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Dann brach das Tuten plötzlich ab, und der Schirm leuchtete auf – ein kleiner, weißlichgelber Fleck dehnte sich rasch bis zum Rand aus, verwaschene Farben klärten sich, Konturen traten auseinander, der Ausschnitt eines Zimmers erschien. Jemand hatte jenen Apparat eingeschaltet, mit dem der Oberarzt vorhin die Verbindung hergestellt hatte. Phil kannte dieses Zimmer genausowenig wie jedes andere an Bord des Raumschiffes, außer seinem eigenen. Es schien ein einfacher Wohn- und Schlafraum zu sein, vielleicht ein wenig größer, als man es von einer Raumschiffkabine erwarten konnte, aber genau war das dem kleinen Bild nicht zu entnehmen.

Phil hing an dieser harmlosen Szene, als erwarte er jeden Moment ein dramatisches Ereignis. Da stand ein niedriger Tisch, eine schwarze Platte, auf einen Stahlrohruntersatz montiert, daneben ein einfacher Stuhl. Zwischen diesen beiden Möbelstücken sah eine Couch hervor. Eine graue Decke lag darüber gebreitet, auch einige Kissen waren zu erkennen. Über der Couch an der Wand ragte etwas ins Bild hinein, das wie eine Landkarte anmutete.

Dann strich jemand durchs Bild, er mußte dicht an der Aufnahmeröhre vorbeigegangen sein, da Phil nur einen Schatten hindurchhuschen gesehen, die Schritte aber laut gehört hatte. Die Szene war wieder leer ... fünf oder zehn Minuten lang.

Phils Augen schmerzten. Als sich wieder etwas regte, war er nicht sicher, ob ihn nicht die überanstrengten Augen narrten. Im Hintergrund, neben dem Stuhl stand der Oberarzt. Er war in Pantoffeln und hatte einen Bademantel an. Phil beobachtete, wie er außerhalb des Blickfeldes irgendwo hantierte, dann brachte er die Hand vors Gesicht. Nun steckte eine Zigarette in seinem Mund. Ein Feuerzeug flammte auf. Auf dem Bildschirm hatte der Feuerschein einen schwarzen Rand. Er verlöschte. Der Oberarzt zog an der Zigarette und stieß dann eine Rauchwolke aus. Er drehte sich nach links und trat ein Stück vor. Leises Schleifen war zu hören. Einen Moment schien er Phil voll ins Gesicht zu sehen. Wieder führte er die Zigarette an die Lippen.

Es pochte.

»Ja«, rief er. Sein Gesicht war nahe am Bildschirm. Die Augen richteten sich leicht zusammengekniffen auf ein außerhalb des Blickfeldes liegendes Ziel.

Es schnarrte.

»Du bist pünktlich«, sagte er. Er verschwand aus dem Sichtkreis. »Mach die Tür zu!« Die Stimme war leiser geworden, als sich der Mund vom Mikrofon entfernte.

Unbestimmte Geräusche erklangen; Schleifen, gedämpftes Gepolter.

»Bist du gern gekommen?« fragte der Oberarzt.

»Ja«, antwortete eine Frauenstimme. Phil horchte auf.

»Du warst jetzt eine Woche lang nicht hier«, sagte der Oberarzt. »Berthe ist langweilig. Ich habe sie satt.«

Jetzt traten zwei Personen in den Gesichtskreis, Phil sah sie von hinten. Die Frau war blond, ihr Haar war aufgelöst und hing tief auf die Schultern hinab; sie hatte einen Schlafrock an. Nun trat der Oberarzt so hinter sie, daß Phil nur seinen breiten Rücken sah. Sein Kopf senkte sich, seine Arme waren nach vorn, zur Frau gerichtet. Er schien sie zu küssen.

»Komm etwas näher.« Es war die Stimme des Arztes.

Die Frauenstimme antwortete.

»Warum?«

Leises Lachen ertönte.

»Ich will es.«

Jäh tobte etwas wie ein Orkan in Phil. Er hatte es geahnt und die Bestätigung dieser Ahnungen mit zusammengebissenen Zähnen nahen gespürt. Nun war es eingetreten: Das Gesicht von Chris erschien vor ihm. In Lebensgröße, in den natürlichen Farben, plastisch, zum Greifen nahe. Er sah jedes einzelne ihrer blonden, auf die Schultern fallenden Haare, die schwarzen Sprenkel in den braunen Pupillen, das Gekräusel der Fältchen an den Lippen. Ihr Gesichtsausdruck war erstaunt. Sie mußte direkt vor der Aufnahmeröhre stehen, aber Phil war für sie unsichtbar, weil er außerhalb des Blickwinkels der Röhre seines Zimmers lag. Er zerrte an den Riemen, um sich aufzusetzen, sich zu erkennen zu geben. Aber es geschah nichts.

