Выбрать главу

»Was war es?« drängte Phil ungeduldig.

»Ich kam an eine Tür. Als ich sie öffnete, wußte ich schon, daß es kein gewöhnlicher Vorratsraum war. Zuerst erblickte ich einige Rollwagen, wie man sie zum Transport der Kranken verwendet. Es war dämmrig, ich mußte mich erst daran gewöhnen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht allein zu sein. In dieser unbestimmten Dunkelheit vor mir regte sich etwas ... ich fühlte diese Bewegungen. Vielleicht war es aber auch nur deshalb, weil ich etwas hörte – ganz leise gurgelte es... Dann sah ich ... der Raum war langgestreckt wie alle größeren Räume in einem Schiff; an beiden Wänden standen Gestelle, und darin befanden sich Glasbehälter, von der Form und Größe von Särgen. In diesen lagen sie, einer neben dem anderen, jeder fein säuberlich eingepackt.

Sie waren nicht deutlich zu erkennen, denn um sie herum hing etwas Dunstähnliches. Einzelne Tröpfchen klebten hingehaucht wie Schimmel innen am Glas. Ihre Köpfe steckten in Masken – es sah aus, als hätten sie Gasmasken auf, vielleicht waren es wirklich Gasmasken, aber sie hatten keine Augenöffnungen. Es war grauenhaft – als wären es lauter Blinde. Das Furchtbarste aber war etwas anderes – sie schliefen nicht. Nein, das kann kein Schlaf sein...«

Sie brach plötzlich ab, als ginge es über ihre Kraft. Phil legte seine Hand auf die ihre und ließ ihr ein paar Sekunden Zeit zum Erholen. Dann sagte er:

»Sie können doch nicht ... tot sein?«

»Nein, du kannst es dir nicht vorstellen«, flüsterte Chris. Ihre Augen sahen durch Phil hindurch auf etwas Unheimliches. »Sie sind nicht tot. Sie bewegen sich. Aber sie sind auch nicht wach... Ihre Bewegungen sind steif – als wären sie aus Holz ... und völlig mechanisch – als säße ein Motor darin, der sie tanzen läßt wie Schaufensterpuppen. Ja, sie bewegen sich, wie wenn sie sich verzweifelt bemühten, aus der gläsernen Falle zu entkommen, die sie gefangenhielt. Nicht alle zugleich, aber viele. Dann werden ein paar still, als ob sie erlahmten, und andere, die sich bisher nicht rührten, beginnen zu zucken, zu zappeln ... nicht stark, nur andeutungsweise ... als wollten sie losgehen, etwas Bestimmtes tun. Es treibt sie unerbittlich an, und zugleich bindet sie etwas...« Sie beugte sich vor und legte ihren Kopf auf Phils Schulter. Das mühsam bewahrte Gebäude ihrer Beherrschung brach zusammen.

»Phil«, schluchzte sie, »ich kann nicht daran denken, ich halte es nicht aus ... den Gedanken an sie ... den Gedanken, daß du...«

»Sei ruhig«, sagte er. Es hatte wenig Sinn, etwas anderes zu sagen, es war gleichgültig, was er sagte, wenn es nur beruhigend war. »Sei still! Weine doch nicht! Es wird alles gut!« Er sprach weiter die alten Worte des Mitfühlens und Verstehens, mit denen man Kinder beruhigt, wenn sie verzweifelt sind. Er sprach weiter und streichelte dabei ihr Haar, das ihn an der Wange kitzelte. Obwohl er der Kranke war und sie seine Pflegerin, fühlte er sich jetzt stärker als sie, er fühlte, wie sie bei ihm Schutz suchte, und er war bereit, diesen Schutz zu geben. Er roch den Duft ihrer blonden Haare und nahm ihn in sich auf wie etwas Kostbares. Der Wunsch wurde übermächtig, für das Mädchen zu kämpfen, das sich ihm anvertraute und bereit war, sich seinem Willen zu unterwerfen. Es war ein Geschenk, das Wertvollste, das man sich vorstellen konnte, in einer ungeheuren toten Welt – es war die Überwindung der grenzenlosen Einsamkeit.

Einige Minuten blieb es still. Als er merkte, daß ihre Atemzüge langsamer und tiefer wurden, hob er ihr Kinn ein wenig auf und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

»Wir müssen uns jetzt zusammennehmen«, sagte er. »Zusammen werden wir einen Weg finden, der uns hier herausführt. Wenn es noch so schlimm aussieht – solange man den Willen hat, es besser zu machen, besteht Hoffnung. Glaubst du es mir?«

»Ja«, hauchte Chris.

»Dann denk daran. Denk immer daran. Es wird dann alles leichter. Geh jetzt in dein Zimmer. Und vergiß es nicht.«

Chris versuchte zu lächeln. Mit einem Taschentuch fuhr sie über ihr Gesicht. Dann beugte sie sich nieder und küßte ihn, seinen Mund, seine Wange. Er spürte, wie sie sich von neuem erregte. Nahe an seinem Ohr flüsterte sie:

»Da ist noch etwas...«

Sie konnte nicht weitersprechen. Sie küßte ihn noch einmal, dann lief sie hinaus.

