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Er verließ das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Das Schild ›Zutritt verboten‹ hing noch daran. Eilig durchquerte er den Gang und schlug den Weg ein, auf dem er vor einer Stunde, bebend vor Mordlust, gekommen war.

12

Phil hatte in dieser Nacht wenig geschlafen. Er fühlte sich nicht gut; das mochte von den Aufregungen des vergangenen Tages kommen, vielleicht auch von der wieder entfachten, für ihn noch ungewohnten Arbeit von Herz und Lunge – schließlich war es gleichgültig, woher es kam. Als Chris am Vormittag eintrat, hatte sie rot umränderte Augen.

»Ich konnte nicht früher kommen«, sagte sie. »Er ging gerade den Gang entlang, als ich zu dir wollte.

Er hat mich ... er verlangte...«

»Was?« fragte Phil schwach.

»Oh, Phil, was sollen wir machen?«

Sie setzte sich an sein Bett, diesmal nicht auf den Hocker, sondern auf den Bettrand. Sie beugte sich nieder und küßte ihn. Wieder fragte sie:

»Was sollen wir tun?«

»Es wird sich schon etwas finden.« Phil merkte selbst, wie lahm seine Worte klangen. Er hatte die ganze Nacht gegrübelt, und ihm war nichts eingefallen. Aber er mußte etwas Tröstliches sagen.

»Gibt es Waffen an Bord?« fragte er. »Hast du bei irgend jemand eine Pistole gesehen? Vielleicht in den Vorratsräumen?«

»Ich glaube nicht ... ich habe nicht darauf geachtet. Was willst du damit?«

»Vielleicht kann man ihn zwingen«, sagte er vage.

»Wozu willst du ihn zwingen?«

Ja, wozu. Er antwortete nicht.

»Ach, es ist gräßlich, Phil«, flüsterte sie. »Noch viel gräßlicher, als ich bisher gedacht habe. Und es war schon schlimm genug.«

»Es klang so vernünftig«, sagte Phil. »Alles, was er gesagt hat.«

Sie fuhr empor.

»Aber es ist falsch!«

»Ich habe keinen Fehler entdeckt«, sagte er mutlos.

»Es ist falsch«, sagte sie nochmals, als könne sie sich dadurch wehren, daß sie es mehrmals herausstieß: »Es ist falsch!«

»Wenn ich doch nicht so hilflos wäre!« murmelte er dumpf. Er mußte sich zwingen, ruhig zu bleiben, aber dann brach der Schmerz und die Enttäuschung in ihm durch: Er ballte die Fäuste und warf den Kopf hin und her.

»Wenn ich nicht an diesen Stricken hängen würde ... Chris ... ich will ja alles tun...«

Sie strich über seine Wangen und küßte ihn wieder.

»... ich verspreche dir, Chris...«, stammelte er, »wenn ich wieder bei Kräften bin ... ich finde einen Weg ... ich verspreche es!«

»Sei still«, sagte sie, ganz nahe vor seinem Gesicht. »Ich weiß es doch. Ich weiß es doch...«

Er spürte den Hauch von ihrem Mund. Seine Arme lagen noch in den Riemen, aber er brauchte den Kopf nur um ein geringes zu heben, um ihr Gesicht zu berühren, und dann küßten sie sich wieder, hungrig nach der Nähe des andern, wortlos und verzweifelt.

»Schwester Christine, Sie vergessen sich«, sagte der Oberarzt. Er stand im Rechteck der offenen Tür; sie hatten das Geräusch des Öffnens überhört. Chris fuhr empor und ging mit kleinen Schritten nach rückwärts an die Wand.

»Sie wissen, ich kann Sie zum Gehorsam zwingen«, sagte Dr. Myer ruhig, »aber das dürfte doch nicht nötig sein! Gehen Sie auf Ihr Zimmer! Wir sprechen uns später!«

Er wartete, bis das Mädchen das Zimmer verlassen hatte. Es blickte Phil nicht mehr an.

»Christine ist ein nettes Mädchen«, sagte Dr. Myer. »Zweifellos ist sie die netteste von den vier Frauen, die wir für die Menschheit gerettet haben. Ich verstehe, daß sie Ihnen gefällt, Abelsen. Ich habe nicht einmal etwas dagegen, wenn Sie sich in sie verlieben, aber par distance, wenn ich bitten darf! Merken Sie sich das, Abelsen: Sie gehört mir. In normalen Zeiten würde ich sagen, sie ist meine kleine Braut. Falls Sie das bisher nicht gewußt haben sollten – jetzt wissen Sie es. Richten Sie sich danach!« Er wandte sich zur Tür.

»Herr Oberarzt!« rief Phil.

