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Abels Hand zitterte. Wind und Sturm, dachte er. Die Windrose. Regen, Schnee. Hitze, Kälte. Licht und Dunkel. Wieder peitschte ihn ein Gedanke: Wußten die Korporale, die Wache schoben...?

Er hastete zum Fenster, sah hindurch. Nein, der Wachtposten hätte längst hier sein müssen. Sie wußten nichts. Für sie war Wind Wind und Regen Regen. Auch sie fraßen die Tabletten. Gut so. Wahrscheinlich wußte es nur einer: der Major. Und er: Abel!

Am oberen Rand der Schalttafel war eine Uhr in die Kunststofffläche eingesenkt. Der Stundenzeiger wies auf die Drei. Es war noch nicht spät, die Nachtübung hatte diesmal recht früh stattgefunden.

Abel blickte sich nach Austin um. Er ging zum Hintergrund des Raumes, dorthin, wo er ihn zuletzt hantieren gehört hatte. Aus einer spaltweit geöffneten Schiebetür fiel ein matter Lichtstreif über den Boden. Es war eine schwere Metalltür. Sie ließ sich mit Hebeln sichern, doch diese waren jetzt auf die Seite gelegt. Abel betrat einen Korridor. Notlampen spendeten trübes Licht, das ihn aber, der aus dem Dunkel kam, trotzdem die Augen schließen ließ. Er öffnete sie rasch wieder, Austin war nicht hier. Die Lampen liefen als schimmernde Perlenkette in die Tiefe des Ganges. Viele Türen lagen in der Wand. Alle, außer jener, durch die sie gekommen waren, waren geschlossen, und alle führten nach innen. Die Außenwand war leer, eine grauweiße Betonwand, roh gemauert, mit Tausenden feiner glitzernder Tröpfchen Kondenswasser überzogen.

Austin mußte hinter einer Ecke verschwunden sein. Abel ging in den Gang hinein. Bei jeder Tür blieb er stehen und lauschte. Er hörte nichts. Die Türen waren unwahrscheinlich dick. Durch miteinander zusammenhängende, an Achsen drehbare Hebel waren sie verschlossen, aber diese Maßnahme konnte nicht der Sicherung gegen Menschen dienen, denn keine Sperre verhinderte, sie zu öffnen. Abel neigte zur Annahme, daß sie auch von innen nicht gesichert wären – genausowenig wie die Tür, die sie benützt hatten. Gegen Menschen war keine Sicherung nötig. Abel dachte an die schwarzen Pillen – sie waren eine viel wirksamere Sperre. Wieder kam er an eine Tür – eine Tür mit geöffneten Hebeln! Sie war zugezogen, aber sie bewegte sich ohne Geräusch auf Rollen seitwärts, als Abel an einem Bügel antauchte.

Abels Hand verkrampfte sich am Bügelgriff. Drinnen war das helle Licht, und in dem Schein stand jemand, der ihm den Rücken zuwandte. Langes blondes Haar fiel über einen schmalen Rücken, der von einem roten Pullover bedeckt war. Ein enger blauer Rock spannte sich über runde Hüften. Er gab von rötlichbraunen Nylons bedeckte Waden frei. Die Füße steckten in blauglänzenden hochhackigen Pumps.

Eine helle Stimme sagte: »... einen Garten, Heckenrosen, Rehe ... Tannen, ein See. Brombeeren, der Geruch von Heu ... Efeu an der Mauer. Die Sonne ... ja, vor allem: die echte Sonne...«

Das Mädchen stand an einer chromblitzenden Maschine. Direkt vor ihr waren einige blockartige Kästen aufgebaut. Relais klickten, ein Lochstreifen lief.

»... eine Wiese, Zittergras, Moos. Wärme ... das Rauschen eines Brunnens. Und die Sonne...«

Die Relais klickten, der Lochstreifen lief. Dann war es zwei Sekunden lang still. Nichts bewegte sich. Das Mädchen wartete regungslos... Schließlich heulte die Maschine kurz auf. Eine Klappe öffnete sich. Das Mädchen streckte die Hand aus. Aus einer Rinne glitt ein Plastiktütchen heraus. Die Finger griffen zu, die andere Hand zerrte den Rock hinauf ... entblößte die Schenkel bis zu den Spangen des Strumpfbandgürtels ... das Tütchen verschwand unter dem Strumpf, der Rock wurde hinabgezerrt ... die Hände strichen die Falten glatt.