»Was soll das?« fragte sie verständnislos. »Warum bist du mit einem Krankenzimmer verbunden?«

»Denk nicht darüber nach, Liebling«, sagte die Stimme des Oberarztes. »Komm, setz dich!«

Die beiden verschwanden, dann tauchte Chris wieder auf – sie ließ sich auf dem Stuhl nieder und lehnte sich entspannt zurück. Der Oberarzt nahm auf der Couch Platz.

»Was war das eigentlich für eine Geschichte mit deinem Patienten – wie hieß er doch gleich ... Abelsen, nicht wahr?«

»Abelsen, ja. Phil Abelsen.«

Die Stimmen klangen leise, aber jedes Wort war zu verstehen.

»Nun, wie kam denn das? Er ist völlig verrückt nach dir – hast du ihn irgendwie herausgefordert?« – »Nein.«

»Es sah so aus, als wenn auch er dir etwas bedeutet hätte. Wie konntest du dich mit einem Patienten abgeben?«

»Ich weiß es nicht ... es ist mir selbst nicht erklärlich.«

»Hat er dich überredet, dir irgendwelche Märchen erzählt?«

»Nein, nichts.« Ihre Stimme klang so leise, daß sie kaum zu hören war.

»Es war ein böser Augenblick für mich, als ich euch überraschte, in seinem Zimmer ... du weißt, gestern. Das hätte ich dir nicht zugetraut. Es ist dir doch klar, daß du Strafe verdienst, nicht wahr?«

»Ja.«

»Es ist gut, daß du es einsiehst. Es ist immer gut, wenn man vernünftig ist.« Der Oberarzt blickte kurz auf, es schien Phil, als blinzelte er ihm spöttisch zu.

»Na, Schwamm darüber. Es hat nicht viel zu bedeuten. Es ist vorbei, wie? Außerdem kann ich es dir erklären, wieso dieser nichtssagende Mensch dich beeindruckt hat – es war einfach seine Hilflosigkeit. Du hast Mitleid gehabt. In jeder Frau steckt ein Schuß Mütterlichkeit; sie hat sich in dir geregt. Aber viel stärker ist in den Frauen der Wunsch nach einem Mann, der stark ist, der gescheit ist, der handelt. Spürst du das, Christine?«

»Ja, ich spüre es. Es war das Mitleid.«

»Hier bin ich der Mann, der stark und gescheit und aktiv ist. Du würdest alles tun, was ich von dir verlange. Du liebst mich.«

»Ich würde alles für dich tun. Ich liebe dich.«

»Dann ist alles in Ordnung, Christine. Das wollen wir feiern.«

Er stand auf und trat aus dem Bild. Phil, der mit einem irren Zug im Gesicht dalag, hörte ein leises Klirren. Dann stellte der Oberarzt zwei Gläser auf den Tisch und schenkte aus einer Flasche ein rotes Getränk ein.

»Burgunder«, sagte er. »Roter Burgunder. Gerettet aus der Hölle. In den Weltraum entführt. Einer Sternstunde geweiht. Prost, Schätzchen, trink!«

Sie stießen mit den Gläsern an und prosteten sich zu. Sie tranken.

»Setz dich hierher zu mir«, forderte der Mann. Sie tat es. Ihr Mantel hatte sich an der Brust geöffnet. Ihre Augen waren halb geschlossen. Der Mann zog die Frau an sich. Seine Hand tastete über ihren Rücken, glitt über den Stoff unter den weit ausgeschlagenen Mantelkragen. Die Hand schob sich zur Schulter empor, zerrte am Mantelkragen, raffte ihn zusammen, streifte ihn über die Schulter hinunter.

Phil ertrug es nicht länger. Das, was in ihm wütete, war die Lust, zu töten, der Wille zum Mord. Längst hatte er die Arme befreit, er zitterte danach, die Faust an das kalte Glas zu schmettern. Jetzt aber machte ihn die Wut plötzlich kalt, und er tat es nicht. Statt dessen richtete er sich auf und zerrte an den Drähten, die ihn mit dem Anzeigepult verbanden. Ein kurzes Anspannen, und sie sprangen aus den Kontakten. Das Oszillogramm erlosch.