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Abel hielt nichts mehr in diesen Mauern. Am liebsten wäre er auf dem schnellsten Weg zurückgekehrt: in die Unterkunft, in die Sicherheit des Anonymen, der Masse. Sein Plan durfte durch keinen überflüssigen Schritt gefährdet werden.

Aber da war ja noch dieser Narr, Austin. Er fragte sich, wozu er ihn eigentlich brauchte; es war doch alles so geplant, daß er es allein tun konnte! Vielleicht hatte er den andern von Anfang an nur als wissenden Zeugen seiner Tat vorgesehen – er war der einzige, der das Ungeheure daran begreifen mochte. Aber er konnte im letzten Moment alles gefährden! Abel machte sich auf die Suche. Er lief durch den Korridor, bog um zwei Ecken, und da war es, was er niemals erwartet hätte: An der Außenwand war eine Klappe offen.

Auf allen vieren kroch er durch. Hier gab es keine Notbeleuchtung, er drehte die Taschenlampe wieder auf. Der Raum, den er betreten hatte, sah aus wie eine Höhle. Einige Schritte ging es waagrecht weiter, dann kamen Stufen – Stufen, die hinaufführten! Von vorn hörte er Geräusche. Es rollte dumpf. Er rief:

»Austin!«

Der Lichtkegel seiner Taschenlampe tanzte vor ihm her, hüpfte über die steilen und rohbehauenen Steinstufen, die stetig hinaufführten... Er mußte längst die Höhe eines fünfstöckigen Gebäudes erreicht haben – obwohl es in unmittelbarer Nähe des Kasernenfeldes sicher kein fünfstöckiges Gebäude gab. Aber er wunderte sich über nichts mehr. Sein einziger Wunsch war, Austin zurückzuholen.

Er fand ihn nach wenigen Schritten. Hier waren die Stufen zu Ende. Am Boden lagen Schutt und größere Gesteinstrümmer. Von Austin waren nur die Füße zu sehen. Er steckte zwischen Blöcken, war hineingekrochen in einen Berg von ineinandergekeiltem Gestein, das den Raum nach vorn und nach oben abschloß. Es rollte und polterte im Innern, Austins Beine erschienen, dann sein Körper – die Hände schoben einen kleinen Wall Steine heraus. Dann tauchten sie wieder unter.

»Hallo, Austin!« rief Abel und zerrte an den Beinen des Gefährten.

Wieder kam der Teil von Austins Körper, der noch im Freien lag, in Bewegung, wand und drehte sich. Langsam schob er sich aus dem Loch.

Austins Gesicht war von Schweiß und Dreck verklebt, aber er strahlte. Der Mund zuckte.

»Ich hab’s gefunden! Hier muß der Ausgang sein!«

»Es ist spät«, sagte Abel. »Höchste Zeit, daß wir verschwinden!«

»Aber es geht hier hinaus, verstehst du denn nicht? Schau doch selbst – dort drinnen ist eine Tür!«

Abel sah zweifelnd zur Öffnung. Er leuchtete mit der Taschenlampe hinein, konnte aber nichts erkennen.

»Wenn du dich nach vorne schiebst, siehst du es!« drängte Austin.

Abel streckte die Hand mit der Taschenlampe aus und schob sich auf dem Bauch einwärts. Über seinem Kopf lagen lockere Felsstücke. Bei jeder Bewegung rieselte Sand aus den Ritzen. Schließlich sah er, was Austin gemeint hatte: Dort vorn, etwas über ihm blinkte eine glatte Fläche, und daraus ragte ein kreisförmiger Metallgriff, wie er bei Unterseeboten gebraucht wurde.

Abel schob sich zurück. Austin packte ihn am Arm. »Hast du es gesehen?«

»Vielleicht ist es bloß ein eingekeiltes Metallstück. Vielleicht hast du auch recht. Ich weiß es nicht. Jedenfalls mußt du lange arbeiten, bis du diesen Schuttberg beseitigt hast. Es sieht aus, als wäre der Ausgang zugesprengt. Kommst du mit?«

Auf Austins Gesicht erlosch die Begeisterung.

»Du hast recht«, sagte er verbissen. »Gehen wir. Aber ich komme wieder!«

Kurz nach vier Uhr kamen sie in ihrer Unterkunft an.

