Phil sagte nichts darauf, und Schwester Berthe fuhr fort, ihn abzuwaschen. Von Zeit zu Zeit drückte sie den Schwamm über einer Schüssel aus und besprühte ihn neu.
»Schwester«, sagte Phil. »Tun Sie mir einen Gefallen, bitte! Sagen Sie mir, ob Chris telefonisch zu ereichen ist.«
»Ja, aber ich verbinde Sie nicht mit ihr.«
»Welche Nummer hat sie?«
»Wozu soll ich es Ihnen sagen? Sie dürfen nicht mit ihr sprechen. Der Chef hat es verboten. Er sagte, es regt Sie zu sehr auf.«
»Hören Sie«, sagte Phil. »Ich muß mit ihr sprechen. Sie soll kommen – irgendwann!«
»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich das melden werde, wenn Sie nicht sofort still sind!«
Nach einer Pause fragte sie mit sanfterer Stimme:
»Sie haben sich wohl in sie verliebt, was?« Als Phil nicht antwortete, sprach sie weiter. »Was glauben Sie, wie oft das vorkommt – daß sich die Kranken in uns Schwestern verknallen! Das passiert jeden zweiten Tag, mindestens. Ich könnte Ihnen Dinge erzählen. Aber ich mache da nicht mit! Sobald ihr ganz gesund seid, ihr Männer, wollt ihr von uns nichts mehr wissen. Ich hatte einmal eine Freundin, die hieß Ellie. Die ist ganz schön hereingefallen. Das war, als ich noch in Santiago gearbeitet habe. Eines Tages brachten sie einen...«
»Trocknen Sie mir das Gesicht ab, Schwester«, sagte Phil.
Sie tat es. Dann sagte sie:
»Nehmen Sie es nicht so schwer! Schlagen Sie sich Chris aus dem Schädel. Was nicht zu ändern ist, ist nicht zu ändern! Der haben Sie ganz schön den Kopf verdreht. Völlig verweint sieht sie aus. Na, der Doktor wird sie schon beschäftigen.« Sie warf Phil einen forschenden Blick zu. »Machen Sie sich nichts draus. Es geht vorbei. Wir sind ja alle nicht besser dran. Er pfeift, und wir tanzen. Was sollen wir sonst tun – unter diesen Umständen?«
Sie warf den Schwamm in die Schüssel, klemmte die Sprühflasche unter den Arm und verließ das Zimmer.
Gegen Abend kam der Oberarzt. Er stellte sich neben Phils Bett und musterte ihn.
»Gute Nachrichten, Abelsen«, sagte er. »Die kleine Sonne, die wir ansteuern, ist schon im Fernrohr zu erkennen. Sie leuchtet äußerst schwach, muß ziemlich kühl sein – aber immerhin – es ist eine Sonne.« Er drückte einen der Knöpfe auf dem Schaltkästchen am Bett. Das Fenster ging auf. Die silberne Wand des äußeren Rings wurde sichtbar, und dahinter öffnete sich der unendliche Raum. Die Sterne zogen langsam ihre Kreise um einen Punkt, der nicht im Blickfeld lag.
»Gleich wird sie ins Bild kommen«, sagte der Arzt. »Sehen Sie! Dort, wo die drei hellen Sterne das gleichseitige Dreieck bilden – dort ist sie – RZ 11 ... am rechten Schenkel des Dreiecks – mit freiem Auge noch nicht sichtbar. Und das Schönste wissen Sie noch nicht: Sie hat einen Planeten – mindestens einen. Ich habe eine leichte Abnahme der Lichtintensität festgestellt. Sie dauert dreiviertel Stunden. Das muß das Vorüberwandern eines Planeten gewesen sein. Dort werden wir landen. In einigen Tagen werde ich die Verzögerung einschalten. Die genaue Berechnung liegt noch nicht vor.«
Mit hocherhobenem Kopf blickte er in die schwarze Leere hinaus, von der ihn nur eine Glasschicht trennte. In der er eine Insel entdeckt hatte, auf der das Leben Fuß fassen konnte.
»Wie der Planet aussieht, weiß ich natürlich noch nicht. Sicher nicht sehr freundlich. Aber wir haben alles da, um uns auf ihm festzusetzen. Uns bleibt keine andere Wahl. Die Fahrt ins Ungewisse fortzusetzen – das würde zuviel kosten. Zuviel Zeit und Energie.«
Er drückte wieder einen Knopf der Tastatur, und vor das Fenster schob sich die undurchsichtige Wand.
»Das, Abelsen, ist übrigens für Sie!« sagte er. Er wies auf das Kästchen unter dem Krankenbett. »Vielleicht haben Sie schon soviel Kraft in den Armen.«
Er drückte seine Finger in den Oberarm Phils.
»Versuchen Sie es!«
Er löste die Riemen vom rechten Arm des Patienten. Phil tat so, als strenge er sich an, den Arm zu heben. Er biß die Zähne zusammen und fuhr ein paarmal auf dem Kissen hin und her, als brächte er es noch nicht fertig, die Muskeln zu strecken.
