Abel schob sich ins Innere, ohne ihn aus den Augen zu lassen: eine Wache! Hatte er nicht damit gerechnet? Er hatte nicht daran gedacht.
Aus dem Innern des Raumes kam ein Geräusch. Abel fuhr herum, aber er sah nichts – seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Ein Arm legte sich von hinten um seine Brust, eine Hand packte seinen Hals, ein Knie bohrte sich in seinen Rücken ... er verlor den Halt und kippte hintüber. Verzweifelt rang er nach Luft, ein Stöhnen quälte sich aus seiner Kehle.
»Warum spionierst du mir nach?« fragte Austin. »Hast du geglaubt, ich bemerke dich nicht?«
Abel wollte antworten, aber er brachte nur ein Ächzen heraus, das er sofort unterdrückte. Er wollte mit der Hand nach draußen weisen, aber es wurde ein hilfloses Rudern daraus, das Austin nicht verstehen konnte.
Der erste Schreck war vorbei. Abels Verstand arbeitete wieder.
Vor Austin hatte er keine Angst, Austin war nicht stärker als er; nur die Überraschung hatte ihm den ersten Vorteil geschenkt. Abel drehte den Kopf zur Seite, um seine Kehle zu schützen, und der Druck ließ etwas nach. Er brachte zwei Worte heraus. »Loslassen! Aufhören!«, aber Austin faßte nach und erstickte die Laute.
»Das möchtest du wohl, was?« spottete er.
Abel griff nach seiner Hand und rückte sie Zentimeter um Zentimeter von seinem Hals weg. Der Griff um seine Brust lockerte sich, aber der Druck des Knies schob ihn weiter hintüber. Ein starker Schmerz stach in seiner Wirbelsäule. Das alles regte ihn nicht weiter auf, aber das Bewußtsein, daß sich die Wache in jeder Sekunde um einen Meter näherte, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Seine Beine waren frei, und er versuchte, mit dem rechten Fuß die Tür zu erreichen, aber beim Ringen hatten sie sich um etwa einen Meter von ihr entfernt. So tauchte er sich und den andern, der an ihm hing, zur Tür, und endlich konnte er sie mit der Fußspitze berühren. Er nahm alle Kraft zusammen, um zu verhindern, daß sich die Bewegungen Austins auf sein Bein übertrugen. Dann drückte er die Tür langsam und ohne Lärm, aber fest zu. Das Schloß schnappte.
Jetzt erst richtete sich seine Wut gegen den andern. Er hob das Bein hoch über den Körper und traf den Kopf Austins schwer. Sofort öffnete sich dessen Griff, Abel schlüpfte heraus und drehte sich um, bereit, noch einmal zuzuschlagen. Draußen knirschten Schritte...
Austin machte eben eine schwache Bewegung auf Abel zu, da traf ihn ein rechter Haken. Austin kippte aus seiner sitzenden Stellung zu Boden.
Die Schritte waren vor der Tür...
Abel packte den Kameraden am Kragen ... geduckt lief er ein paar Schritte in den Raum hinein und schleifte ihn hinter sich her, in den Schatten eines Regals. Er selbst warf sich daneben, keine Sekunde zu früh...
Die Tür ging auf, ein Stück schwärzlichgrauen Himmels wurde sichtbar ... eine Silhouette erschien ... der Strahl eines Scheinwerfers tastete durch den Raum, erfaßte einen Packen aufgeschichteter, zusammengelegter Hemden, eine Kiste Helme, aneinandergereihte Dosen, Tornister, Gürtel, Stiefel. Er streifte das Regal, hinter dem sich die Männer verborgen hielten, klebte an den mit Tarnbemalung versehenen Leinwanddreiecken der Zweimannzelte, die wie Häute zum Trocknen an Schnüren hingen, traf die Scheibe eines an der Seitenwand lehnenden Fensterrahmens, von dem ein reflektierter Strahl auf den Fußboden sprang... Das Licht erlosch. Die Silhouette verschwand. Mit einem dumpfen Laut schloß sich die Tür. Abel und Austin blieben noch eine Minute liegen. Dann ging Abel zum Fenster und sah hinaus. Der Mann entfernte sich mit abgezirkelten, festen Schritten...
Abel drehte sich um. Austin hatte sich aufgerichtet. Er massierte sein Kinn.
»Du Narr«, sagte Abel. »Du verdammter Narr.«
»Warum spionierst du mir nach?« fragte Austin.
»Willst du mir vorschreiben, was ich zu tun habe?« fragte Abel zurück.
Austin machte eine unbestimmte Bewegung mit der Hand.
»Mach, was du willst«, sagte er, »aber laß mich in Ruhe.«
Er wandte sich ab und trat an die Wand. Langsam wanderte er an ihr vorbei.
»Du suchst wohl die Tür!« sagte Abel.
Austin ließ sich nicht stören. Er suchte weiter. Um die Vorräte kümmerte er sich nicht. Ihn interessierte nur die Wand – die Rückwand, die Schranke zur Außenwelt. Es war finster im Raum, und er mußte die Finger zu Hilfe nehmen, um jede Ritze abzutasten.
Abel beobachtete ihn nebenher. Seine Aufmerksamkeit galt den Vorräten. Es war nichts da, was er hätte brauchen können – keine Waffen, keine Munition. Nun, er war nicht darauf angewiesen. Es hätte ihm Mühe erspart, seinen Weg verkürzt, aber er war fast froh, daß es nicht zu einfach war. Hier gab es keine Waffen. Und das Waffenmagazin brauchte er nicht zu untersuchen. Es stand frei, mitten auf einem Exerzierplatz – und es hatte keine Tür. Die Waffenausgabe erfolgte automatisch, ausgelöst durch die Siegelringe der Korporale.
