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Ein Geräusch riß Abel aus seinen Betrachtungen. Sofort zog er sich hinter die Tür zurück. Er legte sich auf den Boden und blickte um die Ecke. Im Blickfeld erschien nun eine Person und dann noch eine. Sie kamen aus jenem Teil des Raumes hinter den Sesseln, den er noch nicht betreten hatte und den er von seinem Platz aus nicht einsehen konnte. Die erste Person war ein Soldat in der guten Uniform. Er hatte eine schwarze Binde vor den Augen und stapfte unsicher vorwärts. Der hinter ihm schritt und ihn vor sich herschob und lenkte, war ein Sergeant. Beide verschwanden in der jenseitigen Gangfortsetzung. Die Schritte verstummten, und dann erscholl ein Klopfen. Eine Tür ging, und Abel hörte die Stimme einer Frau.

»Na, komm rein, Kleiner.«

Unbestimmte Geräusche. Eine Tür fiel zu. Schritte. Der Sergeant kam wieder in Sicht. Er trat an den Aktenschrank, holte einen Ordner heraus, schlug ihn auf, blätterte darin.

Abel lag unschlüssig auf seinem Beobachtungsplatz. Er schätzte die Entfernung von sich bis zu dem Mann – es waren nur zwanzig Schritte. Wenn dieser bei der Maschine etwas zu tun hatte, konnte er in Sekundenschnelle da sein.

Abel wollte nicht mehr riskieren, als unvermeidlich war. Er hielt nach einer Stelle Ausschau, an die er sich zurückziehen konnte und an der er von der Tür aus nicht gleich sichtbar war. An der Wand hinter dem gläsernen Gebilde standen mehrere Dinge, die elektrische Schaltaggregate sein mochten, auf Tischchen; zwischen ihnen waren Ecken und Nischen frei.

Abel zog sich in eine dieser Nischen zurück, um abzuwarten. Die Wand hier war kanzelartig ausgebuchtet, ein Drehschemel stand vor einem Pult. Wer daran saß, konnte durch ein kleines Fenster sehen, das den Blick hinaus freigab.

Abel horchte auf die Geräusche aus dem Nebenraum ... er vernahm nichts Beunruhigendes. Er setzte sich auf den Schemel und schaute durch die Glasscheibe. Jetzt erkannte er, wo er war: neben dem großen Hof vor dem Unterkunftsgebäude des Majors.

Ein Geräusch veranlaßte ihn, sich auf den Boden zu legen, in die Deckung der Schaltanordnungen und Tische. Er hörte Stimmen, durch das Hallen klangen sie vermischt, aber einige Wortfetzen konnte er verstehen.

»... Zeit für dich, Kamerad?«

»... schon in fünf Minuten ein, oder nicht?«

»Was hältst du von den verstärkten Wachen?«

»Eine Übungsmaßnahme, was sonst?«

»Und die verschwundene Taschenlampe, Kamerad?«

»... als eine Übungsmaßnahme...«

»Die Sache kommt mir doch recht ernst vor ... ist genaugenommen Sabotage ... kann eigentlich nicht begreifen...«

»Na, eben, Kamerad. Drum hab ich da meine eigene Meinung.« Er dämpfte seine Stimme, aber die Worte waren jetzt besser zu verstehen als vorher. »... bin überzeugt, der Major hat sie selbst im Abfluß versteckt.«

»... weshalb?«

»Ist doch klar, Kamerad. Die Korporale werden zu bequem. Müssen etwas auf Trab gebracht werden. Sollen sich ein wenig anstrengen. Besser auf die Mannschaft aufpassen. Sonderdienst machen. Wache schieben.« Seine Stimme wurde allmählich lauter. »Der Vorgesetzte ist das Vorbild der Mannschaft. Er darf niemals lockerlassen... Nur die unablässige Arbeit an sich selbst ... dazu ist der Dienst da, die Übungen, der Unterricht. Er muß stets ... und mehr als seine Pflicht ... Treue des Soldaten ... Ehre...«

»Gewiß, Kamerad. Du hast recht, Kamerad.«

Sie sind überzeugt von dem, was ihnen der Major vorschwätzt, dachte Abel. Es sind arme Hunde wie wir. Ob der Major...? Ein schrecklicher Gedanke schoß ihm durch den Kopf: Vielleicht war auch der Geist des Majors nicht frei, und er war gar nicht der Schuldige, sondern Werkzeug. Aber wessen Werkzeug? Er verwarf diesen Einfall. Sie befanden sich in einem geschlossenen System ohne Verbindungsmöglichkeit zu anderen Räumen. Der Major war die treibende Kraft, der Motor dieser Welt – der Schuldige dafür, daß sie so war, wie sie war. Jetzt war er dessen wieder gewiß.

