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Die zehn Soldaten des sechsundfünfzigsten Zuges standen davor angetreten.

»Feuerstellung, marsch, marsch!«

Sie stürzten nach vorn und warfen sich auf die Pritschen.

»In Linie angetreten, marsch, marsch!«

Der Korporal stand auf der trockenen Betonstraße. Die Mannschaft stand im zerstampften Lehm. Jeder tief eingedrückte Fußtritt war von Wasser gefüllt.

»Feuerstellung, marsch, marsch!«

Sie stoben auseinander. Das Wasser spritzte. Die Lehmklumpen flogen. Die Hosenbeine waren braun gesprenkelt. Es rollte, wie Kanonenfeuer, als sie sich fast im gleichen Moment auf die Pritschen warfen.

»Das geht zu langsam. In Linie angetreten! Kehrt, marsch, marsch! Fliegerdeckung! Auf, marsch, marsch! Fliegerdeckung! Auf, marsch, marsch! Ganze Abteilung kehrt! Fliegerdeckung!«

Der Boden war weich. Man lag bequem. Aber die Kleidung wurde immer schwerer, während sie sich langsam vollsog. An Knien und Ellbogen war die Nässe längst durchgedrungen. Auf den Gesichtern krustete der Lehm.

»Auf, marsch, marsch! Feuerstellung!«

Im Rennen rissen sie die Pistolen aus den Taschen. Während sie über die Pritschen fielen, brachten sie sie in Anschlag.

»Wir schießen auf Scheiben«, sagte der Korporal. »Ich gebe fünf Schuß frei. Archie 56/1 beginnt. Ich werde zählen: Eins, zwei, drei, los. Auf los geht’s los. Achtung: Eins, zwei, drei, los!«

Der erste Schuß krachte. Die Scheibe senkte sich. Die Leuchtziffer erschien: eine Drei.

Archie versuchte, seinen fliegenden Atem zu beruhigen. Er zog durch, zielte genau und drückte ab. Eine Zwei. Die nächsten Schüsse brachten eine Sieben, eine Vier und noch eine Vier.

Der Korporal brüllte: »Das ist ein Skandal! Sie Knalltüte! Sie Hammel! Archie! Sie melden sich beim Mittagsappell. Verstanden?«

Archie sprang auf: »Jawohl, Herr Korporal!«

»Jawohl, Herr Korporal! heißt das!« Der Korporal brüllte es wie toll in das Megafon. »Warum flüstern Sie mich an? Sind Sie schwach auf der Lunge? Ist Ihnen der Atem ausgegangen? Damit Sie es lernen: hundert Kniebeugen. Arme in Vorhalte. Los!«

Der Korporal sah ihm eine Weile zu. Dann seufzte er:

»Der nächste! Adam 56/2! Sie schießen besser. Haben Sie gehört? Ich befehle Ihnen, besser zu schießen. Unser Zug muß die besten Ergebnisse haben. Das ist ein Befehl. Männer, habt ihr verstanden?«

Wie an unsichtbaren Fäden aufgezogen, fuhren sie empor.

»Jawohl, Herr Korporal!«

»Gut so«, sagte der Korporal. Er musterte seinen Zug. Sein Kinn war vorgeschoben. Ruckartig drehte er den Kopf von einem zum andern.

»Feuerstellung! Wer nicht besser schießt als der da«, er deutete verächtlich auf Archie, »mit dem fahre ich Schlitten. Leute, das verspreche ich euch. Also, Adam! Achtung! Eins, zwei, drei, los!«

Adam schoß besser, wenn auch nicht gut. Der nächste kam dran.

Die Schüsse blafften in kurzen Serien. Langsam näherten sie sich Abel, dem siebenten in der Reihe.

Abel hatte fünf Schüsse im Magazin, doch er hatte nicht die Absicht, sie alle zu verschießen. Er brauchte Munition. Zwei Kugeln mußten genügen.

»Abel 56/7, Sie kommen dran. Zeigen Sie, was Sie können!«

Abel war ein guter Schütze, der Korporal erwartete viel von ihm. Heute konnte ihm Abel die Enttäuschung nicht ersparen. Zwei Schüsse neben die Scheibe – das kostete mindestens zwei Stunden Nachexerzieren. Aber er würde es mit Vergnügen tun.

»Achtung! Eins, zwei, drei, los!«

Den ersten Schuß drückte er normal ab. Eine Zehn. Er zog durch und legte wieder an. Der Korporal stand weit genug von ihm entfernt. Jetzt mußte Abel es wagen...

Die Schießbahnen zogen sich weit nach links und rechts. Hundert waren es im ganzen. Hundert Mann übten zugleich, im besten Fall hatten zehn von ihnen zugleich den Schießbefehl. Es knallte unablässig, manchmal näher, manchmal ferner. Das Geprassel der Schüsse hatte sich Abel tief ins Gedächtnis geprägt. Früher, bevor er seinen Willen wiedererlangt hatte, war es eines seiner Vergnügen gewesen, sich in freien Minuten die Staccatomusik der Pistolen vorzustellen; es hatte ihm ebensolches Vergnügen bereitet wie das Dröhnen der marschierenden Kolonnen oder das Durcheinanderrufen der Befehle. Heute konnte er das nicht mehr verstehen.

