Die Belegschaft der Stube wirbelte durcheinander. Sie hatte zehn Minuten Zeit, um die Ordnung wiederherzustellen, dann kam der Korporal, sie hatten in den Betten zu liegen, und ihre Kleidungsstücke mußten säuberlich auf den Hockern angeordnet sein.
Auch Abel konnte sich diesem Schreck nicht verschließen. Zwar hatte er alles so eingerichtet, daß kein Verdacht auf ihn fallen konnte, aber als er sich wie alle anderen Stück um Stück seiner Ausrüstung, der ihm anvertrauten Gegenstände durch den Kopf gehen ließ, da verdeutlichten sich seine Vorstellungen unter der Last des Schrecks, der Drohung und der Schuld, und sofort trat die Situation einer Unterlassungssünde überdeutlich in sein Denken: eine aufgetrennte Naht, Glaswolle, die herausquoll – seine Matratze, sein Versteck.
Natürlich war das Versteck leer. Die Teile seiner Pistole befanden sich längst in der Sicherheit des weiten Exerzierfeldes, die gestohlene Seife hatte er breitgequetscht – sie lag als dünner Höcker an der Innenseite seines Stahlhelms, den er aufhatte –, und die drei Schuß Munition hatte er durch das Futter seiner Tasche gebohrt. Er konnte sie am unteren Jackensaum fühlen. Wenn es sein mußte, wenn sich irgendeine weitere Untersuchung andeutete, ein Kleidungs- oder ein Körperappell, dann würde er sie verschlucken. Trotzdem war es bedenklich, wenn sie die offene Stelle in der Matratze gefunden hatten; vielleicht erfaßten sie den Zusammenhang? Abel malte sich ein düsteres Bild aus: Der Korporal verkündete den aufgefundenen Mißstand und verhängte eine strenge Untersuchung, Strafdienst, Gefängnis, vielleicht einen außerordentlichen medizinischen Test durch die Automaten. Dann war alles vorbei, was er sich erhofft und erträumt hatte. Der Major würde triumphieren. Der Gedanke daran krampfte ihm die Eingeweide zusammen. Heftig pulsierte die Halsschlagader in der engen Fessel des Kragens. Die Spannung wurde unerträglich.
Einen Augenblick lang ergriff ihn der dringende Wunsch, davonzulaufen, sich irgendwo zu verkriechen und die bevorstehende Entladung in einem entlegenen Winkel des Exerzierplatzes, möglichst weit von ihrem Schauplatz abzuwarten. Mühsam unterdrückte er das Verlangen. Es war sinnlos. Sicher war er nur zwischen den anderen. Er versuchte, die tief in seinem Fühlen sitzende Furcht zu überspielen, indem er sich auf seinen Plan konzentrierte. Nur nicht nachlassen! Er wandte die eiserne Selbstüberwindung, die ihn die Vorgesetzten gelehrt hatten, nun gegen sie an, gegen sie und auch gegen alle, die den Major verehrten. Mit ihm traf er das Ganze.
Die Ordnung war fast wiederhergestellt, die Spinde eingeräumt, die Kleider hingen an den Haken, einige Soldaten hatten schon die Pyjamas angelegt und schichteten ihre Kleidungsstücke auf den Hockern übereinander. Abel ergriff Besen und Kehrichtschaufel und fegte. Es gab nicht viel zu fegen, nur einige frisch hereingetragene Krümel, aber es mußte geschehen, und es gab ihm die Möglichkeit, für kurze Zeit allein zu sein. Er kippte die Schaufel in den Mülleimer und trug ihn hinaus, an die Seitenwand der Baracke, zu den Abfalltonnen. Er öffnete den Deckel ... niemand befand sich in der Nähe ... er bückte sich tief, nahm den Helm ab und drückte gegen die angekittete Seife. Sie löste sich glatt, und er fischte sie zwischen dem Stirnstreifen und den Kopfbinden heraus. Keine fünf Sekunden waren verlaufen, und er hatte den Helm wieder auf dem Kopf und ging zur Stube zurück. Die Seife steckte in seiner Tasche.
Auf dem Rückweg hatte er noch etwas zu besorgen. Er blieb lauschend vor einer Stubentür stehen. An ihr befand sich wie an jeder anderen ein Rahmen, nach oben offen und an den Seitenteilen schienenartig aufgebogen. In jedem steckte eine rechteckige gelbe Kunststoffolie, auf die schwarz die Stubennummer gedruckt war. Abel zog sie in einer raschen Bewegung heraus und klemmte sie innerhalb der Jacke unter den Arm. Er kehrte in die Stube zurück und stellte den Mülleimer an die dafür vorgesehene Stelle. Darauf trat er zu seinem Spind, zog die Schuhe aus, reinigte sie eilig und stellte sie hinein. Die Schuhpasteschachtel behielt er in der Hand, dann nahm er auch noch das gestern erhaltene Seifenstück. Er tat so, als hätte er nun noch etwas an der Matratze seines Bettes zu richten, und stieg hinauf. Er war bloßfüßig, doch die übrige Kleidung hatte er noch anbehalten, und hinter der vor Einsicht geschützten Oberkante seiner Liegestatt ließ er die beiden Stücke Seife, die Schuhpasteschachtel und die Plastikfolie unter die Decke gleiten. Nun war er für seine letzten Vorbereitungen gerüstet.
