Er schlich durch die Gräben vorwärts. Er kannte ihr System genau und wußte, wo er um Ecken biegen und wo er geradeaus gehen mußte. Er folgte dem Labyrinth in scheinbar sinnlosem Hin und Her und Vor und Zurück, und dann war er dort, wo er hin wollte – an seinem Lehmversteck. Er hatte keine Taschenlampe, er brauchte kein Licht, er hätte die vergrabenen Teile auch gefunden, wenn die Fäden, die er bald ertastet hatte, nicht aus der Wand hervorgestanden hätten.
Er grub die Pistolenteile aus. Sie waren dreckig und verschmiert, aber das waren sie oft gewesen. Sie ließen sich reinigen. Er hatte das Putzzeug mitgenommen, sogar die Molybdändisulfidpaste zum Schmieren. Und noch einmal, das letzte Mal, machte er sich daran, die Pistolenteile zu reinigen und zusammenzusetzen, wie er es so oft geübt hatte. Den Lauf holte er aus der Rocktasche und setzte ihn ein. Nach fünf Minuten hielt er eine echte, geladene Pistole in der Hand. Drei Projektile steckten im Magazin, und diese drei Projektile sollten genügen.
Gebückt ging er durch die Gräben zurück. Hier war er gedeckt. Nur gelegentlich steckte er den Kopf hinaus und sah sich um. In dieser Nacht war mehr als eine Wache unterwegs. Einmal sah er drei Posten auf einmal. Zwei standen auf dem freien Feld zwischen den Baracken beisammen, während der dritte langsam hinter einer Ecke verschwand.
Er hätte nicht länger zögern dürfen. Sie fühlten sich nicht mehr sicher. Oder besser gesagt: Der Major fühlte sich nicht mehr sicher. Würden die Türen versperrt sein? Sie waren nicht zum Versperren eingerichtet, und so rasch ließen sich ganze Serien von Türen nicht versperren. Abel war davon überzeugt, daß noch viele weitere Türen in den umgrenzenden Gang führten; sie konnten nicht alle bewacht sein. Bisher hatte die bloße Tatsache genügt, daß die Soldaten nichts im Inneren des Maschinenhauses und der meisten anderen Baulichkeiten zu tun hatten. Folglich durften sie sie nicht betreten, das stand fest.
Je klarer Abels Gedanken wurden, um so unglaublicher erschien es ihm, wie leicht im Grunde genommen hier jede Meuterei war. Um so deutlicher wurde ihm aber dabei auch die Stärke dieser Organisation, in die er irgendwie hineingeraten war – die Beherrschung durch die schwarze Kugel. Solange man sie einnahm, brachte man es psychisch nicht fertig, einen Befehl zu ignorieren. Und solange man die Befehle befolgte, nahm man Pillen ein. Ein Teufelskreis für den, der hineingeriet. Doppelt gesichert dadurch, daß niemand von der Wirkung der Droge wußte.
Er war an den Rand des Irrgartens der Gräben gekommen, an einer anderen Stelle als jener, an der er ihn betreten hatte – möglichst nahe dem Maschinenhaus. Nachdem er sich umgesehen hatte, sprang er hinaus und rannte hinüber zur Tür. Jetzt kam ein entscheidender Augenblick – war die Tür bewacht? Er zog die Pistole aus der Tasche und atmete einige Male tief. Dann riß er die Tür auf, stürmte hinein und warf sich an die linke Wand neben einen Aufbau aus Isolatoren und Drähten. Er wartete wieder eine Weile und lauschte in die Dämmerung.
Das Singen des Schwungrades füllte den Raum. Ganz leise Knistergeräusche kamen von den Leitungen über ihm. Er vermeinte, bläuliche Strahlen darüber tanzen zu sehen, aber sobald er die Augen darauf richtete, waren sie verschwunden.
Er erhob sich und musterte seine Umgebung durch das Fenster. Dort drüben beim Magazin bewegte sich etwas im Schatten. Er versuchte das Dunkel zu durchdringen. Geduckt lief jemand vor einer hellen Stelle der Mauer vorbei. Austin. Austin geisterte herum, auf der Suche nach einer Sprengladung. Wenn sie ihn erwischten, gab es Alarm. Abel wußte nicht, ob das gut oder schlecht für ihn war. Wahrscheinlich war es gleichgültig; denn wenn alles nach Wunsch ging, war er bald am Ziel.
Er schlich nach hinten zur Wand, tastete nach der Tür, nach dem Hebel. Auch diese Tür war noch unverschlossen. Rasch öffnete er sie, schlüpfte hindurch und schloß sie wieder, um zu verhindern, daß der Schein der Glimmlampen nach außen drang. Auch den Hebel schwenkte er hinab.
Der Korridor erstreckte sich verlassen nach links und rechts. Abel packte die Pistole fester und ging in dieselbe Richtung wie bei seinem ersten Eindringen. Würde er jemand treffen? Den Major – dann war es gut. Die Frau? Einen Sergeanten? Wer hatte hier Zutritt?
