten Bewegung des Steuerknüppels riß Goga die Maschine nach unten, hielt auf eine kleine, von jungen Tannen bewachsene Fläche zu.
Dann spürte Fedja Gogas Hand auf seiner Schulter. Sie drückte ihn gewaltsam zurück. Gleich darauf wurde der Bauch der Maschine von heftigen Schlägen erschüttert. Eine unwiderstehliche Gewalt zwang Fedja aus dem Sitz und riß ihn nach vorn gegen das Schaltbrett. Noch sah er die dahinrasenden Baumwände. Über seinem Kopf zuckten die Zweige. Ein letzter, schwerer Schlag traf die „Schawruschka". Fedja verlor das Bewußtsein.
Still war es rings umher. Durch den niedrigen Forst zog sich ein breiter Korridor von niedergewalzten Grashalmen. Wie aufgeschreckte Tiere zitterten die jungen Tannen. Nur langsam richteten sie ihre biegsamen Stämme wieder in die Höhe.
Als Fedja die Augen aufschlug, erblickte er über sich einen dunkelgrünen Himmel. Im Kopf pochte dumpfer Schmerz. Von der zerschundenen Stirn tropfte Blut auf den Anorak. Nach und nach wurde der Blick klarer. Fedja begriff, daß er nicht in den Himmel starrte, sondern in ein grünes Dach von Tannenzweigen. Goga saß nicht mehr neben ihm.
Vorsichtig kletterte Fedja aus der Maschine. Der Kopf schmerzte unerträglich. Es kostete große Überwindung, sich umzuschauen. Goga lag etwa fünf Meter vor dem zertrümmerten Flugzeug im Gras.
Fedja schwankte auf ihn zu. Jeder Schritt wurde zur Qual, war wie ein schmerzhafter Schlag in den Nacken. Neben Goga ging er in die Knie.
„Goga!"
Der Flieger schwieg. Er lag auf dem Gesicht, unmittelbar am Stamm einer Fichte. Der linke Arm war ausgestreckt, als hielte er noch den Steuerknüppel in der Faust.
Behutsam hob Fedja den schweren Kopf vom Boden auf. Er starrte in das vertraute Gesicht. „Goga!"
Der Flieger öffnete die Augen, sah Fedja mit einem trunkenen, verständnislosen Blick an.
„Ich komme ja schon", murmelte er ruhig, gleichmütig, bewegte die Hand, um sich an den Kopf zu fassen. Schmerz und Freude vermischten sich auf seinem Gesicht.
„Du lebst?" fragte er ungläubig.
„Mein Kopf", stöhnte Fedja.
„Aber du lebst. Ich muß mich aufsetzen. Hilf mir."
Fedja krallte die Finger in Gogas Lederjacke. Goga stützte beide Hände auf die Erde und rutschte mit dem Rücken gegen den Stamm der Fichte. Seine Stirn bedeckte sich mit Schweiß.
Er schloß die Augen und flüsterte stöhnend: „In der Kabine — in der Seitentasche — unsere Bordapotheke. Hol sie her."
Mühsam wankte Fedja zum Flugzeug, kroch in die Kabine, fand dort den kleinen Kasten und schleppte ihn zurück. Goga nahm eine Binde heraus, legte Fedja einen breiten Verband um die Stirn. Die Wunde hörte zu bluten auf.