Der Korporal kam pünktlich. Flüchtig sah er sich in der Stube um. Einer der Männer regte sich unter der Decke, und der Korporal bemerkte es.
Er schrie: »Mensch, es ist Mittagsruhe! Sie haben den Befehl, zu schlafen! Sie sind wohl nicht müde, was? Raus aus dem Bett, Allan! Da Sie noch so munter sind, muß ich Ihnen Bewegung verschaffen. Sie drehen fünfzig Runden um das Haus. Spritzen Sie los, Sie Trantüte!«
Mit dröhnenden Schritten ging er zwischen den Betten umher.
»Wie haben Sie Ihre Kleider aufgebaut, Adam! Raus aus der Kiste! Sehen Sie sich das mal an!« Mit dem Fuß streifte er die Kleider vom Hocker. »Bauen Sie Ihre Klamotten richtig auf! Na, wird’s bald!«
Adam gehorchte.
»Männer, herhören!« sagte der Unteroffizier. »Heute war Stubeninspektion. Der Major hat sie selbst vorgenommen. Wißt ihr, was er gefunden hat?« Er klappte ein Notizbuch auf. »Archie 56/1, Sie ... Sie...! Unter Ihrem Spind war eine Menge Staub. Außerdem fehlte ein Stück Sohle an Ihrem Stiefel. Bleiben Sie liegen, wir sprechen uns später!
Adam! Wo ist er? Ach, der läuft seine Runden. Anton! Wenn man Ihre Gasmaske sieht, wird einem speiübel. Sie blödes Rindvieh! Sie haben sie seit Wochen nicht gereinigt. Die Augenfenster sind verklebt. Der Filter stinkt. Außerdem fehlt ein Knopf an Ihrem Mantel. Albert...«
Es war schlimm, aber Abel fühlte sich sicherer, je näher ihm das Unheil rückte. Der Major war übergenau gewesen. Nichts war ihm entgangen. Hatte er Angst? Ahnte er Unheil? In der Menge des Beanstandeten mußte Abels Fehler untergehen.
»Abel 56/7. Sie Trottel bewahren Ihre Seife im Stiefel auf! Sind Sie wahnsinnig geworden? Wozu benützten Sie Ihre Seifenschachtel? Sie Flasche! Ihre Kleiderbürste ist vor Dreck nicht zu sehen. In Ihrer Matratze ist ein Loch. Warum melden Sie das nicht? Austin...«
Es war vorbeigegangen. Das Loch in der Matratze – eine Lappalie. Aber die Seife in den Ersatzstiefeln! Er hatte sie vergessen, völlig vergessen. Es war eine erschütternde Erkenntnis für ihn, daß er etwas vergessen konnte. Daß er nicht unfehlbar war. Der Mensch, der aus ihm geworden war, seit er kein Betäubungsmittel mehr nahm, machte Fehler. In Zukunft mußte er sich nicht nur vor den anderen schützen, sondern auch vor sich selbst.
»Ich bin noch nicht fertig«, sagte der Korporal. »Ich habe noch eine Mitteilung zu machen. Im Magazin wurde eine Taschenlampe entwendet. Sie wurde hinter der Nachbarbaracke, im Mündungsstutzen des Dachrinnenabflusses eingeklemmt, gefunden. Weiß jemand, wie diese Taschenlampe dorthin gekommen ist? Hat jemand etwas beobachtet?«
Es war still. Keiner wagte sich zu rühren. Etwas Ungeheuerliches war geschehen. Sabotage. Jede Regung, jetzt nach der Mitteilung des Unteroffiziers, hätte Verdacht erwecken können.
»Niemand etwas beobachtet?«
Austin. Das war Austin gewesen. Abel hatte seine Taschenlampe in den Müllschacht geworfen, diese mit einem Deckel versehene Grube, in die die Abfälle geschüttet wurden; in der Tiefe fielen sie klatschend auf. Abel hatte beim Leeren der Tonnen einmal hineingesehen – die Flüssigkeit löste alle Materialien in ein paar Sekunden auf. Es zischte und sprudelte, dann war keine Spur mehr davon da. Er hatte Austin geraten, dasselbe zu tun, aber dieser Narr war nicht mit ihm gekommen, bevor sie in die Baracke zurückgekehrt waren. Nun erst wußte Abel, was er getan hatte.