Der Sergeant überlegte kurz.
»Wir werden sehen«, sagte er. »Kommen Sie mit!«
Vor Abel ging er an den vier Türen der Mädchenzimmer vorbei. Dann blieb er stehen. Noch einmal sah er Abel prüfend an.
»Mensch, wie Sie aussehen!« sagte er mißbilligend. Dann klopfte er an die Tür des Majors. Die Stille nach den dumpfen Lauten dauerte nur Augenblicke, aber für Abel dehnte sie sich ins Unerträgliche. »Was gibt’s?« erklang es von innen.
»Herr Major, hier ist ein Soldat, der im Zusammenhang mit den jüngsten Vorfällen eine Meldung zu erstatten hat.«
»Soll reinkommen!«
Der Sergeant öffnete die Tür und schob Abel vor sich hinein. Beide nahmen Haltung an und salutierten.
Der Major stand vor der Landkarte. Er wandte ihnen den Rücken zu. Sie sahen seine Hand, die ein Stück Fettkreide hielt und blaue Bogen aufs Papier des Planes über seinem Bett zeichnete – einen kurzen, der eine Gruppe von Rechtecken als Viertelkreis umschloß, und einen größeren, der sich gegen sie von der anderen Seite als flache Klammer öffnete.
Nun ließ er die Hand sinken.
»Die Schlacht bei Waterloo«, sagte er. »Klassisches Beispiel vorbildlicher Kriegstechnik. Unübertroffen. Wellington – ein Genie.« Er tippte mit der Kreide auf einen Bogen. »Hier – die erste Armee unter General Blücher, und hier die zweite. Selbst wenn der Gegenstoß von hier erfolgt wäre...« Abrupt drehte er sich um. »Was gibt es also?«
»Herr Major«, meldete der Sergeant. »Hier ist der Mann...«
»Gut, Sergeant«, sagte der Major. Zum erstenmal faßte er Abel ins Auge. Sein Gesicht hatte den gewohnten harten Ausdruck, das ungesunde Rot war verschwunden. Seine Zähne blitzten. »Was haben Sie zu sagen?«
»Ich kann es Ihnen nur allein mitteilen«, antwortete Abel.
Leichte Belustigung glitt über das Gesicht des Majors. Er sah Abel unverwandt an. »Gehen Sie raus, Sergeant. Schließen Sie die Tür!«
»Jawohl, Herr Major.«
Der Sergeant verließ das Zimmer. Abel hörte die Tür zufallen. Der Major hob befehlend die Hand mit der Kreide. Die andere hatte er in die Jackentasche gesteckt. In aufrechtet Haltung stand er vor Abel, als wollte er ihn herausfordern. Er bot ihm die volle Vorderseite seines Körpers.
Abels Hand schoß zum Fuß hinunter. Er zog die Pistole heraus, legte an. Der Zeigefinger schloß den Kontakt. Der Schuß krachte, und sofort darauf jagte Abel auch die beiden weiteren Schüsse heraus. Eine feine, durchsichtige Rauchsträhne kräuselte sich vom Lauf der Pistole aufwärts.
Der Major stand noch immer vor Abel, der die Waffe langsam sinken ließ. Wie lange dauerte es, bis die Kugeln wirken? Er hatte genau auf die Brust des Majors gezielt, und es machte ihn nun etwas unsicher, daß er die Einschußlöcher nicht sah.
Die Tür schlug auf.
»Herr Major, was ist geschehen?«
»Sind Sie des Teufels, Mann?« brüllte der Major. »Wie können Sie es wagen, ohne zu klopfen bei mir einzudringen. Hinaus!«
Die Tür schlug wieder zu. Abel hatte sich nicht umgesehen. Ungläubig starrte er dem Major ins Gesicht.
»Sehen Sie«, sagte der Major. Er war ganz ruhig. »Das mit der Pistole ... ist ganz einfach.« Er legte die Kreide auf den schwarzen Tisch, trat auf Abel zu und nahm ihm die Waffe sanft aus der Hand. Aus der Munitionstasche im Gürtel holte er eine Kugel.
»Das ist eine echte Kugel.« Er drehte sie zwischen den Fingern und reichte sie Abel. »Sie unterscheidet sich von der Übungsmunition dadurch, daß sie kompakt ist. Das gilt einerseits für den feinen Kanal – wie Ihnen bekannt ist, weisen die Übungskugeln eine Durchbohrung auf, die der Achse von der Spitze bis zur hinteren Abplattung folgt; seine Bedeutung werde ich Ihnen gleich erläutern. Zunächst zum wichtigsten Punkt, dem des Materials. Auch das Material ist nicht kompakt, jedenfalls nicht so kompakt, wie man es bei einer richtigen Kugel fordern muß. Es besteht aus einer Legierung aus Quecksilber, Antimon und einigen anderen Metallen, die bei der Erhitzung durch die Explosionswärme des Sprengstoffes schmilzt und sofort nach dem Austritt verdampft. Das ist eine naheliegende Sicherheitsmaßregel, nicht nur zu meiner Sicherheit, auch zu jener meiner Leute. Wie leicht kann sich eine Kugel verirren! Jeder meiner Soldaten ist mir teuer.«
Der Major holte einige weitere Projektile aus dem Täschchen an seinem Gürtel, ließ das Magazin aus der Pistole schnappen und füllte es bedächtig. Dann steckte er es wieder zurück. Er wog sie in der Hand und lachte leise.
