»Wenn ich es kann – ja. Wenn es nichts nützt, so schadet es nicht.«
»Gut. Weißt du, wann Dr. Myer schlafen geht?«
Chris antwortete nicht gleich. Dann sagte sie:
»Gegen Mitternacht. Manchmal auch etwas später.«
»Dann gib acht! Du wartest bis drei Uhr nachts. Dann gehst du in jenen Teil, wo sich die anderen Männer aufhalten. Du siehst nach, was sie tun, wie sie sich befinden.«
Chris stand abrupt auf.
»Aber Phil, das kann ich doch nicht!«
»Warum nicht?« fragte er scharf. »Handelt es sich um Räume, die verschlossen oder sonst irgendwie gesichert sind?«
»Ich weiß es nicht, aber...«
»Hast du es schon einmal versucht?«
»Nein, aber...«
Für ein paar Sekunden verlor Phil die Fassung. Er bäumte sich so wütend auf, daß das Bettgestell ächzte und einige Flaschen im Wandschrank klirrend zusammenstießen.
»Verdammt, dann laß mich selbst gehen ... es ist doch egal, was mit mir geschieht ... wenn niemand etwas unternimmt...«
Er hatte den rechten Arm aus dem Riemen befreit und war daran, den Gurt, der um seine Brust lag, zu lösen. Chris packte seinen Arm und drängte ihn zurück. Seine Muskeln waren schon überraschend leistungsfähig, und sie brauchte ihre ganze Kraft, um ihn zu bändigen. Die Kräfte hielten jedoch nicht lange an. Nach diesem Energieverbrauch war er matt und zitterte, aber noch immer wehrte er sich, als sie die Riemen festschnallte. Dann lag er schwer atmend da, den Kopf abgewandt.
Chris ordnete ihr Haar. Dann sagte sie:
»Ich werde es tun.«
Sie wartete. Langsam drehte er ihr sein Gesicht zu.
»Ich werde es tun, Phil«, sagte sie.
»Gut«, sagte er. »Dann geh jetzt. Es wäre nicht gut, wenn dich jemand hier fände.«
Sie blieb noch einen Augenblick stehen, dann ging sie.
Phil konnte nicht schlafen, obwohl er versuchte, sich ganz zu entspannen. Er bekam jetzt keine schmerzstillenden Mittel mehr, und so spürte er ein eigenartiges Sichregen in seinem Körper. Sein Herz schlug tief und ruhig – es tat wohl, diesem festen stetigen Schlag zu lauschen. Auch die Atemtätigkeit erfolgte regelmäßig; nur manchmal zog ein stechender Schmerz die Rippen aufwärts. An allen möglichen anderen Stellen aber zuckte und zerrte es unvermittelt, um dann ebenso scheinbar grundlos aufzuhören. In seinen Gedärmen saß ein unbestimmter Druck, der sich von Zeit zu Zeit an eine andere Stelle verlagerte. Manchmal verkrampften sich seine Muskeln, und dann stemmte er sich gegen die Gurte, die in seine Haut einschnitten, und drehte sich ein wenig nach der anderen Seite hin. Am schlimmsten war der Juckreiz; irgendwo, fast stets an Stellen, die er mit den Händen nicht erreichen konnte, begann es zu kitzeln und zu beißen und hörte meist erst auf, sobald es an einer anderen Stelle von neuem begann.
Natürlich dachte er über seine Lage nach, aber er kam zu keinem Schluß; seine Gedanken liefen im Kreis. Als er endlich in einen unruhigen Schlaf verfiel, schnarrte die Tür – vor ihm stand Chris.
»Hast du nachgesehen? Wie ist es dir ergangen? Erzähle!«
»Ich habe sie gefunden«, sagte Chris. Sie setzte sich, wie schon oft, auf den Schemel an Phils Lager.
»Das Raumschiff besteht aus einem zylindrischen Mittelstück. Im einen Ende ist eine Art Navigationsraum – mit Sendern und Empfängern, Radargeräten, Thermodetektoren und so weiter. Im mittleren Teil liegt der Reaktor, dahinter das Rubidiumlager, dann kommen der Verdampfungsofen und die Ionisierungseinrichtung, und am anderen Ende sitzen die Ionendüsen.«
In eine Atempause hinein fragte Phil verblüfft: »Wieso kennst du das auf einmal so gut – diese technischen Details?«
»Ganz einfach – ich konnte nicht einschlafen, und die Zeit verfloß unerträglich langsam. Da ging ich in den Leseraum und suchte einen Mikrofilm mit Informationen über das Schiff.«
Phil nickte. Die von ihm ausgestreute Saat ging auf.