Ruckartig hob das Mädchen den Kopf und lauschte. Dann flog sie auf die Tür zu ... riß sie auf... Abel legte seine Hand auf den rotgeschminkten Mund und erstickte den Schrei. Er hielt das Mädchen eisern fest und zog die Tür wieder bis auf einen Spalt zu.

Zum erstenmal sah er in das Gesicht der Frau. Es war eine Frau. Es war ein blasses verhärmtes Gesicht, von Falten durchstrichelt. Die Augen blickten weit aufgerissen auf Abel. An den Lidern saßen lange gebogene Wimpern. Die Pupillen waren braun. In Abel fluteten Erinnerungen auf. Er preßte die Frau an sich, spürte ihre Wärme, den Duft ihrer Haare ... er drückte sein Gesicht an die blonde, weiche, seidige Masse...

Er zuckte zurück, als sie ihn in den Finger biß. Er hielt das Gesicht ernüchtert von sich ab ... der Ausdruck ihrer Augen war anders, als er erwartet hatte. Kein Ärger – eher Entsetzen. Dieses Entsetzen kam aus dem anderen Raum ... ihre Augen hingen am Türspalt. Auch Abel blickte hindurch: Vor ihm stand der Major, keine Armlänge von ihm entfernt, und blickte ihn an. Abel stand zu Eis erstarrt. Der Major streckte die Hand aus ... sie geriet aus dem Blickfeld ... die Tür schloß sich. Der Hebel bewegte sich. Es waren Hebel, die man von innen und außen bewegen konnte. Der Major hatte die Tür geschlossen.

Abels Hand sank vom Mund der Frau hinunter. Das Lippenstiftrot auf ihren Wangen war verschmiert.

»Laß mich los«, forderte sie.

Abel gehorchte. Sie wandte sich um und ging davon. Abel zögerte einen Moment, dann lief er ihr nach. Sie hörte die Schritte und drehte sich um.

»Rühr mich nicht an!« sagte sie.

Er lief neben ihr her.

»Was machst du überhaupt hier?« fragte sie. Sie erholte sich allmählich von ihrem Schreck. »Wie kommst du her?« Ihre Stimme klang tief und rauh. Sie blieb stehen und sah Abel an.

»Du hast dich selbständig gemacht, Kleiner! Gib es auf, es nützt dir nichts.«

Abel konnte den Blick nicht von ihren Augen lösen.

Vor diesem Blick wurde sie mißtrauisch. »Was starrst du mich so an? Warst du vielleicht schon einmal bei mir?«

Abel sagte noch immer nichts. Sie tätschelte seine Wange und sagte:

»Bist ein netter Junge. Schade um dich. Sie machen dich fertig.«

Sie wandte sich zu einer Tür und zog sie auf. Abel blickte in einen Raum voller Rohrleitungen. Sie trat ein, und als er ihr folgen wollte, sagte sie:

»Du mußt hier bleiben!«

»Warten Sie!« bat Abel.

»Es geht nicht. Es wäre sowieso fast schiefgegangen, heute. Hab keine Angst, ich zeig’ dich nicht an. Vergiß mich!«

Sie verschwand in der Tür und zog sie hinter sich zu.

Abel blieb kurze Zeit unschlüssig vor der Tür stehen. Dann schüttelte er die Überraschung von sich ab und zwang seine Gedanken in ruhige Bahnen. Er hatte einen von den ›Engeln‹ getroffen – doch was bedeutete das schon! Es bedeutete nichts in seinem Plan. Aber trotzdem hatte er gewonnen: Das letzte Steinchen war in sein Mosaik eingefügt: Er wußte, wie er an den Major herankommen konnte. Er hatte sich oft ausgemalt, wie er es tun würde – daß er während der Befehlsausgabe aus den Reihen stürmte und ihn mit Kugeln durchlöcherte, daß er während des Vorbeimarsches aus den paradierenden Reihen heraus feuerte oder bei einer Nachtübung an ihn heranschlich, bis er ihm die Pistole in den Rücken setzen konnte. Alles das war nicht so sicher, und, vor allem, es ließ dem Major zuwenig Zeit. Denn das war wichtig: Er mußte es begreifen, bevor er starb, mußte begreifen, daß ein anderer stärker war, daß nicht alles geschah, was er wollte, daß seine ganze wunderbare Welt aus Soldatentum wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzte.