Phil hatte noch nicht an seine Nummer gedacht, nun sah er sich um, um sie irgendwo zu entdecken. Schließlich fiel ihm die Tafel ein, und er hob sie vom Bettrand auf, wo er sie niedergelegt hatte. Auf der Rückseite fand er die Zahl 412.
»Ich glaube, es ist 412«, antwortete er.
»Meine ist 447. Auf Wiederhören. Ich rufe Sie mal an.«
»Fein«, sagte Phil. »Gute Besserung! Auf Wiederhören!«
Kurze Zeit darauf betrat Chris den Raum. Sie hatte eine Plastikflasche mitgebracht, aus der Phil ein wenig lauwarme Zuckerlösung trinken durfte. Das war das erstemal nach seiner Verwundung, daß er etwas zu sich nahm. Er wußte selbst nicht, wie er die notwendige Flüssigkeit bekommen hatte, wahrscheinlich durch die Zuleitungen, die in seine Magengrube führten.
Das Zuckerwasser schmeckte wie das feinste Getränk, aber nachher fühlte er sich ein wenig übel. Chris reinigte ihn und bereitete dann die Bestrahlung vor.
»Was geschieht mit den Männern, die gesund sind?« fragte er.
»Ich weiß es nicht, Phil«, antwortete sie.
»Ist es etwas so Schlimmes«, fragte er.
»Ich weiß es wirklich nicht«, versicherte sie. »Der Chef spricht nicht viel mit uns. Er nimmt Frauen nicht für ganz voll. Vielleicht sagt er es dir, wenn du ihn fragst.«
»Wie soll ich wissen, ob er mir die Wahrheit sagt.«
Phil lag unter dem Ultraviolett, seine Augen waren hinter der Schutzbrille verborgen.
»Wie viele Menschen sind auf dem Raumschiff?« fragte er.
»Es dürften etwas über tausend sein.«
»Lauter Verwundete?«
»Die meisten waren verwundet. Dr. Myer und einige Assistenzärzte haben sie behandelt, wir vier Schwestern haben sie gepflegt, und einige Gesunde, vor allem die Männer der Besatzung, mußten uns dabei helfen.«
Phil kam wieder auf seine Frage zurück. »Was ist mit diesen Leuten jetzt?«
»Sie sind in einem anderen Teil des Schiffes. Wir Schwestern dürfen ihn nicht betreten.«
»Hast du dir nie Gedanken darüber gemacht? Hast du nie nachgesehen?«
Chris seufzte.
»Warum sollte ich mir Gedanken darüber machen? Hier ist der Lazaretteil des Schiffes, und hierher gehöre ich; ich bin Krankenschwester und weder Soldat noch Spionin – um die Gesunden habe ich mich nicht zu kümmern.«
»Und wenn ich gesund sein werde?«
Chris stand hinten am Bett zu seinen Füßen und antwortete nicht.
»Was wird, wenn ich gesund sein werde?« fragte Phil hartnäckig.
»Was erwartest du dir?« fragte das Mädchen leise.
Jetzt war Phil um eine Antwort verlegen. Ja, was durfte er wirklich erwarten? Was sollte geschehen? Was war geplant? Was hatte das alles für einen Zweck?
»Es sind über tausend Männer an Bord«, fuhr Chris fort. »Und vier Mädchen. Glaubst du, ich könnte einfach bei dir bleiben?«
Chris hatte recht. An diese Konsequenz hatte er nicht gedacht. Das war eine ganz außergewöhnliche Situation, und er wußte nicht, wie sie zu lösen war. Ob es Dr. Myer wußte?
»Wer ist noch an Bord – außer den früheren und jetzigen Patienten, den vier Schwestern und dem Oberarzt? Ich meine, gibt es einen Kommandeur des Schiffes, Offiziere, Besatzung?«
»Dr. Myer ist der Kommandeur des Schiffes. Es ist eines der modernsten, die je gebaut wurden. Fast alles funktioniert automatisch. Dr. Myer ist der höchste Chef. Außer ihm hat niemand etwas zu sagen.«
Langsam wurde ihm die Bedeutung dieser Tatsache klar. Jemand war der höchste Vorgesetzte von tausend Menschen; das war nichts Besonderes. Aber diese Menschen waren abgeschnitten von allen anderen, vielleicht waren sie die einzigen Menschen überhaupt; da sah die Sache völlig anders aus: Er war der uneingeschränkte Gebieter über die ganze Menschheit, ihr Kaiser, ihr Gott. Und die Mädchen? Phil wagte nicht weiterzudenken. Er hob den Kopf. Chris saß in ihrem Sessel an der Wand und hielt den Kopf gesenkt. Er konnte sie durch das dicke Glas nicht deutlich sehen, aber es war ihm, als ob sie lautlos weinte. Er ließ den Kopf wieder sinken. Alles in ihm lehnte sich gegen das auf, was er dachte. Er fragte nichts mehr, weil er das Mädchen nicht unnütz aufregen wollte. Er hätte gern etwas Beruhigendes gesagt, aber es fiel ihm nichts ein.
