Das wäre aber erst der eine Teil; der andere ist schwieriger, und man hat ihn viel zu spät erkannt. Der Mensch ist nämlich kein Dieselmotor, der läuft, solange er Öl und Sauerstoff bekommt. Er braucht einen Inhalt, er braucht Autorität, er braucht ein Ziel.
Was ist der Inhalt seines Lebens? Früher war er gezwungen zu arbeiten, und das füllte ihn aus. Als ihm Maschinen die Arbeit abnahmen, begann sein geistiger Zusammenbruch. Niemand beachtete damals, daß Beschäftigung notwendig ist und daß der Mensch vom Sinn seiner Beschäftigung überzeugt sein muß. Heute weiß man, daß er nicht unbedingt der Arbeit bedarf – was er tut, ist gleichgültig, wenn es ihn nur ausfüllt, wenn es seine körperlichen und geistigen Kräfte anspannt. Ich werde also dem Leben, das wir leben werden, einen Inhalt geben.
Nun zur Autorität. Es gab einst ein Zeitalter, da sprach man viel von Freiheit. Heute ist jedem klar: Freiheit ist eine Illusion, selbst der Gedanke daran ist schädlich. Der Mensch braucht jemand, der ihm befiehlt, der jede Neigung zu Ungehorsam niederzwingt. Das gibt ihm den Halt, an den er sich klammern kann. Die Rolle des Befehlshabers werde ich spielen; glauben Sie nicht, daß ich es gern tue – es ist die schwerste. Mir hilft keine Erziehung, die die Leute von Jugend an auf ihre Gehorsamspflicht in bestimmten Situationen vorbereitet – denn diese Situation ist neu. Ich werde chemische Mittel brauchen, um den nötigen Gehorsam zu erreichen. Es gibt solche Mittel, und ich verfüge darüber. Im Grunde genommen ist es gleichgültig, auf welche Weise man die Ordnung aufrechterhält.
Und nun zum dritten, dem Ziel. Der Mensch ist so eingerichtet, daß er nach jeder Ursache eine Wirkung sehen will. Die Wirkung ist dann der Sinn der Ursache. In kleinen Dingen funktioniert das tadellos, aber es krankt in den großen. Da gilt es nämlich nicht mehr. Der Sinn eines Lebens, der Sinn des Menschengeschlechts! Man muß den Sinn künstlich schaffen. Und da das die wenigsten können, werde ich es für sie tun. Ich werde unserem künftigen Leben einen Sinn geben, von dem aus jeder seine Existenz begreift.«
Der Oberarzt hatte gesprochen wie vor einem großen Auditorium. Jetzt, als er geendet hatte, sah er um sich. Im Hintergrund stand ein Mädchen mit gesenktem Kopf. Vor ihm lag ein Kranker mit halb geschlossenen Augen. Der Oberarzt seufzte und winkte die Schwester heran.
»Wir schalten die Maschine wieder ein. Helfen Sie mir!«
Er beobachtete die Leuchtschirme und Zeiger und verstellte einige Knöpfe.
»Wie soll das Leben weitergehen?« fragte Phil. »Ich meine – es sind doch nur vier Frauen da...«
»Das habe ich nicht vergessen«, sagte der Arzt. »Vier Frauen, das ist nicht viel. Aber sie sind alle jung. Sie werden mindestens noch fünfundzwanzig Jahre fruchtbar bleiben. Das genügt. Natürlich können wir ihnen nicht zumuten, die Frucht auszutragen. Aber das Problem der ektogenetischen Reifung ist ja glücklicherweise gelöst. Wir haben einen Brutofen im Schiff.« Der Arzt sah zuerst Phil und dann die Schwester an. Beide schauten an ihm vorbei.
»Seien Sie nicht zimperlich«, sagte er scharf. »Das ist in unserer Situation fehl am Platz. Denken Sie lieber an die Vorteile! Man erspart den Frauen die anstrengende Schwangerschaft. Außerdem werde ich das Erbgut kontrollieren. Die nächste Generation wird tüchtiger sein als die heutige, verlassen Sie sich drauf!«
Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin.
»Morgen schalten wir zwei Stunden ab, übermorgen vier und so weiter. In fünf Tagen sind Sie gesund, Abelsen. Kommen Sie, Schwester.«
Er schob die Tür auf und wartete, bis Chris hinausgegangen war. Dann folgte er ihr.