Der Oberarzt hatte Phil eingehend untersucht.

»Sie haben gute Fortschritte gemacht, Phil Abelsen«, sagte er. »Ich bin zufrieden mit Ihnen. Heute werden Sie sich zum erstenmal als freier Mensch fühlen dürfen! Für ein paar Minuten hänge ich Sie von den Maschinen ab.« Er drehte den Kopf zu Chris, die wie ein Schatten hinter ihm stand. »Sie halten sich am Sauerstoffbehälter bereit – für alle Fälle. Wenn ich es Ihnen sage, geben Sie reinen Sauerstoff!«

Seine Hand bewegte sich über das Schaltpult. Bevor Phil etwas spürte, sah er, daß sich der rote Ball plötzlich nicht mehr aufblähte – er flatterte ein bißchen und blieb dann zusammengeschrumpft, wie eingetrocknet, hängen. Es würgte Phil kurz, ein innerer Zwang ließ ihn ächzend nach Luft schnappen, er hustete und keuchte, er holte tief Atem und merkte die Erleichterung, die ihm das brachte. Als sich der nächste Erstickungsanfall anbahnte, atmete er sofort wieder kräftig, und wieder und wieder...

Er hatte das Gefühl, zwischen Tod und Leben zu schweben, und elende Angst schnürte ihm die Kehle ein. Sein Blick irrte herum und blieb am Gesicht des Mädchens hängen, dessen braune Augen ihn unbewegt anschauten, als wollten sie ihm Mut einflößen. Dieser Blick linderte sein Angstgefühl, er vermochte sich zu beherrschen und die Luft gleichmäßig tief in seine Lungen zu saugen, sie wieder auszustoßen, sie anzusaugen...

»Ging das nicht gut, Schwester?« fragte Dr. Myer. »Wollen wir es gleich mit dem Herzen versuchen?«

Chris sah ihm einen Augenblick ausdruckslos ins Gesicht. Dann sagte sie geschäftsmäßig:

»Wie Sie meinen, Herr Doktor.«

»Na, tu doch nicht so, Mädel«, sagte der Arzt. Wieder griff er nach einem Schalter; er drehte ihn langsam herum. Phil beobachtete, wie sich der Kolben langsamer und langsamer bewegte. Dann bewegte sich nichts mehr an der Maschine. Zugleich hatte Phil das Gefühl, als steckte in seinem Brustkorb eine schwere Last. Sein Herz pochte ungestüm gegen eine Hand, die es eisern zusammendrückte. Er fühlte sich aus diesem Prozeß ausgeschaltet, obwohl dieser lebensentscheidend in seinem Inneren ablief; er konnte es nicht begreifen – nichts reagierte auf seine unsichtbaren Anstrengungen. Seine Hände öffneten und schlossen sich, als wollten sie etwas Unsichtbares fassen, eine Schraube preßte seine Kaumuskeln so heftig zusammen, daß seine Zähne knirschten.

Dann spürte er, daß dieser innere Kampf entschieden war – zu seinen Gunsten entschieden. Die Erleichterung war so immens, daß er an nichts anderes denken konnte – nur, daß sein Körper wieder funktionierte. Er fühlte eine zittrige Schwäche in sich, aber er war glücklich; alles andere war hinter einem Paravent verschwunden.

Der Arzt beobachtete die Instrumente auf dem Schaltpult.

»Das Herz hält sich gut«, sagte er, »und auch an den Lungen ist nichts auszusetzen. In ein paar Tagen brauchen Sie die Apparate nicht mehr. In ein paar Tagen sind Sie kerngesund.«

Gesund! Gehen, laufen... Aber da war doch etwas... Phil fand langsam zu den Tatsachen zurück.

»Was geschieht mit mir, wenn ich gesund bin?« fragte er.

»Sie werden schlafen«, sagte der Arzt. »Alle früheren Patienten schlafen – bis wir das Ziel erreicht haben.«

Bis wir das Ziel erreicht haben, dachte Phil.

»Was ist das für ein Schlaf, Herr Oberarzt?« fragte er. »Ein künstlicher Dauerschlaf? Eine Art Winterschlaf?«

»Genau das, mein Junge«, sagte der Arzt. Er zog mit dem Bein den Hocker näher und setzte sich ans Bett. »Dieses Schiff faßt eigentlich nur 200 Passagiere. Ich habe über tausendeinhundert Personen darin untergebracht. Dabei geht die Fahrt ins Unbekannte hinaus – niemand weiß, wie lange sie dauert. Wir müssen die Vorräte einteilen, Energie sparen. Die beste Lösung ist der künstliche Schlaf.«