Der Arzt drehte sich halb herum und schaute Phil über die Schulter an.

»Gibt’s noch etwas?«

»Das können Sie nicht tun«, sagte Phil, »das, was Sie vorhaben. Die Frauen sind nicht Ihr Eigentum. Und vor allem nicht Chris!«

»So«, sagte der Arzt, »also, so ist das – Sie sind ein Aufrührer. Einer von jenen, die sich aus wer weiß welchen Gründen gegen Gott und die Welt stemmen. Die Unzufriedenheit säen und das Chaos ernten. Das hat mir gerade noch gefehlt. Aber ich werde mich mit Ihnen beschäftigen. Ich werde einen brauchbaren Menschen aus Ihnen machen. Und nun befehle ich Ihnen: Stellen Sie dem Mädchen nicht nach. Es ist nicht für Sie da. Für Sie am allerwenigsten. Ich hoffe, Sie haben begriffen!«

Noch immer stand er halb zur Seite gedreht vor der Tür. Nun griff er nach dem Knauf und schob sie auf. Er trat hindurch. Phil sah noch ein Stück des weißen Kittels. Dann glitt sie zu.

Auch in dieser Nacht hatte Phil wenig Schlaf gefunden. Immer wieder fuhr er aus wirren Träumen empor und lauschte. Aber das Schnarren der Tür, auf das er wartete, blieb aus. Natürlich sehnte er sich nach Chris, aber es wunderte ihn nicht, daß sie ihn nicht aufsuchte. Wahrscheinlich wurde sie beobachtet – wenn sie nicht überhaupt eingesperrt war. Er wäre aber auch für jede andere Unterbrechung seiner Einsamkeit dankbar gewesen, sogar für einen Besuch des Arztes, doch er blieb allein in dieser Nacht. Von allen langen Nächten, die er allein auf seinem Krankenlager verbracht hatte, war das die schwerste gewesen.

Erst gegen Morgen verfiel er für kurze Zeit einem unruhigen Schlaf, aber ein Traum, der sich mehrmals wiederholte, ließ ihn immer wieder schweißgebadet emporschrecken: Er lag gelähmt auf einem Laufband und trieb einer riesigen Falle aus Glas zu, die über ihm zuschnappte.

Als er endgültig erwachte, fühlte er sich sehr müde, aber er war ein wenig ruhiger geworden. Das Warten auf etwas, was geschehen mußte, wenn er auch nicht wußte, was es sein würde, erschien ihm nicht mehr ganz so unerträglich. Irgendwie mußte es weitergehen, irgendwie ging es immer weiter.

Dann öffnete sich die Tür, eine fremde Person trat herein, eine junge Frau in Schwesterntracht, mit einem groben, etwas stumpfen, aber gutmütigen Gesicht.

»Guten Morgen«, sagte sie. »Wie haben Sie geschlafen?«

»Wo ist ... Schwester Christine?« fragte er.

Die Schwester näßte einen Schwamm, indem sie aus einer Plastikflasche Flüssigkeit darauf sprühte. Der desinfizierende Geruch des Reinigungsmittels verbreitete sich im Zimmer.

»Sie hat eine andere Aufgabe übernommen«, sagte die Schwester und wischte mit dem Schwamm über Phils Gesicht. »Ich löse sie ab. Ich bin Schwester Berthe.«

»Was ist mit ihr? Wo ist sie?«

Schwester Berthe unterbrach ihre Arbeit nicht.

»Regen Sie sich doch nicht auf«, sagte sie.

»Holen Sie sie!« rief Phil. »Sofort!«

»Bleiben Sie doch ruhig liegen!« befahl die Schwester ungeduldig.

Phil drehte den Kopf zur Seite, um dem wischenden Schwamm zu entgehen, der ihn am Sprechen hinderte.

»Schluß damit!« stieß er heraus. »Ich will Chris sehen!«

»Na hören Sie«, sagte die Schwester. »Wie führen Sie sich denn auf?« Sie erhob sich aus ihrer gebückten Haltung und sah Phil ärgerlich an.

Er versuchte seine Ungeduld zu zügeln.

»Bitte, Schwester«, bat er, »gehen Sie zu ihr. Sagen Sie ihr, sie soll kommen!«

»Sie darf nicht kommen«, sagte sie. »Verstehen Sie das nicht? Es ist doch ganz klar: Sie darf nicht – und sie kann nicht!«

»Haben Sie sie gesehen?« fragte Phil. »Heute?«

»Ja, gewiß, im Schwesternzimmer. Sie hat mich übrigens gebeten, Sie grüßen zu lassen. Sie wünscht Ihnen gute Besserung.«