Aber er kannte das Gesetz des Pistolengeknatters genau. Nur selten fiel ein einzelner Schuß, häufiger waren zwei Schüsse kurz hintereinander, und noch häufiger drei Schüsse. Vier Schüsse in einer ununterbrochenen Abfolge kamen schon wieder seltener vor, und noch seltener waren längere Serien.

Abel wartete einen Einzelschuß ab, und sobald nach einer kurzen Pause wieder ein Schuß knallte, verließ er sich darauf, daß dieser wieder eine kleine Serie einleitete – und er bekam recht. Er tat so, als drücke er ab – er ließ den Arm zurückschnellen, als hätte ihn der Rückstoß getrieben, und zog frisch auf.

Die Scheibe bewegte sich...

Ja, die Scheibe bewegte sich – er konnte es nicht fassen; denn er hatte keinen Schuß abgegeben. Er schielte zum Korporal ... dessen Augen waren zusammengekniffen und hingen an der Zielanzeige.

»Ganz ordentlich, Abel«, sagte er.

Abel sah nach vorn: Dort leuchtete die Zwölf. Hatte er aus Versehen abgedrückt?

Er hatte seinen Trick erst beim zweiten Durchgang wiederholen wollen, aber dafür bestand nun kein Grund mehr. Einen Schuß gab er normal ab und erzielte eine Neun. Die nächsten beiden täuschte er wieder vor – und die Anzeige brachte eine Zehn und eine Acht.

Abel verstand nicht, was geschehen war. Zwar hatte er an sein Täuschungsmanöver geglaubt, er hatte sich auf die Schußserien verlassen und auf den Stecklautsprecher im Ohr des Korporals, der verhinderte, daß dieser richtungshören konnte; dafür hatte er in Kauf genommen, für zwei Fehlschüsse bestraft zu werden. Und nun hatte alles auf unerklärliche Weise besser geklappt, als er gehofft hatte. Er zerbrach sich den Kopf nicht weiter darüber. Hauptsache, es hatte geklappt.

Nach ihm schossen noch drei Kameraden, doch er hörte ihre Schüsse nicht. Er hatte drei unversehrte Patronen aus dem Magazin gleiten lassen, und sie lagen jetzt kalt und hart in seiner Handfläche – kleine Metallzylinder, die die Wunden und den Schmerz brachten. Er hielt den Tod in der Hand. Zum erstenmal, seit er sich zurückerinnern konnte, fühlte er sich glücklich.

Als sie zur Mittagsruhe in die Baracken traten, trafen sie ihre Stube in heillosem Durcheinander an. Alle Schränke waren geöffnet und von den Wänden abgerückt; der Inhalt lag über den Boden verstreut – die Mäntel, die Hosen, Jacken und Mützen der guten Uniform, die sie an den Sonntagen beim Verlesen der Wochenparole und danach beim Vorbeimarsch am Major und den Unteroffizieren anhaben mußten; die Tornister, Gasmasken, Zeltstäbe, Handtücher, Seifenbehälter, das Unterzeug, die Turnhosen und die Pyjamas, kurz all ihr kärgliches, einheitliches Eigentum. Die Schächtelchen mit dem Putzzeug für die Schuhe, für die Kleidung und für die Waffen waren geöffnet, die Bürsten, Lappen und Tuben waren ausgeschüttet. Selbst die Decken, Kissen und Matratzen lagen neben den Betten, deren Stangengerippe leer im Raum standen.

Die Sergeanten hatten inspiziert. In jedem Soldaten konzentrierte sich das Denken auf mögliche Fehler und Unterlassungssünden. Hatte alles auf seinem Platz gestanden? War alles sauber gewesen? Wenn sie auch stets mit einer Inspektion rechneten und sich beim Aufräumen um die vorgeschriebene Ordnung bemühten, so hatte doch jeder das Gefühl der Schuld. Jeder wußte: Die Sergeanten konnten immer und überall etwas finden – ein Quentchen Erde auf den Schuhen, eine Spur Lehm auf der Kleidung, einen Fingerabdruck auf dem Koppelschloß, eine falsch gefaltete Decke, eine quietschende Spindtür – irgend etwas, an das niemand gedacht hatte und das doch entscheidend war: denn der kleinste Fehler zerstört die Ordnung des Ganzen. Der ausgefranste Rand einer Turnhose – er zerstörte nicht bloß die Ordnung des einzelnen, nein, auch die der Züge, die der ganzen Mannschaft, die der gesamten Kaserne. Und er mußte entsprechend geahndet werden.