Als er die Augen öffnete, sah er ein freundliches Gesicht vor sich, einen leicht geöffneten Mund, eine blonde Strähne.
»Chris«, flüsterte er. Er streckte die Arme aus und zog das Gesicht an seines. Es war warm und weich, er hatte die Augen geschlossen, seine Finger lagen, in die Haare verflochten, unbewegt an ihrem Nacken. Ihre Hand streichelte seine Haare, seine Schläfen. Dann löste sie sich, blieb aber noch immer so nahe bei ihm, daß er sie nur verschwommen sah.
»Ist es ... sind wir ... der Weltraum...«, stammelte er.
»Das Fenster ist wieder geschlossen«, sagte sie. »Uns kann nichts geschehen. Wir sind in einem Raumschiff. In Sicherheit.«
»Aber ... die Erde...?«
»Die Erde ist weit weg von uns. Wir sind weit entfernt von ihr – von der Erde.«
»Aber, was war ... was ist...?«
»Warum fragst du immer?« Aus dem verschwommenen Gesicht vor ihm schauten die braunen Augen. Eine Hand strich über seine Stirn. Sein Blick war flehend.
»Die Erde«, sagte sie, »unsere Erde existiert nicht mehr. Was von ihr übriggeblieben ist, ist ein Meer aus Glut und Asche. Der Chef sagt, das Deuterium ist verbrannt; was das bedeutet, werden Sie besser verstehen als ich. Irgend jemand hat die Superbombe geworfen. Wir wissen nicht einmal, wer. Das Wasser hat zu brennen begonnen. Alles Wasser dieser Erde. Die Bäche, die Flüsse, die Seen, die Meere. Die Wissenschaftler haben gesagt, das gibt es nicht. Jetzt sind wohl alle tot – und niemand versteht es.« Chris stützte das Kinn in die Hand und fuhr fort:
»Ich befand mich hier oben, auf diesem Schiff, 20000 Kilometer von der Erde entfernt. Ich sah, wie es sich fortpflanzte. Es kam hinter der Erdkugel hervor, von links, von der Ostküste Kanadas. Es verbreitete sich im Meer wie rote Tinte in Löschpapier. Wo es die Küste erreichte, liefen feurige Schlangen landeinwärts, verzweigten sich in ein Geäst, das feiner und feiner wurde – orange mit giftgrünen Säumen. Und dann erst kam die weiße Glut. Ich konnte nicht mehr hinsehen – es war wie eine Sonne. Die Luken wurden geschlossen, und wir rasten von der Erde weg.«
Chris schwieg.
»Was war mit mir?« fragte Phil schwach.
»Auch Sie waren hier im Schiff. Bewußtlos. Seien Sie froh.«
»Sag wieder du«, bat Phil.
»Du warst bewußtlos. Sei froh«, sagte Chris. Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Ich kann es nie vergessen. Es war das Ende. Alles danach ist sinnlos.« Und wieder nach einer Weile: »Ich habe Angst gehabt, es dir zu sagen.«
Phil atmete tief. Die leicht nach Chemikalien duftende Luft drang in die Lungen, die noch nicht ganz ihm gehörten.
»Es macht nichts besser – das Schweigen.«
»Du verstehst es noch nicht«, sagte Chris.
»Vielleicht hast du recht«, antwortete Phil.
Chris stand auf.
»Ich muß die Riemen wieder anlegen. Dr. Myer könnte kommen. Das darfst du nicht wieder tun.« Sie drückte die dünnen Arme des Patienten zurecht. »Du hättest dir den Tod holen können. Dein Kopf hing über der Bettkante. Die Zuleitung zur Aorta war geknickt und halb abgequetscht. Wie konntest du so leichtsinnig sein! Menschen sind jetzt rar geworden.«
Phil hätte jetzt alles fragen können, und er hätte Antwort bekommen, daran zweifelte er nicht. Aber er hatte zunächst genug zu verarbeiten. Widerspruchslos ließ er alles geschehen, was mit ihm geschah.
»Du wirst jetzt bestrahlt«, sagte Chris. »Mit Ultraviolett. Das ist wichtig – der Körper braucht es, damit die Fermentsysteme wieder in Ordnung kommen. Vorderhand wirst du noch über das Blut ernährt, aber schließlich muß ja auch dein Magen wieder zu arbeiten anfangen. Langsam stellen wir auf orale Ernährung um. Und das ist die Vorbereitung dazu.«
Sie setzte eine Brille mit dicken dunkelbraunen Gläsern auf Phils Gesicht, erfaßte den Metallkörper, der noch immer an seinem Bügel über ihm hing, und zog ihn ein paar Handspannen tiefer. Dann schaltete sie ein, und mit leisem Summen glomm die glasige Masse innerhalb des metallenen Rings auf, als ob sie sich von innen heraus mit Licht füllte. Wie Rauhreif lag das Licht auf Phils Gesicht und Oberkörper, in einer pelzigen Schicht, ohne zu wärmen.