»Konzentrisch um die Mittelachse herum sind Ringe angeordnet – insgesamt drei. Sie sind durch Streben miteinander verbunden. Sie bilden die Rahmenkonstruktion eines Trichters, der sich nach vorn verengt. Kannst du es dir vorstellen? Mit der Mittelachse zusammen sieht es aus wie ein Kreisel.«
Phil erinnerte sich an das, was er durch das Fenster gesehen hatte.
»Die Ringe enthalten die Räume?« fragte er.
»Ja. Wir sind jetzt im mittleren – es ist der Lazaretteil. Im äußeren liegt der Wohntrakt, in dem auch die Schwestern und der Chef untergebracht sind. In der Zeit, zu der wir die vielen Verwundeten zu betreuen hatten, benützten wir alle entbehrlichen Räume als provisorische Krankenzimmer. Jetzt sind sie leer. In diesem Ring, wir nennen ihn die dritte Etage, gibt es einen Aufenthalts- und Gesellschaftsraum mit einer Bar und einer kleinen Tanzdiele, einem Kino- und einem Fernsehsaal, ein Lesezimmer, ein Bad und einen Speisesaal. Dazu gehören eine Küche und eine Vorratskammer. Alle nicht unmittelbar benötigten Dinge sind in der ersten Etage – im innersten Ring – untergebracht.«
»Das Ganze rotiert«, sagte Phil, weniger als Frage denn als Feststellung.
»Ja, es rotiert«, bestätigte Chris. »Dadurch wird im äußersten Ring normale Schwerkraft erzeugt, in den inneren Ringen ist sie dementsprechend geringer.«
»Ich habe es erst spät bemerkt«, sagte Phil, »als ich mich das erste Mal richtig aufsetzen konnte – ich meine: daß wir hier verringerte Schwerkraft haben. Aber als ich damals aus dem Fenster sah, da fiel mir auf, daß sich die Sterne bewegten.«
»Die Verbindungsstreben zwischen den Ringen sind hohl. Darin sind Aufzugsschächte. Ich war früher nie in der ersten Etage; was sollte ich in den Vorratsräumen?«
Phil schwieg, und Chris machte eine kleine nachdenkliche Pause. Phil hatte den Eindruck, als zöge sie die Vorgeschichte absichtlich so lange hinaus – als hielte sie etwas davor zurück, den Kern der Sache zu berühren.
»Nun warst du also in der ersten Etage«, sagte er, um sie zum Weitersprechen aufzumuntern.
»Ja. Ich war oben.«
In Gedanken versunken strich Chris einige Falten aus dem Bettlaken, das über die Luftmatratze gespannt war. Dann erzählte sie weiter:
»Ich fuhr mit dem Aufzug aufwärts. Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, mit diesem Aufzug zu fahren. Wenn er sich zu heben beginnt, ist es wie bei jedem Lift – er drückt einen sanft in die Höhe. Dann aber folgt bald der Eindruck, daß man stehenbleibt, obwohl man noch fährt, und wenn er schließlich wirklich hält, hat man das Gefühl, zu fallen, tiefer und tiefer. Dieses Gefühl hält noch lange an, auch wenn man schon längst ausgestiegen ist.
Als ich aus der Kabine stieg, kam ich in einen Gang. Alles sah genauso aus wie im zweiten und im dritten Stock. Viele Türen führten seitwärts – nach rechts. Links ist eine Reihe von Fenstern. Durch sie sieht man zum Heck, in die Richtung zur Erde, zur Sonne. Man kann sie noch deutlich erkennen – sie ist der hellste Stern am Himmel.«
Chris sah auf ihre Armbanduhr.
»Ich muß mich beeilen. Ich ging also in den Gang hinein und machte einige Türen auf – es waren Vorräte drinnen, Behälter aller möglichen Formen, aus Karton, Kunststoff und Glas, und auch größere Dinge, eingepackte Maschinenteile, ein paar Traktoren und Luftkissenboote als Ganzes festgeschnürt, und einige größere Gegenstände in einzelne Stücke zerlegt. Es müssen Kräne, Laufbänder, Ballonfahrzeuge und ähnliches sein.«
»Weiter«, drängte Phil, als Chris wieder eine Pause machte. »Hast du sie gefunden, dort unten bei den Vorräten?«
»Ja«, sagte Chris. »Es ist aber ... etwas Gespenstisches... Ich bin ungeheuer erschrocken ... aber es muß nichts Schlechtes zu bedeuten haben. Ich bin mir noch nicht klar darüber.«