Als Abel wieder unter der Decke lag, zitterte das Abenteuer der letzten Stunde noch in ihm, aber nicht wie etwas tatsächlich Erlebtes – sondern eher wie ein Traum. Bald übermannte ihn der Schlaf, doch die Gedanken blieben wach, unablässig liefen Szenen ab wie in einem Theaterstück, die Wache ließ den Scheinwerfer kreisen, das Licht streifte ihn... Wo es ihn berührt hatte, blieb ein verkohlter Fleck zurück; das Mädchen lag in seinen Armen ... dann hielt er nur mehr ein Bündel Kleider, über die gelbe Haare zu Boden rieselten; der Major trat auf ihn zu, ein riesengroßer Major, der die Hand mit einer Injektionsspritze nach ihm ausstreckte und sagte: »Draußen ist nichts, nur der Abgrund. Und jetzt lasse ich dich fallen!«

Das Klingelzeichen ertönte. In automatischer Reaktion sprang er aus dem Bett, zog die Turnhose an und lief mit den anderen in den Waschraum. In seinem Kopf hinter den Augen pochte ein dumpfer Schmerz, doch als das kalte Wasser an seinen Körper schlug, ließ er etwas nach. Er bemühte sich um klares Denken, keine Sekunde wollte er nachgeben und sich gehenlassen, stets mußte er sich auf seinen Plan konzentrieren. Und auch jetzt stand ihm wieder eine Aufgabe bevor, keine schwere, aber trotzdem eine wichtige – wie jede in dieser Kette von Handlungen, die klar auf ein einziges Ziel gerichtet waren.

Das Innere des Waschraums bestand aus einem Raum, der durch brusthohe Kunststoffwände mehrfach unterteilt war. Im Hintergrund lagen die Toiletten, den Mittelteil bildete die pferchartig abgeschlossene Duschanlage, vorn waren Wasserhähne und Schüsseln in vier langen Reihen angeordnet; zwei von ihnen an den Außenwänden, zwei diesseits und jenseits einer der niedrigen Zwischenbarrieren. Der Boden war von Abflußlöchern durchbohrt und trotzdem mit Pfützen bedeckt.

Jeder Mann besaß ein Handtuch und ein Stück Seife. Die Handtücher wurden jede Woche einmal gegen gereinigte ausgetauscht. Seife konnte jeder beim Mittagsappell anfordern, wenn sie verbraucht war. Die Korporale notierten die ausgegebene Stückzahl und die Empfänger. Abel brauchte ein Stück Seife, oder richtiger gesagt, er brauchte ein zweites Stück. Ein völlig ungebrauchtes – er hatte es erst gestern bekommen – lag schon im Spind, in einem Stiefel versteckt. Er stand mit vielen anderen Unbekannten in einer Reihe; absichtlich hatte er seinen Platz nicht zwischen den Stubenkameraden eingenommen. Der Mann neben ihm benützte ein neues Stück Seife, und das war der Grund, weshalb er sich neben ihn gestellt hatte.

»Mehr Beeilung, ihr müden Krieger!«

Die Schreie der Korporale stießen ins Wassergeplätscher, in die stickige, feuchte, tropfendurchsprühte Luft. Abel hatte das Reststück seiner alten Seife mitgenommen, aber es war präpariert. Aus Glaswolle, Lehm und Talkum hatte er einen Kern geformt und darauf das Reststückchen verschmiert, in einer dünnen glänzenden Schicht aufgetragen, die das matte Innere verbarg.

Er mußte den richtigen Moment abwarten, und den hielt er jetzt für gekommen. Sein Nachbar schien mit dem Waschen fertig zu sein und steckte nun Kopf und Nacken unter den Wasserstrahl, um den Schaum abzuspülen. Seine Seife lag am Rand des Beckens. Abel legte sein präpariertes Stück daneben und nahm das gute des Nebenmannes. Verstohlen blickte er umher ... niemand hatte etwas von dem Tausch bemerkt. Er drehte sich um und rannte davon, in die Unterkunft zurück.

8

Er lag lange mit geschlossenen Augen still und horchte auf das Pochen in seiner Brust. Von diesem Zentrum aus fluteten Wellen durch seinen Körper, als wäre es ein Sender, der eine Botschaft ausschickt, die Botschaft, die hieß: erwache, erwache, erwache... Sie wirkte seltsam belebend, aufmunternd, drängend. Er dachte an die Gefühlswerte, die dem Herzen von alters her verhaftet sind, Freundschaft, Zuneigung, Liebe – Ungereimtheiten, wenn man sich erinnerte, was es wirklich war, ein Muskel, und welche Aufgabe er erfüllte: die einer Pumpe. Und doch war ihm, als strömten mit den ersten Schlägen Empfindungen in ihn ein, gute und auch schlechte, aber vor allem solche eines lebendigen Wesens.