Obwohl er die Augen geschlossen hielt, spürte er die Nähe von Chris.
»Wann werde ich wieder gehen können?« fragte er.
»Die ersten Schritte ... in zwei, drei Wochen vielleicht.«
Zwei, drei Wochen waren lange. Diese Wochen, die ihm bevorstanden, kamen ihm viel länger vor als die Monate, die er hier schon verbracht hatte. Plötzlich glaubte er, nicht mehr so lange warten zu können. Auch die Ungeduld hatte sich seiner bemächtigt. Es war fast so etwas wie Abscheu, was er fühlte, als er die präzise arbeitende, seelenlose Apparatur anschaute, an die er gekettet war – den hin- und hergleitenden Kolben, den abwechselnd prallen und schlaffen Ball.
»Wozu arbeitet das noch?« fragte er. »Ich kann atmen, und mein Herz schlägt.«
»Gewiß, das Herz schlägt, und es wird bald alles in Ordnung kommen. Aber das Herz hat noch nicht Kraft genug, um das Blut allein durch die Adern zu pumpen, die Herz-Lungen-Maschine muß noch helfen.«
»Es ist doch ein kräftiges Herz, und es schlägt«, sagte Phil eigensinnig.
»Vielleicht wäre es schon stark genug, aber wir dürfen nichts riskieren. In einigen Tagen werden wir die Maschine einmal ausschalten, und an den folgenden Tagen längere Zeiten – bis wir sie nicht mehr brauchen. Dann werden Sie sich aufsetzen können, und später werden Sie wieder gehen lernen.«
»Wieso gehen lernen? Meinen Beinen ist doch nichts geschehen!«
»Die Muskeln sind nicht gerade gut in Form. Sie haben zu lange geruht.«
Phil dachte einige Zeit nach. Dann sagte er:
»Wie ist die Situation – ich meine draußen. Wie steht der Krieg? Oder«, er hatte einen frappierenden Einfalclass="underline" »ist er zu Ende?« – »Er ist zu Ende«, antwortete Chris leise.
»Wer hat gewonnen? So sprechen Sie doch schon!«
»Wer soll gewonnen haben – bei einem solchen Krieg? Niemand hat gewonnen.«
»Was ist geschehen?« fragte Phil. »Ist das ein Militärlazarett? Wo sind die anderen Patienten?«
»Die meisten sind längst geheilt, nur noch vier befinden sich in Behandlung. Einer davon wird morgen«, sie zögerte, als suche sie nach einem passenden Wort, »entlassen.«
»Aber wo sind wir?« rief Phil. Er hatte die Augen längst wieder geöffnet und versuchte krampfhaft, sich aufzurichten, um Chris zu sehen ... da saß sie, an der Wand an seiner Fußseite, in einem mit schwarzem Kunststoff bespannten Stahlrohrsessel. Jetzt sprang sie auf und lief zu ihm. Mit sanfter Gewalt drückte sie ihn in die Kissen zurück.
»Nicht aufregen! Es ist doch alles in Ordnung! So beruhigen Sie sich doch!«
Phil war zu schwach, um ernsthaften Widerstand leisten zu können. Er mußte sich fügen, aber seine Gedanken arbeiteten. In den vergangenen Tagen hatte er gelegentlich Fragen gestellt, aber nur nebenher und ohne Erwartung, ja – selbst ohne den echten Wunsch, Antwort zu erhalten. Nun verstand er das nicht mehr. Wie hatte er sich zufriedengeben können?
»Sie haben mir versprochen, Chris...«, erinnerte er. »Sie wollten alles erzählen.«
»Ich habe es versprochen, aber ich habe nicht gesagt, wann ich es tun werde. Verstehen Sie doch – jetzt, nach diesen Belastungen – das wäre der ungünstigste Zeitpunkt. Sobald Sie sich etwas erholt haben, werde ich mein Wort halten.«
»Nun ja, Sie können mit mir tun, was Sie wollen«, sagte Phil. »Gut. Ich frage nicht mehr. Ich brauche Sie jetzt nicht mehr, Schwester. Sie können mich allein lassen.«
Chris sah ihn mit großen Augen an. Er blickte gleichgültig zur Decke hinauf.
»Ich bleibe hier, so lange es nötig ist«, sagte Chris, und dann ging sie nach hinten, zu ihrem Stuhl. Phil hörte, wie sie nervös darin wippte. Er hatte sie verletzt, und das freute ihn. In diesen Minuten war er verbittert, verbittert gegen alle andern. Die andern – das waren Dr. Myer und Chris, die ihn wie ein Möbelstück behandelten.