Abel stieß auf ein Wandbrett mit Taschenlampen. Er nahm zwei davon; eine steckte er ein, und eine reichte er Austin, der sie nach kurzem Zögern annahm.
Die Rückwand wies keine Tür auf. Da es auch keine Verbindung zum Nebengebäude gab, traten sie vor die Baracke und versuchten, die Tür zum Maschinenhaus zu öffnen. Auch sie bot keinen Widerstand.
Ein leises Surren zitterte in der Luft; sie roch schwach nach Ozon. Das Licht ihrer Taschenlampen, gedämpft durch die vorgehaltenen Finger, blieb am einzigen hängen, das auf den ersten Blick als bewegt zu erkennen war – schwere Kolben, die wie geschmeidige Gliedmaßen vor und zurück stießen. Das große Schwungrad, von dem das Surren ausging, schien dagegen still zu stehen – ein spiegelnder glatter Metallklotz. Nur eine Schraube lief daran rundum.
Austin trat sofort an die Rückwand. Abel sah sich aufmerksam um.
»Hier könntest du Glück haben«, sagte er. »Dieses Gebäude hat dieselbe Vorderfront wie das Vorratshaus, aber sein Innenraum ist schmaler. Hinten muß noch ein Raum sein.«
Austin sah ihn von der Seite an.
»Wozu interessiert dich das?«
»Nur so«, antwortete Abel. Er trat an eine große Schaltwand und versuchte sich zurechtzufinden. Mit Leuchtfarbe bestrichene Zeiger standen unter Glas über den Skalen. Darunter lag eine lange Reihe von Hebeln, durch Schaltzeichen untereinander und mit den Skalen verbunden.
Stirnrunzelnd stand Abel vor den Schaltern, wie vor einem Instrument, das man früher einmal flüchtig gekannt hat und dessen Beherrschung man sich jetzt nicht mehr recht zutraut. Das hier war ein Instrument der Macht. Richtig benützt, müßte es ihm die Herrschaft über das ganze Gelände und die Menschen darin schenken. Rauschhaft stieg dieser Gedanke in ihm auf. Er fühlte sich versucht, die Schalter zu drehen, die Hebel herumzureißen, und dann ... aber er unterdrückte diese wahnwitzige Idee. Bevor er sich über die Bedeutung nicht klar war...
Er konzentrierte sich auf die Zeichnung. Hier – das konnte das Schema der Lichtleitungen sein: der Kreis mit der Wellenlinie die Spannungsquelle, die Striche die Leitungen... Ja, nun konnte er den Schaltplan des Lichtes durchschauen. Es war gewissermaßen ein Abbild der Kasernenanlage selbst. Mit einem bitteren Lächeln stellte er fest, daß nirgends eine Linie nach außen führte. Es gab kein ›außen‹, das war wieder ein Beweis dafür, aber er teilte es Austin nicht mit.
Das Licht konnte Abel wenig nützen. Vielleicht ließ sich der Sender lahmlegen? Er suchte nach den Schaltzeichen, und er fand sie. Es juckte ihm in den Fingern, mit einem Griff das ganze Nachrichtenwesen der kleinen Gemeinschaft lahmzulegen – er wußte, wie wichtig das System der Fernsprechanlagen und Sender für das Funktionieren einer organisierten Gruppe ist –, aber er unterdrückte auch diesen Wunsch. Statt dessen wandte er sich einer Serie von Hebeln zu, die neben jenen der Sendeschaltung aus der Kunststoffwand ragten. Lange studierte er den Schaltplan, aber der Zusammenhang erschloß sich ihm nicht. Nur einzelne Zeichen waren ihm klar: die Ziffern 1 bis 12, Stromverzweigungen, Potentiale, und dazwischen eine Windrose. Endlich legte er die Hand an einen Knopfschalter und drehte ein wenig daran. Er sah sich um, er wußte nicht, was geschehen würde, aber er mußte es bemerken, bevor es schaden konnte... Und wirklich: irgend etwas hatte sich verändert, aber er erkannte nicht, was. Er spürte, wie aufgeregt er war. Etwas Bedrohliches war erwacht. Gehetzt blickte er um sich, dann richtete er seine Augen auf eine Anzeige-Nadel, deren sich eine leichte Unruhe bemächtigt hatte; sie pendelte in einem Anschlagbereich von wenigen Graden über eine Skala – das war alles. Er zwang sich, über sich selbst zu lachen. Behutsam drehte er den Kopf noch ein wenig, und noch um ein Stück. Wieder rührte sich nichts ... dann klirrte plötzlich das Fenster, und jetzt wußte er auch, was sich ereignet hatte, ohne daß es bis in sein Bewußtsein gedrungen war: Der Wind hatte sich verstärkt. Wieder lachte er über seine Nervosität, aber das Lachen lag plötzlich wie ein Klumpen in seinem Hals. Er starrte auf seine Hand, die noch immer auf dem Regelknopf lag. Der Verdacht eines ungeheuren Zusammenhangs war in ihm aufgestiegen. Er drehte den Knopf wieder in die Ausgangsposition zurück ... lauschte. Das Fenster klirrte noch, aber nicht mehr so stark, und bald wurde es wieder ganz still; es war keine Täuschung.