Nach fünf Minuten schaltete die Schwester ab und schwenkte die UV-Lampe fort. Sie beugte sich zu Phil, flüchtig berührten ihre Lippen die seinen.
»Schlaf jetzt«, befahl sie. Sie ging hinaus.
9
Beim Morgenappell sagte der Major: »Jeder Tag des Soldaten ist Vorbereitung auf den großen Krieg. Wir wissen nicht, wann der Feind angreift, aber wir sind bereit. Wann immer er zuschlägt, wir werden zurückschlagen. Wir werden kämpfen bis zum Sieg oder bis zum Untergang. Wir werden unsere Pflicht tun, für Freiheit und Vaterland.«
Die Blöcke aus Reihen und Gliedern standen unbeweglich. Die eisernen Gesichter waren dem Major zugewandt. Abel stand neben Austin. Keiner von beiden zuckte mit der Wimper.
»Ununterbrochen müssen wir an uns feilen, um in Höchstform zu bleiben. Ununterbrochen müssen wir gegen den inneren Schweinehund ankämpfen. Wir Soldaten sehen geradeaus – es gibt nichts, was uns hindern könnte, unsere Pflicht zu tun. Hört ihr, Leute: Nichts kann uns hindern.«
Zum erstenmal bewegte sich der Major – er zog die Schultern nach hinten und stand noch gerader da als vorher –, einsam inmitten der geballten Masse seiner Leute.
»Jeden Tag kann der Krieg ausbrechen. Jede Stunde müssen wir damit rechnen. Vielleicht ist er näher, als wir ahnen.«
Er schwieg. Die Mannschaft harrte regungslos auf den nächsten Befehl. – »Zum Tablettenfassen weggetreten!«
Wie etwas Einheitliches, Zusammengewachsenes sprangen die zehn Sergeanten vor, machten kehrt und gaben das Kommando weiter. Die Salven ihrer herausgestoßenen Worte schossen über die Mannschaft hinweg. Die Starre zerschmolz in einem jähen Zusammenknicken, dann kam ein Moment des Chaos, des sinnlosen Aneinanderstoßens, des Drängens und Schiebens, und dann folgte das Gewirr aus pflichtbewußter Zielstrebigkeit und automatischem Laufschritt, das in ein anderes Ordnungssystem überleitete – das Grätenmuster der abmarschbereiten Züge.
Jeder Tag begann wie der andere. Alle Befehle klangen gleich. Es war kein Unterschied zwischen gestern, heute, morgen. Oder doch?
Abel hatte das Tremolieren der Stimme des Majors gehört, als er davon sprach, daß der Krieg nahe bevorstand. Hatte er schon oft davon gesprochen? Abel erinnerte sich nicht. Aus den Augenwinkeln blickte er zum Major...
Es gab einen Unterschied. Der Major stand nicht allein – die zehn Sergeanten waren vor ihm angetreten. Er sprach, doch das Kehlkopfmikrofon war abgeschaltet, der Major hielt es in der Hand.
Es gab einen weiteren Unterschied: Als sie zur Tablettenausgabe angetreten waren, standen neben den zehn kreisrunden Löchern des Vorratsmagazins die Sergeanten.
Als das Plastikpäckchen aus dem Schnabelende der Rinne kam, fühlte Abel den Blick des Sergeanten auf sich ruhen. Langsam, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, riß er das Tütchen auf und steckte eine Tablette nach der anderen in den Mund – auch die schwarze; er hielt sie unter der Zunge, bis er wieder in der Reihe stand. Dann erst spuckte er sie aus.
Sie hatten also Verdacht geschöpft. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Er brauchte auch nicht mehr viel Zeit.
Die Schießstände befanden sich am Rande des Exerzierplatzes. Die Scheiben waren an der Mauer angebracht, sie steckten in den Rahmen einer komplizierten Vorrichtung, die sie nach jedem Schuß hinunterführte und abtastete. Dann erschien an der linken Seite die Zahl des getroffenen Ringes in großen leuchtenden Ziffern auf schwarzem Grund. Fünfzig Meter davor lagen die Holzböcke, von denen aus die Schüsse abgefeuert wurden.