»Na, lassen Sie es gut sein«, sagte der Arzt. »Sie sind noch nicht ganz soweit. Ich binde Sie wieder an. Sonst ziehen Sie sich Schaden zu, wenn Sie einmal einen Krampf bekommen sollten.«
Er zog die Riemen zu, und Phil registrierte mit Dankbarkeit, daß er sie nicht fester anzog, als sie vorher gewesen waren.
»Ja«, sagte der Arzt. »Da sind wir also bald am Ziel, und ich muß mit den Vorbereitungen beginnen. Was mache ich nur mit Ihnen? Ich hätte Sie gern überzeugt. Sie sind nicht unintelligent – Sie waren ja einmal Leutnant.«
»Bin ich es nicht mehr?« fragte Phil.
»Nein«, sagte der Oberarzt. Sein Gesicht hatte einen nahezu wohlwollenden Ausdruck. Er stand noch immer neben Phils Bett, statuenhaft, ein Sinnbild des Schicksals.
»Haben Sie über das nachgedacht, was ich Ihnen berichtet habe?« fragte er.
Phil nickte.
»Ja.«
»Haben Sie eingesehen, daß mein Plan richtig ist?«
Phil schwieg.
»Das mit Chris – wissen Sie, ich verstehe das. Aber so etwas kann man überwinden, wenn es auch schmerzt. Sie begreifen doch, daß die Frauen eine Aufgabe zu erfüllen haben – nicht wahr?«
»Es ist nicht menschlich«, sagte Phil.
»Sie begreifen also nicht. Schade, ich hätte es gern gesehen, wenn mich jemand verstanden hätte – mich und die Bedeutung meines Plans. Schade. Aber wenn es Ihnen schon an Intelligenz mangelt – dann muß es ohne Verständnis gehen. Sind Sie bereit, freiwillig an der großen Aufgabe mitzuarbeiten, die sich uns stellt? Auch wenn Ihnen die logische Notwendigkeit verschlossen bleibt. Ordnen Sie sich freiwillig meiner Führung unter?«
Als Phil schwieg, fuhr er in seinem gedämpften, aber festen Ton fort.
»Ich hätte es gern gesehen, wenn Sie freiwillig zur Mitarbeit bereit gewesen wären. Dann würden Sie mit der Zeit begreifen. Vielleicht kommen Sie nur deshalb noch nicht mit, weil alles zu überraschend in Sie hineinbrach. Ich meine es doch gut mit Ihnen, Abelsen. Noch haben Sie alle Chancen. Nun?«
Phils Mund war trocken. Er kämpfte mit sich. Nicht, daß er bereit gewesen wäre, sich unterzuordnen. Aber – war es klug, sich offen aufzulehnen? Machte er dadurch etwas besser?
»Abelsen, besinnen Sie sich doch!« sagte der Arzt. Er begann, die Geduld zu verlieren. Unterdrückte Wut klang in seiner Stimme mit. »Ich bitte Sie um keine Gefälligkeit! Ich kann mit Ihnen machen, was ich will. Es würde mir nicht die geringste Mühe bereiten, Sie zu zwingen – zu allem, was ich will! Ich habe das Mittel dazu!« Er klopfte mit der Hand auf die Seitentasche seines Ärztemantels. »Aber es liegt mir nichts daran, es anzuwenden. Ich will, daß Sie mir freiwillig recht geben!«
Phil hatte sich seine Verhaltensweise zurechtgelegt.
»Es ist nicht leicht«, sagte er.
»Was ist nicht leicht?« fragte der Arzt.
»... Sie zu verstehen«, antwortete Phil. »Die Situation ist ungeheuer schwierig. Ihr Plan ist äußerst kompliziert. Er ist gigantisch.«
»Begreifst du wenigstens das, mein Junge«, murmelte der Arzt. Laut setzte er hinzu:
»Wollen Sie versuchen, sich mit ihm auseinanderzusetzen?«
»Ich will es versuchen«, sagte Phil.
Der Arzt überlegte.
»Ich kann Ihnen nicht viel Zeit geben. Die Verzögerung beginnt schon morgen. Während der erhöhten Trägheitswirkung sind wir alle nicht voll einsatzfähig. Aber ich will es mit Ihnen versuchen...« Er unterbrach sich und schaute Phil forschend an. »Sie wollen doch nicht bloß Zeit gewinnen, Abelsen? Sie versuchen doch keinen Trick, wie? Sie sind wirklich bereit, sich meinen Anordnungen zu fügen?«
»Jawohl, das bin ich«, bestätigte Phil. Er hoffte, daß es aufrichtig klang.
»Sie sehen ein, daß Sie auf Christine verzichten müssen?«
»Ja«, sagte Phil. Es kam ein wenig gepreßt heraus. Es klang bestimmt nicht aufrichtig.