Am späten Abend wählte er die Nummer des anderen Patienten GUS Morley... Aber es meldete sich niemand, obwohl er lange wartete. Da drückte er auf den Knopf, der, an der Leitungsschnur befestigt, noch immer an seiner rechten Hand lag.
Bald schnarrte die Tür, und Chris trat ein.
»Fühlst du dich nicht wohl?«
Er wartete, bis sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, dann fragte er:
»Wo ist GUS Morley?«
Verständnislos sah sie ihn an.
»Was meinst du? Wer ist das?«
»Ich will wissen, wo GUS Morley ist«, sagte Phil. »Es ist ein anderer Patient, ich habe heute mit ihm telefoniert. Jetzt ist er nicht mehr da; es meldet sich niemand – auf Nummer 447. Wo ist er?«
»Ich kenne ihn nicht«, sagte Chris, »ich weiß es nicht!«
Phil machte eine ungeduldige Handbewegung.
»Du weißt es nicht. Schön – ich glaube dir. Aber warum nimmst du denn alles hin?« Er war lauter geworden und zwang sich nun mühsam zur Ruhe, aber schon in den nächsten Worten klang wieder die Erregung durch: »So tu doch etwas! Sieh nach! Erkundige dich bei deinen Kolleginnen! Geh – und sag mir dann, was du herausgefunden hast! Hörst du, du mußt gleich wiederkommen!«
Chris brachte kein Wort der Entgegnung heraus. Ein Teil von Phils Unruhe hatte sich auf sie übertragen. Sie wandte sich zur Tür und trat hinaus.
Obwohl es nur fünf Minuten dauerte, bis sie wiederkam, hielt es Phil vor Ungeduld kaum aus.
»Hast du es herausgebracht? Was ist mit ihm?«
Der Atem des Mädchens flog, sie war gerannt. Sie beruhigte sich erst, bevor sie antwortete.
»Gar nichts Geheimnisvolles. Schwester Mägde hat ihn betreut. Er ist als gesund entlassen worden.«
»Er ist nicht gesund«, sagte Phil. »Heute nachmittag konnte er sich noch nicht aufrichten. Was ist also mit ihm geschehen?«
»Muß es denn etwas Schlimmes sein?« fragte Chris. »Niemand von uns hat bisher an etwas Schlimmes gedacht.«
Phil sprach jetzt beherrscht und überlegen:
»Es muß nichts Schlimmes sein, Chris. Aber man muß wissen, was los ist. Wenn man sich nicht mehr darum kümmert, was um einen herum vorgeht, dann hat man sich selbst schon aufgegeben. Dann kann man nichts mehr tun als den Kopf hängen lassen. Deshalb will ich wissen, was mit GUS und den andern passiert ist. Nicht, weil ich etwas Böses vermute, sondern weil ich mir ein Bild von der Lage machen will.«
Chris nickte, doch Phil hatte nicht den Eindruck, daß sie ihn ganz verstand.
»Komm her«, sagte er und streckte ihr die rechte Hand entgegen. Sie ergriff sie, und er zog sie näher an das Bett. Dort setzte sie sich auf den Hocker.
»Ich habe über unsere Situation nachgedacht«, fuhr er fort. »Es ist keine angenehme Situation, aber es spricht nichts dagegen, daß man sie verbessern könnte.«
»Aber wie?« fragte Chris.
»Ich weiß noch nicht, wie«, antwortete Phil. »Weil ich es aber wissen will, darum müssen wir etwas unternehmen. Oder bist du mit allem einverstanden – so wie es ist?«
Chris schüttelte den Kopf.
»Ein Mann, der die ganze Macht besitzt, dessen Wille allein regiert – das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Ich weiß nicht, was der Oberarzt anstrebt – er ist viel zu undurchsichtig. Er ist kein Patriarch, der Rücksicht auf die Wünsche seiner Leute nimmt. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wird er es durchsetzen, auf Biegen und Brechen.«
Das lange Reden strengte Phil an, aber er ließ es sich nicht anmerken. Unbeirrt fuhr er fort:
»Wer solche Dinge reifen läßt und nichts dagegen tut, macht sich mitschuldig. Du tust so, als wäre alles schon vorbei, alles schon entschieden – aber gar nichts ist entschieden, solange noch jemand da ist, der sich dagegen wehrt. Und ich bin noch da, Chris. Vielleicht klingt es überheblich; denn ich bin verwundet, krank, schwach, ans Bett gefesselt. Aber ich glaube an mich selbst, und ich bin bereit. Willst du mir helfen?«