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Als er sah, wie Abelsen die Stirn runzelte, sagte er:

»Sie brauchen keine Angst zu haben. Die alten Nachteile dieser Methode sind überwunden – alle wachen wieder auf. Es gibt keinen Muskelschwund und keine epileptischen Anfälle. Das Problem war gar nicht schwer zu lösen: Man muß nur dafür sorgen, daß die Organe funktionsfähig bleiben, die Gliedmaßen genauso wie das Gehirn. Mit anderen Worten, man darf sie nicht ganz in Erstarrung verfallen lassen – man muß ihnen Aufgaben stellen. Haben Sie sich schon mal ein Fußballspiel angesehen, Abelsen? Haben Sie gemerkt, wie man als Zuschauer unwillkürlich mittut, wenn man sich in die Lage des Stürmers versetzt, wenn er vor dem Tor steht? Man setzt an, als stünde man selbst vor dem Ball, den man ins Tor jagen sollte. Jede kleinste Bewegung stimmt mit der des wirklichen Spielers überein, aber nicht nur die Bewegung: Man beobachtet die Mitspieler und die Gegenspieler, man bemerkt, wer von der eigenen Partei frei steht, und überlegt, ob man den Ball abspielen oder behalten soll. Haben Sie’s schon einmal erlebt?«

»Ja, Herr Oberarzt«, antwortete Phil.

»Darauf beruht das System«, fuhr Dr. Myer fort. »Keiner darf für dauernd zur Ruhe kommen. Direkt ins Gehirn leite ich die Eindrücke, die die Aktionen auslösen. Sie sind keine ausgeführten Bewegungen, sondern nur die Ansätze dazu: aber sie genügen, um die Apparatur in Gang zu halten. Einige einfache Impulse, in die richtigen Gehirnzentren geleitet, dienen zur Auslösung der Assoziationen. Alles andere fügt die Phantasie von selbst hinzu. Ich habe mir ein Programm zurechtgelegt, das alle Muskelpartien beschäftigt und alle Denkprozesse wachhält. Ich habe ein übriges getan: Das Programm ist so ausgearbeitet, daß es die wichtigsten Muskeln besonders gut in Gang hält und vor allem auch jene geistigen Leistungen, die die Tüchtigkeit des einzelnen, die guten Seiten seines Charakters mobilisieren. Verstehen Sie, Abelsen: Das Ganze ist eine Übung! Nach dem Schlaf ist jeder geistig und körperlich funktionsfähiger als je zuvor.«

Phil dachte an die zuckenden Körper, die Chris beschrieben hatte. Hatte sie zu schwarz gesehen? Er suchte ihren Blick, aber sie hielt den Kopf gesenkt. Reglos stand sie im Hintergrund. Es sah aus, als wäre sie durchsichtig.

»Darf ich fragen, was Sie vorhaben?«

Dr. Myer war in freundlicher Stimmung. Er lächelte Phil zu.

»Gewiß«, sagte er. »Es ist kein Geheimnis. Es liegt ja auch nahe. Es wird mein Lebenswerk sein – die Menschheit zu erhalten.« Er schwieg einen Atemzug lang. »Wir haben es ja erlebt«, sagte er, »das Inferno. Und es war vorauszusehen. Es war auch nicht das erste Mal – denken Sie an die Sintflut. Es gab auch immer schon eine Arche Noah – wie unser Schiff. Aber jedesmal hat man den Ungeist mit ins neue Zeitalter hinübergerettet. Denken Sie an die letzten Tage der Erde und wie es dazu gekommen ist. Denken Sie an das, was die Menschen waren: eine zuchtlose, unordentliche, haltlos hin- und her treibende Masse. Jeder wollte etwas anderes, es gab einen Wirrwarr von Meinungen und Wünschen, ein Durcheinander sinnloser Handlungen, ein Sichgehenlassen, ein Indentaghineinleben – ein Chaos von Nachlässigkeit, Pflichtvergessenheit, Ehrlosigkeit. Was war daran noch menschlich?«

Er schaute nachdenklich auf den hüpfenden Punkt des Kardiogramms. Dann hob er erneut an:

»Ich habe es vorausgesehen. Die Waffen waren zu gewaltig. Es war sinnlos geworden, zu kämpfen. Die Streuung des Todes war zu breit; es erfaßte die Tapferen genauso wie die Feigen, die Tüchtigen wie die Unfähigen. Wahrscheinlich war es richtig, daß es so gekommen ist. Jetzt gibt es einen neuen Anfang.«

»Was werden Sie anfangen?« fragte Phil. Der Oberarzt hörte ihn nicht. Er sprach jetzt zu sich selbst:

»Ich habe das Schiff als Lazarett eingerichtet. Ich hatte darauf bestanden, daß man dieses Schiff beschlagnahmt, das für keinen militärischen Einsatz bestimmt war. Wissenschaftler hatten es für eine Raumexpedition vorgesehen. Vom ersten Einsatz an war es für eine größere Aufgabe bestimmt, als es das Aufsammeln von Verwundeten ist. Während sich das Deuterium entzündete, befand ich mich auf einer Bahn zwischen Erde und Mond. Ein Treffer hatte unsere Raumstation zerfetzt, das Schiff war voll von Verwundeten. Es waren weit mehr als gewöhnlich – meist leichtere Fälle, die noch rechtzeitig in den Raumanzug gekommen waren. Wir hatten sie in einem gespannten Netz gefangen wie die Fische.