Er wußte zuwenig. Immer mehr Fragen tauchten auf. Welchen Zweck hatte die Kaserne? Wie kam er, Abel, hierher? Was war vorher gewesen?
Er hielt dort, wo er gestern die Frau getroffen hatte. Die Tür war geschlossen. Lange hielt er das Ohr daran, dann drückte er den Hebel in kleinen Rucken nach rechts. Er zog die Tür über die Rollen auf. Das Licht, das ihm entgegenfiel, wirkte unangenehm hell. Es blendete.
Kein Mensch befand sich hier. Abel trat ein. Er spannte seine Sinne an – nichts Verdächtiges zu bemerken. Die große Maschine stand still. Auf den ersten Blick erschien sie als ein Gewirr von mattblinkenden, an den Ecken grünlich schimmernden Glasröhren mit kolbenförmigen Erweiterungen, durch die Drahtspiralen liefen, in die Goldspitzen ragten, die von Ringen und Reifen umgeben waren. Kabel verbanden die Metallteile in abschnittsweise geraden, stets nur in rechten Winkeln geknickten Linienzügen. Vor der Anordnung standen einige Kästen übereinandergebaut, stets der kleinere auf den größeren aufgesetzt. Sie hatten graue Plastikwände, in die Reihen von kleinen kreisrunden Löchern gestanzt waren. Die Rahmen bestanden aus schwarzgrauem Metall, in denen silberne Nieten saßen. Der unterste Kasten war groß wie ein Tisch und durch ein dickes Rohr mit der rechten Wand verbunden, die von einem schwarzen Rahmenwerk durchkreuzt und mit dem grauen Kunststoff verkleidet war. Eine Platte war abgehoben und stand am Boden, an die Verkleidung gelehnt. Dort war der Einblick ins Innere – waagrecht, senkrecht und unter fünfundvierzig Grad gegen die Horizontale geneigte dünne Drahtstäbe bildeten ein Gitter, dessen Kreuzungspunkte von Ringen umfaßt waren.
Abel trat näher. Kurz sah er sich um. Er hatte die Tür offengelassen, der Spalt wirkte von hier aus dunkel, wie ein Fenster in der Nacht. Das war also die Erklärung dafür, daß ihn der Major gestern nicht gesehen hatte – die Blendwirkung. Es war eine ganz einfache Erklärung, und in der Tat hatte Abel das Rätsel auf diese Art zu lösen versucht. Aber er war nicht sicher gewesen, in ihm hatte sich ein seltsames Mißtrauen geregt, eine Angst, auf irgendeine außerhalb seines Begreifens stehende Weise hintergangen zu werden.
Es kehrte wieder um und trat an die Maschine heran. Neben dem Turm aus Kästen stand ein Dreibein mit einem Mikrofon; die Zuleitung kam aus dem Seitenteil des untersten Kastens, dessen Deckplatte eine Art Schaltpult bildete. Neben einem großen Kippschalter war eine Anzahl mit chemischen Formelzeichen versehene Druckknöpfe eingelassen; eine Röhre, die von der Glaskonstruktion auslief, endete rechts neben dem Pult in einer Schüssel.
In Abels Nase stieg ein leicht brenzliger Geruch. Er zog die Luft prüfend ein – es roch nach Feuer und kam von unten. Er bückte sich – ein Faden Rauch wand sich empor ... neben einem Fuß des Mikrofonständers glimmte etwas rot. Ein Zigarettenstummel. Er schloß für einen Moment die Augen. Zigaretten, Coca-Cola, Radiomusik, Fernsehen. Gebäck und Nüsse... Das alles gab es irgendwo. Oder hatte es gegeben. Oder: würde es geben. Aber er hatte keinen Zugang dazu.
Der rauchende Zigarettenstummel. Er bedeutete etwas. Ein Strudel zog ihn in die Gegenwart zurück. Vor kurzem mußte jemand hier gewesen sein. Zigaretten – das ist Luxus. Also: der Major. Oder eine Frau? Er hob das glimmende weiße Ding auf... Es hatte keine Lippenstiftspuren. Also der Major.
Abel stand in halb geduckter Haltung da. Die Pistole lag in seiner Tasche. Er streckte die Hand hinein und umschloß den Griff der Waffe. Dann ging er an die linke Wand, an der eine Tür war – eine offene Tür.
Wieder betrat er einen Gang. Fassungslos blieb er stehen. Er blickte auf eine Garnitur Stahlrohrsessel, die um ein niedriges Tischchen mit schwarzer Kunststoffplatte montiert waren. Einem massigen Blumentopf entwuchs ein Gummibaum, der mit seinen Blätterkaskaden bis unter die Decke reichte. An der Wand standen zwei Büroschränke, die Rollen waren emporgezogen, darunter reihten sich mehrere Batterien von Ordnern. Ein Aktenbock war mit Lochkartenstößen vollgestopft. Auf einem Tischchen stand eine automatische Schreibmaschine mit Mikrofon, in einem Fach darunter ein Tonbandgerät.