»... pünktlich sein. Wenn er zur Wachablösung kommt?«

»Heute nicht. Er hat das Schild vorgezogen.«

»Trotzdem. Ordnung muß sein. Kopf hoch, Kamerad!«

»Kopf hoch!«

Schritte, Türenschlagen...

Ein Mann hatte den Raum verlassen. Abel hörte leises Rascheln von Papier.

Er richtete sich auf und spähte durch das Fenster. Der Kasernenhof war nicht mehr leer. Zehn Männer mit Stahlhelmen standen draußen angetreten. Sie standen völlig unbewegt, man hätte sie für leblos halten können. Jetzt trat ein elfter Mann ins Blickfeld, es mußte der Sergeant sein, der die Wachablösung vornahm. In ungefähr zehn Meter Entfernung von der angetretenen Wachmannschaft blieb er stehen.

Von der anderen Seite kam jetzt eine zweite Reihe von Soldaten. Sie marschierte geradeaus, bis sie sich der wartenden Einheit genau gegenüber befand. Mit einem Ruck hielt sie an.

Durchs Fenster drang kein Laut, und um so marionettenhafter wirkte das nächtliche Schauspiel. Die abgemessenen Bewegungen, die abgehackten Schritte, die zackigen Kehrtwendungen, die steife Haltung der Körper. Holzpuppen an Fäden. Eine Bühne, Kulissen. Eine Zeremonie. Das Spiel der Willenlosigkeit.

Die zwei Reihen marschierten ab. Der Sergeant blieb stehen, bis sie verschwunden waren. Dann drehte er sich um und kam auf das Gebäude zu.

Eine Tür ging. Abel duckte sich.

»Alles in Ordnung?«

»Natürlich. Alles funktioniert.«

»Man darf sich nie zufriedengeben, sagt der Major.«

Die Stimmen blieben eine Weile still. Dann klangen sie wieder auf.

»Hast du noch lange hier zu tun, Kamerad?«

»... fertig.«

Die Rouleaus des Aktenschrankes rasselten.

»Ich gehe in die Wachstube.«

»Ich gehe schlafen.«

»Gute Nacht, Kamerad. Und Kopf hoch!«

»Kopf hoch!«

Die Stiefelabsätze klopften. Die Tür ging. Stille.

Abel wagte sich wieder aus seiner Deckung heraus. Er ging zur Tür. Die Luft schien rein. Vorsichtig um sich spähend und immer wieder lauschend, schlich er vor. Jetzt stand er an der Sesselgarnitur. Hinter dem Mauervorsprung, der ihm die Sicht abgeschnitten hatte, war die Tür, durch die die Sergeanten aus und ein gegangen waren. Vor ihm erstreckte sich der Gang. An der rechten Wand hingen Bilder – Stahlstiche, Drucke und Farbfotos von Männern. Männer in Uniformen: General Wellington, Friedrich der Große, General Rommel, Oberst Yo Fan, Kommodore Melisander. An zwei gekreuzten, mit Ringen befestigten Stangen hingen Fahnen. Eine rot-gelb-blau gestreifte und eine gelbe mit einem schwarzen Kreuz. Auf einem Stück aufgezogenem Pergament standen in Prägeschrift die Worte: Das höchste Gut ist die Ehre. Unsere Ehre heißt: Soldatentum.

In der linken Wand sah er vier schmale Türen; in ihnen waren Fensteröffnungen ausgespart, in denen Vorhänge zu sehen waren. Der Vorhang der ersten Tür war dicht zugezogen, jener der zweiten stand offen. Das Licht einer Nachttischlampe malte einen gelben Fleck auf eine Couch und beleuchtete die schmale Kammer schwach. Sie hatte kaum Platz für die wenigen Möbelstücke, einen Metallschrank, ein Nachtkästchen, einen Korbsessel. Eine mit Scharnieren an der Wand befestigte Tischplatte war aufgeklappt. Darauf stand eine Schale aus blauem Glas.

Abel hielt sich nicht auf. Aus dem nächsten Zimmer klangen Worte. Der Vorhang gab nichts frei, Abel legte das Ohr an die Kunststoffverkleidung. Frauenstimmen.

»... aber ich bin nicht ganz sicher.«

»Würdest du es tun? Ich meine, wenn es nicht verboten wäre?«

»Ich würde es tun.«

»Aber es ist keine Lösung.«