»Gewiß nicht.«
»Nimm noch ein Stück Kuchen. Ja, ich würde es tun.«
»Du würdest erwischt werden. Auch sie wird er erwischen.«
»Und was dann?«
»Der Kuchen ist gut. Du mußt mir das Rezept geben.«
»Ich schreib’ es dir auf. Hast du einen Kugelschreiber bei dir?«
»Ich müßte immer an das denken, was dann geschehen könnte.«
»Das ist es eben. Es gibt ein Dann.«
Abel schlich zur nächsten Tür. Der Vorhang war geschlossen. Daran mit Stecknadeln befestigt hing ein Zetteclass="underline" Besetzt. Abel hörte Flüstern und unbestimmte Geräusche, aber er konnte kein Wort verstehen.
Nach den vier Türen machte der Gang einen Knick und führte geradewegs auf eine große Tür zu. Daran hing ein Schild: Zutritt verboten. Das mußte es sein – das Allerheiligste, der Wohnraum des Majors. Abel zog die Pistole aus der Tasche. Er fühlte die Erwartung in sich stärker werden. Er tat einen Schritt auf die Tür zu. ›Zutritt verboten‹. Sollte diese Tür versperrt sein? Wohl kaum.
Sein Blick fiel auf seine Hand. Sie war ruhig. Er war ein guter Schütze. Die Pistole war bereit. Er hatte sie selbst zusammengesetzt und geladen. Mit einemmal stieg ein Zweifel in ihm hoch: Lag das Magazin richtig? So, daß eine gefüllte Kugeltasche an der Zündung lag, und nicht eine leere? Er ließ das Magazin herausgleiten – dazu brauchte er nicht einmal den Griff herabzuklappen; denn seine Pistole hatte keinen Griff. Sie lag zwar nicht gut in der Hand, aber gut genug, um damit zielen und treffen zu können.
Das Magazin war richtig gefüllt; die drei Kugeln saßen in den drei oberen Taschen, die beiden anderen waren leer. Drei Schuß – genug für einen Mann. Abel tat ein übriges: Er ließ eine Kugel herausgleiten und sah sie an – als könnte etwas an ihr nicht in Ordnung sein. Aber alles war in Ordnung – es war eine Kugel wie alle vielen tausend Kugeln, die er schon verschossen hatte – silbriggrau, lanzettförmig, die Achse von einem feinen Kanal durchbohrt.
Plötzlich zuckte er herum – ein Geräusch? Stille. Vielleicht war es aus dem Zimmer gekommen, in dem sich die beiden Frauen unterhielten. Abel mußte jetzt über sich selbst lachen. Da stand er mit entladener Pistole, direkt vor der Höhle des Löwen! Aber was machte es aus? Die Kugel ins Magazin, das Magazin in die Pistole ... eine Sekunde, nicht einmal eine Sekunde.
Er zögerte nicht mehr. Er trat ganz nahe an die Tür. Da war wieder der Laut von vorhin ... ein Schrei, gedämpft, unterdrückt? Er kam von der Tür des Majors. War der Major nicht allein?
Gleichgültig. Niemand kann so schnell schießen wie ein Mann, der die Pistole schon in der Hand hält und seit Tagen darauf brennt zu schießen.
Abel legte die Hand auf die Klinke und drückte sie herunter, langsam wie einen Minutenzeiger. Er fühlte den leichten Widerstand der Federung und dann den starken des Anschlags. Er verlagerte die Richtung seines Drucks nach vorn. Der Türflügel gab nach. Wieder bremste er seine Ungeduld und bewegte ihn millimeterweise vorwärts.
Die Geräusche wurden lauter. Pochen unterbrach die Worte. Abel verstand jetzt:
»Zweite Batterie – Feuer. Dritte Batterie – Feuer. Bombenklappen auf! Achtung – Raketen im Anflug von Nord. Fertigmachen zum Sturmangriff. Ulanen auf die Pferde!«
Abel hatte die Tür jetzt um einen handbreiten Spalt geöffnet. Er sah noch wenig: einige Stühle, eine Landkarte an der Wand.
»Torpedos fertigmachen. Feuert! Flammenwerfer vor! Achtung – feindliche Panzer von links! Einnebeln! Stürmt die Barrikaden! Giftgas einsetzen!«
Abel stieß die Tür vollends auf. Ein kahles Zimmer. Wenig Möbel. Ein Feldbett. Darauf der Major. Er hielt die Augen geschlossen und brüllte seine Schreie hinaus.
»Die Panzerkreuzer vor! Atombomben auf die Festung! Brecht die Mauer ein – Sturm! Sturm!«
Sein Gesicht war rot, Schweiß überzog seine Stirn mit einzelnen Tröpfchen, das Haar stand wirr von seinem Kopf ab.
