»Der Major befiehlt, jede kleinste Beobachtung zu melden!«
Der Korporal machte eine Pause. Dann sagte er:
»Wer sich irgendwie mitschuldig gemacht hat und die Sache jetzt meldet, geht straffrei aus. Fällt jemand etwas ein?«
Stille.
»Der Major ist großzügig. Wenn jemand etwas aufgefallen ist, hätte er es längst melden müssen. Und er wird trotzdem nicht bestraft.«
Er machte wieder eine Pause.
»Wer etwas meldet, das zur Aufklärung dient, darf einmal zu den Engeln.«
Die Worte klangen im Raum und in den Hirnen nach. Sie waren nicht sofort erfaßbar.
Der Korporal drehte sich auf seinem Absatz um und ging hinaus.
Heute konnte wohl kein Mann der Belegschaft gleich einschlafen. Abel mußte ungeheuer leise zu Werke gehen. Glücklicherweise hatte er nichts, was Lärm machte. Er feuchtete die beiden kleinen Seifenziegel mit Spucke an und knetete sie unter der Decke, einen nach dem anderen, bis sie genügend elastisch waren, um sich zu einem Stück vereinigen zu lassen. Das war genug für den Lauf.
Nun fügte er noch etwas schwarze Schuhpaste hinzu. Verstohlen holte er den Klumpen ab und zu hervor, um sich zu überzeugen, ob die Farbe gleichmäßig verteilt und schon dicht genug war. Allmählich erhielt die Masse jenes Aussehen, das Abel sich wünschte, den stumpfen Glanz von Metall.
Als das zur Zufriedenheit gelungen war, wälzte er das Material zwischen den Händen zu einem wurstartigen Gebilde, um das er hierauf die Plastikfolie wickelte. Mit raschen geschickten Bewegungen rollte er das Ganze weiter, wobei er die Hände kräftig zusammendrückte, so daß sich der Durchmesser allmählich verkleinerte, bis er das richtige Maß hatte – jenen des Pistolenlaufs.
Wieder schob Abel die Decke zurück und sah sein Werk prüfend an. Es war noch zu lang. Er biß die beiden Enden ab und polierte sie dann an der Betteinfassung glatt. Noch einmal prüfte er das Ergebnis: Von der Seite war das Gebilde von einem Pistolenlauf nicht zu unterscheiden.
Der letzte Akt der Vorbereitungen lief beim Pistolenreinigen ab. Die paar Handgriffe waren leichter auszuführen als der nun schon fast zur Routine gewordene Aktionsablauf, durch den er an jedem der vorangegangenen Tage um einen Pistolenteil reicher geworden war. Es war nicht nötig, die Attrappe besonders zu verbergen. Von der Hand auch nur teilweise bedeckt, konnte sie irgendeines der Stücke sein. Die äußere Ähnlichkeit mit dem Lauf wurde vollkommen, als Abel mit dem Stab, der mit dem herumgewundenen Putzlappen zum Reinigen und Schmieren des Laufes diente, eine Öffnung in die Seifenmasse bohrte – das Mündungsloch. Ohne am Gelingen seines Vorhabens zu zweifeln, steckte Abel die Attrappe in die Tasche und wartete die abschließende Prüfung ab. Diesmal war es nicht einmal nötig gewesen, einen Kameraden hereinzulegen, um ein Ablenkungsmanöver zu inszenieren. Während er hinter dem Rücken die Schraube lockerte, zog er den richtigen Lauf von der Pistole ab, steckte den falschen hinein, zog die Schraube wieder zu; die Seifenmasse bot keinen Widerstand.
Dem Korporal fiel nichts auf, als er Abel die Pistole abnahm. Ahnungslos schob er sie in die Wandklappe des Magazins. Der echte Lauf steckte in Abels Rockfutter.
10
Gewiß war der Bericht des Mädchens ein Schock für Phil gewesen, aber er beobachtete an sich selbst, daß er deshalb den Lebensmut nicht verlor. Es hinderte ihn auch nicht daran, seine Übungen fortzusetzen.
Nach wie vor interessierte ihn das Kästchen mit den Druckknöpfen. Chris hatte dem Oberarzt offenbar nichts von Phils Erlebnis verraten, und das war gewiß schon gegen ihre Order; Phil wollte sie nicht in noch größere Konflikte bringen und fragte sie nicht nach der Bestimmung der einzelnen Knöpfe. Bei nächster Gelegenheit probierte er sie einen nach dem andern aus – sie dienten dazu, um vom Krankenbett aus einige Dinge zu verändern: das Fenster zu öffnen und zu schließen, die Temperatur zu erhöhen oder zu erniedrigen, einen Ventilator an- oder auszuschalten, die Zimmerbeleuchtung zu verstärken oder zu dämpfen. Dabei befand sich nichts von tieferer Bedeutung.