»Wie drückt man hier los?« fragte er. »Traurig anzusehen, das Ding, ohne Abzug und ohne Griff. Aha, so geht es!« Er zielte kurz und drückte ab. Klirrend fiel ein Bajonett von der Wand. Die Kordel, an der es gehangen hatte, war durchschossen.
Der Major blickte Abel an. Sein Blick war freundlich.
»Das nur, damit Sie mich besser verstehen«, bemerkte er. »Wo war ich stehengeblieben?« Er überlegte. Dann sagte er leise, doch mit drohendem Unterton:
»Soldat Abel 56/7, ich habe Sie etwas gefragt! Wo war ich also stehengeblieben?«
Abel schwieg.
»Aha, Sie wollen nicht. Na ja. Auch gut. Ich muß Ihnen noch die Bedeutung des Kanals erklären – das war es. Sie sind ja ein Schlaumeier, und Sie werden sich natürlich jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wieso man mit Blindgeschossen Treffer erzielen kann – beim Übungsschießen, nicht wahr? Nun, die Sache ist ganz einfach zu lösen: Das Detonieren des Schießpulvers, eine komplizierte chemische Reaktion, ist von einer Leuchterscheinung begleitet. Die Strahlen dringen geradewegs durch den feinen Kanal und treffen, wenn Sie einigermaßen richtig gezielt haben, die Zielscheibe. Natürlich ist der Effekt sehr schwach, aber nicht so schwach, daß er sich nicht durch fotoelektrische Zellen registrieren ließe. Jeder Ring der Zielscheibe ist als Fotozelle ausgebildet. Der durch das Aufblitzen ausgelöste Impuls wird als Potential gespeichert, von Bürsten abgetastet und auf das Zählwerk weitergeleitet. Ist das jetzt klar? Sonst noch Fragen?«
Abel gab keine Antwort.
Der Major betrachtete ihn eine Weile.
»Ich werde mich wohl noch etwas mit Ihnen unterhalten müssen. Eigentlich unglaublich, daß Sie aus meinem System herausgefunden haben!«
Er drückte auf einen Knopf in der Wand am Kopfende seines Bettes. Nach wenigen Sekunden klopfte es.
»Herein!«
Ein Sergeant trat ein und stellte sich der Vorschrift gemäß mit angelegten Armen, zurückgezogenen Schultern und parallel aneinandergerückten Füßen vor dem Major auf. Abel stand gebückt, seine Hände hingen schlaff hinunter.
»Stecken Sie ihn in das Musikzimmer!«
»Jawohl, Herr Major! Herr Major, darf ich melden? Es ist Zeit zum Morgenappell.«
»Gut, Sergeant, ich komme.«
Aus einem Fach seines Nachttisches nahm er den Bügel seines Kehlkopfmikrofons.
»Drehen Sie im Musikzimmer den Lautsprecher auf. Er soll den Wochenaufruf hören!«
»Jawohl, Herr Major!« rief der Sergeant.
Der Major holte seine Mütze vom Kleiderhaken an der Tür. Grüßend hob er die Hand und ging hinaus.
Der Sergeant stand noch einen Moment lang salutierend da. Dann drehte er sich zu Abel herum und sagte:
»Ohne Tritt, marsch!«
14
Am Nachmittag hatte ihn Schwester Berthe für eine Stunde von der Herz-Lungen-Maschine abgeschaltet. Die Zeit war ohne Komplikationen verlaufen – nur eine bleierne Müdigkeit war zurückgeblieben. Die abendliche Unterredung mit dem Oberarzt hatte Phil erneut angestrengt, und er fühlte sich allem, was ihm widerfuhr, hilflos ausgesetzt. Ohne Kraft lag er auf seiner luftgefüllten Matratze, starrte auf den dunklen Bildschirm. Nichts hatte sich darauf geregt, es tutete noch immer. Wenn er die Augen schloß, schien das Tuten lauter und bedrohlicher zu werden. Obwohl von der Videoapparatur keine Gefahr kommen konnte, ging von ihr etwas Furchterregendes aus. Die Qual wurde dadurch erhöht, daß Phil nicht zu erraten vermochte, was für eine Absicht der Arzt mit dieser sonderbaren Vorbereitung verband. Er hätte sich gern für einige Minuten ausgeruht, aber er brachte es nicht über sich, die Augen geschlossen zu halten. Magisch zog ihn der Bildschirm an. Sooft er sich zur Seite wandte, um sich abzulenken, zwang ihn etwas, wieder auf die graue, mattglänzende Glasscheibe zu blicken.