Ich gab sofort den Startbefehl. Das erste Ziel ist RZ 11, unser nächster Nachbar im intergalaktischen Raum, weit näher als Centauri. Die Astronomen haben ihn erst kürzlich mit dem Laser angepeilt. Die Sonnenplaneten sind mir zu unsicher – ich weiß nicht, was für Folgen der Erdbrand noch haben kann. Vielleicht setzt er sich bis zu ihnen fort. Vielleicht gerät das Sonnensystem aus den Fugen.«

»Und die Stationen auf dem Mond, dem Mars und auf der Venus?« fragte Phil. Der Arzt blickte ihn stirnrunzelnd an.

»Waren längst aufgelassen – zurückgenommen zum Dienst auf der Erde. Die Mondstation war schon vorher so gut wie vernichtet.«

»Was werden Sie tun, wenn wir das Ziel erreichen?« fragte Phil wieder.

»Ich habe alles im Raumschiff, um eine kleine Station aufbauen zu können – ganz gleichgültig, wie der Brocken aussieht, auf dem wir landen. Ich habe Schmelzbomben und kann, wenn es nötig ist, Seen verdampfen und Berge versetzen. Alle Fahrzeuge und Maschinen sind von einer Zentrale im Raumschiff lenkbar. Die Vorratsräume enthalten genug Bestandteile von Fertighäusern, um alle unterbringen zu können. Um etwas Komfort zu erreichen, stehen uns die Möbel des Schiffs zur Verfügung. Der Antriebsreaktor läßt sich ausbauen und für jeden anderen Zweck verwenden. Außerdem besitze ich genug Ausgangsmaterial für Kombiplast, um, wenn es nötig ist, ein Tal damit auszugießen. Sie wissen, das Zeug quillt auf wie Kuchenteig, wenn man die Grundstoffe mischt. Auch eine vollständige medizinische Diagnose- und Therapieeinrichtung mit allen Apparaten ist vorhanden – was wünscht man sich mehr!«

»Sie wollen den Planeten besiedeln?« fragte Phil.

»Ich werde ein System einrichten, in dem Zucht und Ordnung herrscht«, sagte der Arzt. »Ich werde dafür sorgen, daß die kleine Kolonie mustergültig funktioniert. Ich brauche keinen Fortschritt und keine Veränderung. Mein System wird statisch sein. Ich werde dafür sorgen, daß es anläuft und daß es weiterläuft, wenn ich nicht mehr sein werde. Eine kleine Gruppe von Menschen, die alles haben wird, was sie braucht.«

Jetzt sah er Phil an, den mageren Kopf, der tief im Luftkissen eingegraben lag.

»Hast du darüber nachgedacht, was der Mensch braucht?« fragte er, aber er sprach gleich weiter. »Das ist ein schweres Problem, vielleicht das schwerste. Zunächst müssen die physikalischen Voraussetzungen gegeben sein. Der Mensch verträgt keine großen Abweichungen vom Gewohnten. Temperatur, Druck, Schwerkraft, das Strahlenspektrum, die Helligkeit und noch vieles andere, an das man nicht denkt, müssen stimmen. Aber diese Dinge sind genau untersucht – im wesentlichen sind es Fragen der Energie und ihrer Verwandlung; wir beherrschen sie. Chemismus, Stoffwechsel, Atmung, Nahrung – auch dieses Problem ist zu lösen. Die verbrauchte Luft wird regeneriert. Mit dem Wasser machen wir es ähnlich. Bei der Ernährung müssen wir den Körper ein wenig den Umständen anpassen. Er bekommt alles, was er benötigt – Aufbaustoffe, Kohlehydrate, Eiweiß, Vitamine, Spurenelemente. Nur in der Art der Darbietung müssen wir uns vom Gewohnten trennen. Alles wird in Form von Konzentraten verabreicht – einige Pillen, Reinstoffe ohne Schlacke. Wir haben eine Synthetisiermaschine an Bord, die jeden Nährstoff aus beliebigen Grundsubstanzen aufbauen kann, wenn sie nur die richtigen Elemente enthalten. Das bringt natürlich eine gewisse Umstellung mit sich. Manches wird überflüssig – die Kauwerkzeuge, ein Teil der Verdauung, der Magen- und Darmfunktion. Aber das kriegen wir schon hin. Diese Einschränkung wird zur allgemeinen Gesundung beitragen.