Phil fand dann heraus, daß sein Bett auf Rädern stand und daß er ihre Blockierung lösen konnte. Wenn er hinuntergriff und sie drehte, dann konnte er wie mit einem Wägelchen vor- und zurückfahren, wenn auch nur innerhalb der Grenzen, die die Leitungen zu den danebenstehenden Apparaturen freiließen.
Sein besonderes Ziel war der Videoapparat. Er versuchte oft, das Bettgestell näher heranzurollen, und schließlich gelang es ihm auch – als er das Pult mit den Skalen und Bildschirmen ein wenig vorgezogen hatte. Zuerst holte er sich eine Tafel, die neben der Aufnahmeröhre an einem Haken hing. Darauf waren einige Nummern vermerkt: Zentrale 006, Chef 011, Büro 283, Nachtschwester 268 und einige andere, die ihn nur soweit interessierten, als er sie nicht wählen wollte. Nun drückte er den Einschaltknopf und horchte. Ein leises Tuten zeigte, daß der Apparat in Betrieb war. Phil suchte auf gut Glück die Nummer 631 aus und drehte mit mühsamen Verrenkungen die Wahlscheibe: 6 – 3 – 1. Er bemühte sich, auf den Bildschirm zu sehen, aber dieser blieb dunkel. Vielleicht gab es nicht so viele Anschlüsse?
Er wählte 531 und dann 431, aber er hatte keinen Erfolg. Schließlich ging er von 431 aufwärts: 432, 433, 434 und so weiter. Fast hätte er schon seine Bedenken zerstreut und es mit noch niedrigeren Nummern versucht, da wurde der Bildschirm plötzlich hell.
»Ja?« sagte eine Männerstimme.
»Wer spricht?« fragte Phil.
»GUS Morley«, antwortete der Mann bereitwillig. Aber er erschien nicht auf dem Bildschirm.
»Ich bin Phil Abelsen, ein Patient«, erklärte Phil.
»Mensch, ich werd’ verrückt!« erklang es aus dem Lautsprecher. »Ein Patient – ist das die Möglichkeit! Ich habe es längst aufgegeben, einen zu erreichen!«
»Sind Sie auch verwundet?« fragte Phil.
»Kann man wohl sagen. Beide Beine ab. Jetzt haben sie mir neue eingepflanzt. Was fehlt Ihnen?«
»Mich hat’s am Brustkasten erwischt; ich bin noch ans Bett gefesselt. Darum kann ich mich nicht zeigen.«
»Ich komme auch noch nicht hoch. Na, Hauptsache, es existiert noch jemand.«
»Was meinen Sie damit?« erkundigte sich Phil. Er hatte die Lautstärke richtig reguliert und konnte sich liegend bequem unterhalten.
»Nun, die anderen sind offenbar gesund. Ich habe nichts mehr von ihnen gehört. Wer denkt auch noch an einen Lädierten, wenn er selbst gesund ist.«
Phil fragte sich, ob der andere von den Geschehnissen wußte. Vorsichtig erkundigte er sich: »Wissen Sie, wo wir sind?«
»Auf einem Raumschiff – wußten Sie’s nicht?«
»Doch«, sagte Phil.
»Die Misere haben wir hinter uns. Wir sind in Sicherheit. Wir bauen uns irgendwo ein neues Leben auf.«
»Und die Erde?«
»Die Erde kann uns gestohlen bleiben. Gut, daß sie kaputt ist. Mir ist es mein ganzes Leben dreckig gegangen. Zum erstenmal geht es mir gut.«
»Aber wo sind die anderen – die jetzt gesund sind?«
»Ich weiß es nicht. Der Chef hat es mir nicht gesagt. Manchmal ist er recht gesprächig. Feiner Kerl. Aber meine Krankenschwester – eine Zitrone ist süß gegen diese miese Giftnudel.«
»Meine ist nett«, sagte Phil.
»Da haben Sie aber Glück gehabt. Meine hat einen richtigen Klaps. Wenn man sich mit ihr unterhalten will, heult sie einem gleich etwas von der Erde vor.«
»Ich muß jetzt aufhören«, sagte Phil. »Ich weiß nicht, ob das Telefonieren erlaubt ist, und will mich nicht gleich beim erstenmal erwischen lassen. Ich habe keine Uhr, um herauszukriegen, wann Nacht ist und mich niemand stört.«
»Es ist vier Uhr nachmittags«, sagte GUS. »Sie brauchen nur die Nummer 222 anzurufen, da läuft ein Magnetband mit der Zeitansage. Wie ist Ihre Nummer?«