Er schloß die Augen und beruhigte sich langsam. Nach einer Weile sagte er: »Es war nicht so gemeint, Chris!«
»Ist schon gut«, sagte sie.
In diesen Tagen, während er sich langsam wieder zu einem willensbefähigten Wesen entwickelte, kam ihm seine Schwäche besonders unerträglich vor, obwohl sie sich fast mit jeder Stunde um ein winziges gab. Er spürte es deutlich und wohltuend, wie er seine Muskeln zu beherrschen lernte. Systematisch arbeitete er an sich. Riemen hielten ihn an seinem Bett fest und ließen ihm wenig Bewegungsfreiheit, aber es genügte ihm, sich gegen sie zu stemmen und zu merken, wie er sie allmählich straffen und lockern konnte. Er arbeitete stumm und verbissen, und er ließ weder die Schwester noch den Arzt etwas davon merken. Es gab keinen triftigen Grund zum Heimlichtun, aber ein ihm eigener Charakterzug ließ es einfach nicht zu – vielleicht war es bloß der Wunsch, etwas für sich allein zu haben.
Vier Tage, nachdem sein Herz zu schlagen begonnen hatte, glückte es ihm, den rechten Arm aus der Schlinge zu ziehen, die sein Handgelenk festhielt.
Einen Tag danach konnte er sich so weit nach links schieben, um die rechte Hand durch Abwinkein des Arms an den Riemen heranzubringen, der seinen Oberarm umschloß. Er fingerte lange daran herum, um ihn zu öffnen, und brauchte noch länger, um ihn wieder zu schließen. Er schloß ihn so, daß niemand etwas von seinen Versuchen merken konnte.
Wieder einen Tag später gelang es ihm, sich so weit aufzustemmen, daß er mit der rechten Hand die Riemen des linken Arms berührte. Er löste sie vorsichtig und übte nun Beugen und Strecken mit beiden Armen.
Vier Tage danach hatte er auch den Gurt gelöst, der seine Brust umschlang, und er richtete seinen Oberkörper zwei Zentimeter hoch auf.
Die neu erworbene Bewegungsfreiheit erlaubte es ihm, sein Zimmer genauer zu studieren. Er kannte bald jede Einzelheit, wußte, daß ein Videofon hinter seinem Kopf an der Wand montiert war, daß darüber zwei Reihen Leuchtstoffröhren saßen, daß mehrere medizinische Geräte, deren Zweck er nicht erriet, zu seinen Füßen an der Wand standen, und daneben ein Schrank mit Glaswänden, in deren Fächern silbern glänzende Geräte und Flaschen standen. Zu seinem Bedauern gab es kein Fenster. Er hatte keine Möglichkeit, festzustellen, wo er war. Mehrmals angelte er nach dem Druckknopf des Videofons, aber vergeblich: seine Liegestatt stand zu weit von der Wand ab.
Der einzige Bereich, den er noch nicht überblicken konnte, war jener, der sich unter ihm befand. Er versuchte hinunterzutasten, und da kam ihm ein Kästchen mit mehreren Druckknöpfen in die Finger, das an einer Querstange befestigt war. Kurz entschlossen drückte er einen Knopf.
Unter ihm surrte etwas leise, etwa fünf Sekunden lang – dann war es wieder still. An der Wand links neben ihm, vom Apparateaufbau verdeckt, war etwas geschehen, aber er konnte nicht erraten, was.
Er löste die rechte Hand von der Druckknopftastatur und stemmte den Ellbogen ein, um sich nach links zu schieben. Es ging nur ein kurzes Stück, sein Brustgurt war noch geschlossen, und er löste ihn eilig. Erneut bemühte er sich, tastete nach einem festen Punkt, ruckte an, rutschte ab, stieß sich seitwärts und wand sich zentimeterweise vor. Jäh gab etwas nach, seine Schulter war aus einer Eintiefung geglitten, und sein Kopf hing schon über dem Bettrand. Schnell drehte er sich nach links, blickte zwischen zwei Geräten hindurch...
Zuerst verstand er nichts. Nur daß draußen Nacht war. Schwach erhellt konnte er den Teil eines dicken silbernen Reifens und einige Streben erkennen, die auf ihn zuliefen. Dahinter sah es schwarz hervor, weiße hingespritzte Punkte wanderten darüber, der Himmel – unter ihm war der Himmel. Jäh erfaßte ihn ein heftiger Schwindel, er glaubte, ins Bodenlose zu sinken. Die Füße seines Bettes ruhten im Nichts, und es fiel mit ihm in den schwarzen Abgrund. Er war bewußtlos geworden.