11
Es war Nacht über dem Kasernengelände, die Fenster der Gebäude waren dunkel, die Übung war vorbei. Die Mannschaft und die Unteroffiziere waren zur Ruhe gegangen; nur der Wachtposten schritt seine einsame Runde. Vielleicht wachte auch noch der Major – das wußte niemand.
Abel lag in seinem Bett, den Kopf in die hinter dem Nacken verschränkten Arme gestützt. Er konnte durch die Fenster auf einen leeren verschwommenen Fleck Betonstraße sehen. Es war soweit. Heute war seine Nacht. Es war das Ende und der Beginn, wenn er auch nicht wußte, was beginnen sollte.
Er wartete noch eine Weile. Dann ließ er sich langsam am Bettpfosten hinab. Im zweiten Bett merkte er eine Bewegung, Austin setzte sich auf.
»Wohin gehst du?«
»Sei still«, sagte Abel. Er zog Hose, Jacke und Stiefel an und trat vor die Tür. Hinter ihm ein Geräusch – Austin.
»Was hast du vor?« fragte Austin.
»Warum fragst du – es interessiert dich doch nicht!« antwortete Abel.
Austin hielt ihn am Ärmel fest. »Deine verrückten Ideen sind mir gleichgültig, aber du darfst mir meine Pläne nicht verderben!«
»Darf ich nicht?«
Abel trat ans Gangfenster und hielt nach dem Posten Ausschau.
»Sei doch nicht so stur«, bat Austin. »Ich weiß jetzt, wie ich entkommen kann. Hör zu: Ich sprenge den Ausgang auf.«
»Womit?« fragte Abel.
»Es muß doch hier irgendwo Sprengstoff geben. Dynamit. Granaten. Bomben.«
Dynamit, Granaten, Bomben. Abel mußte diese Ausdrücke schon einmal gehört haben. Er wußte, was sie bedeuteten. Natürlich. Sie waren beim Militär, und beim Militär mußte es Sprengstoff geben. Sprengstoffe. Geschütze. Raketen. Raketenbasen. U-Boote, Raumstationen. Bomben, Bomber, Atombomben. Sie waren beim Militär, und beim Militär gibt es das alles. Aber wo war es?
»Meinst du?« fragte er. »Und wo?«
»In den Vorratsräumen, in den Magazinen. Irgendwo.«
»Wie willst du daran kommen?«
»Es liegt doch alles unversperrt da. Wo haben wir schon Sicherungen gefunden...«
»Ja«, sagte Abel. »Die Kleidungsstücke, die Zelte und die Taschenlampen. Und das andere Gelumpe. Die Pistolen sind unter Verschluß. Wo sind wir schon auf Waffen gestoßen?«
Der Posten erschien weit links am Rande des Magazins. Langsam wanderte er über die Betonstraße.
»Ich werde etwas auftreiben.«
Der Posten erschien vor dem Fenster; man hörte seine Schritte. Abel und Austin zogen die Köpfe ein. Die Schritte wurden leiser ... unhörbar.
»Wie kannst du so gleichgültig sein«, sagte Austin. Es war etwas wie Schluchzen in seiner Stimme. »Denk doch an draußen. An die Freiheit. Es besteht die Möglichkeit, daß wir hinauskommen, fort von hier aus diesem Zuchthaus. Hier sind wir gefangen. Wir sind Gefangene! Irgendwo unter der Erde vergraben.«
Unter der Erde, dachte Abel. Unterstände, Bunker. Entseuchte Luft. Künstliches Klima. Gefangene. Dann gäbe es draußen... Aber er wußte, daß es nicht wahr war. Es war nicht so einfach. Austin verstand das nicht.
»Das kann dir doch nicht alles gleichgültig sein!« flehte Austin. »Das kannst du doch nicht aufs Spiel setzen! Laß mir Zeit, wenigstens noch ein paar Stunden!«
Abel ging an die Tür und zog sie leise auf.
»Das kann dir doch nicht gleichgültig sein – die ewig lange Zeit, die wir hier verbracht haben. Der Major, der daran schuld ist. Du irrst dich, Austin. Du jagst einem Phantom nach. Draußen kann nichts sein als die Leere. Ich habe mir das einzig Reale ausgesucht, was sich tun läßt: Ich werde den Major töten. In dieser Nacht werde ich ihn töten.« Er ging hinaus. Er kümmerte sich nicht mehr um Austin.
Er schlug den Weg zu den Schützengräben ein, wobei er sich möglichst an die Wände der Bauten hielt. Das freie Feld zwischen der letzten Baracke und dem ersten Graben übersprang er mit ein paar Sätzen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß niemand in der Nähe war.