Abel hob die Pistole und rief:
»Herr Major!«
»Übernehmen Sie das zehnte Regiment! Dringen Sie von der Seite in die Festung ein!«
»Herr Major!« schrie Abel.
Der Major öffnete die Augen. Sie starrten Abel leer an.
»Ein prächtiges Gefecht, Kamerad. Was meinten Sie?«
»Herr Major!« schrie Abel. Er trat mit erhobener Pistole an den liegenden Mann heran. Kleine Speichelbläschen saßen an dessen Mundwinkeln. Das Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Mühsam setzte er sich auf seinem Bett auf.
»Wir müssen durchhalten«, lallte er. »Unsere Ehre steht auf dem Spiel. Das ist der große Krieg. Der Soldat hat immer seine Pflicht getan. Wir sind klar zum letzten Gefecht.«
Abel war verzweifelt. Der Major sollte verstehen! Er hielt ihm die Pistole vor die Augen, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn.
»Major«, brüllte er. »Wir sind nicht im Krieg. Wir sind in der Kaserne. Wachen Sie auf! Wir sind nicht im Krieg!«
Das rotaufgedunsene Gesicht vor Abel schwankte. Die Augen blickten verständnislos. Abel schwieg und ließ los. Der Kopf des Majors fiel nach vorn und schlug dröhnend auf die Platte des Tisches, der vor seiner Liegestatt stand.
»Es ist immer Krieg«, murmelte er. Seine zu Fäusten geballten Hände entspannten sich, die Finger bebten. Es sah aus, als krümmten sich kleine Tiere im Todeskrampf. Neben ihnen lag ein leeres aufgerissenes Plastiktütchen.
Die Hände, der Kopf und die Tischplatte verschwammen plötzlich – in Abels Augen standen Tränen. Die gesenkte Pistole in der Hand taumelte er zur Wand und stützte sich daran. Der Major begann laut und schnarrend zu atmen. Die Hand Abels umkrampfte noch immer die Pistole, doch jetzt versuchte er nicht mehr, sich zum Schießen zu zwingen. Er gestand sich ein, daß er es nicht konnte. Nicht, solange der Major ohne Besinnung war.
Eine Welt war in ihm zerbrochen. Eine Welt, die er sich ganz allein aufgebaut hatte, die Welt seines großen Plans, der viel mehr war als Vergeltung oder Rache, eher sein Glaube, seine Religion, etwas Unbegreifliches, etwas, das ihm von außerhalb oder von früher erhalten geblieben war. Er blieb zurück, leergebrannt und ratlos.
Was sollte er tun? Zurückkehren? Warum nicht. Niemand hatte ihn bemerkt, der Weg zurück war frei. Er konnte in seine Stube schleichen, ins Bett kriechen, die Decke über die Ohren ziehen und so tun, als wäre nichts geschehen. Aber es war nichts mehr da, was ihn aufrecht halten würde. Sein Haß war zerschmolzen, und die Gleichgültigkeit ist keine stützende Kraft. Ohne Haß und ohne schwarze Pille – das ging nicht.
Oder sollte er warten, bis der Major erwachte? Würde er dann wieder den Mut haben zu schießen? Hatte es noch Sinn zu schießen? Bisher hatte er nicht nach dem Sinn gefragt. Wahrscheinlich hatte es keinen Sinn. Wahrscheinlich hatte nichts Sinn.
Er schrak zusammen. Ein heller Klingellaut durchbrach die Stille. Er kam vom Nachttisch am Kopfende des Bettes; dort stand ein Telefon. Das Klingeln wiederholte sich. Der Major machte eine schwache Bewegung. Abel ging rasch hinüber und nahm den Hörer ab. Er kannte die Stimme des Majors.
»Was gibt es?« fragte er scharf.
»Hier Korporal vom Dienst, Wachstube. Herr Major, ich bitte melden zu dürfen: Die für heute befohlene Stubeninspektion ist beendet. Wir haben ... in Stube 56 ... Herr Major – es fehlen zwei Mann. Abel 56/7 und Austin 56/8. Soll ich Alarm geben? Eine Suchaktion vornehmen?«
Abel überlegte kurz.
»Nein«, bellte er ins Mikrofon. »Jetzt nicht. Erst nach dem Wecken.«
»Herr Major ... es scheint sich um Fahnenflucht zu handeln. Man sollte jetzt sofort etwas...«
»Haben Sie nicht gehört«, fiel ihm Abel schneidend ins Wort. »Konzentrieren Sie die Wachen auf die Unterkünfte, damit sich nicht noch mehr Leute davonmachen. Bis zum Wecken keine weitere Aktion! Ende.«
Er legte auf.
Nun war es entschieden. Er hatte Zeit bis sechs Uhr. Diese paar Stunden enthielten alles, was für ihn noch zu tun übrigblieb. Er konnte hier warten oder fliehen – den Major erschießen, sich selbst erschießen oder drei andere. Er konnte ... was konnte er noch?