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Ein Bild zuckte in Phils Gehirn, eines von den Tausenden, die ihn umflimmerten, ihn verwirrten, ihn bedrängten, ihn zu stören suchten: Der Oberarzt, heute abend, als er auf die Seitentasche seines Kittels klopfte: Ich habe das Mittel dazu! Phils Hand strich am weißen Nylon hinunter, landete in der Tasche. Die Finger fühlten eine Phiole, zogen sie halb heraus.

Er mußte warten, bis sich der schwarze Nebel lichtete ... jetzt sah er wieder: Im Glaszylinder steckte eine Reihe schwarzer Kugeln – aufgefädelt wie Ebenholzperlen auf einer Kette. In den Augenblicken, in denen die Schwaden abtrieben, konnte er sie klar und deutlich sehen.

Sein Gesicht verzog sich voll Ekel. Er ließ das Röhrchen los, als wäre es eine Schlange. Es glitt in die Tasche zurück.

Er schätzte die Entfernung zur Tür – es waren vielleicht noch zwei Schritte...

Da war wieder das plötzliche Auslaufen der Energie. Diesmal rann sie bis zum Boden aus. Er fühlte sich stürzen. Mit der letzten Kraft streckte er den Arm weit aus und rammte die Schere in die Türfüllung, wo sie windschief steckenblieb. Dann hüllte ihn die schwarze Wolke ein.

15

Abel 56/7 hatte schon vielerlei Strafen erlitten wie jeder der Soldaten, auch das Musikzimmer. Aber es schien verschiedene Grade der Strafen zu geben, und das, was man ihm diesmal auferlegte, war sicher der höchste Grad der Tortur.

Geräusche – das ist das Sausen der Räder, das Rascheln des Laubes, das Trappen laufender Füße. Das sind Stimmen und Musik. Sie können laut sein, unangenehm laut, schmerzhaft laut. So war es eine halbe Stunde lang. Die Stimme des Majors – unerträglich laut. Es wand sich mit glühenden Bohrern in die Ohren hinein, bis nur mehr ein gleichmäßiges Vibrieren da war – und der Schmerz. Dann erklang Gesang, in normaler Lautstärke, und allmählich gewöhnten sich Abels Ohren wieder an das Hören. Sie hörten normal, doch das, was sie mitgemacht hatten, steckte noch als Überempfindlichkeit in ihnen, und jeder plötzliche Einsatz, jedes Heben der Stimmen, wirkte wie eine Detonation. Und dann kam die Stille. Es kann still sein, sehr still und auch vollkommen still. Abel hatte die Stille noch nicht erlebt. Er hatte nie gewußt, daß Stille unerträglich sein kann. Jetzt begann er es einzusehen, und er begriff auch, warum sie ihn in das Musikzimmer gesteckt hatten, das vielen anderen Strafen gegenüber harmlos wirkte.

Die Wände des Raumes waren vollkommen schallisoliert. Nicht der leiseste Laut kam von außen. Die Wände waren mit dicken Gummipolstern überzogen, der Raum war leer bis auf die Lautsprecher, die wie offene Mäuler von der drei Meter hohen Decke herunterklafften, und die Neonlampe in ihrer Mitte. Die Tür war von den Gummipolstern nicht zu unterscheiden; sie besaß innen kein Schloß.

Zuerst klangen in Abel noch die Stimmen der Kameraden nach, die Lieder, die sie gesungen hatten, die bekannten Lieder vom Soldatentum. Dann verstummten sie, es wurde still. Doch als es schon still war, wurde es noch stiller und immer stiller, und dann hörte er wieder Stimmen: rufende Stimmen, lachende Stimmen, kreischende Stimmen, Stimmen, die spotteten und befahlen... Sie kamen von nirgends und überall, von oben und unten, und von innen her, aus ihm heraus... Er hatte geglaubt, sich mit Gleichgültigkeit wappnen zu können, aber es gelang ihm nicht. Er preßte die Hände gegen die Ohren, aber die Schreie verstummten nicht ... da begann er selbst zu schreien, und er schrie und schrie und schrie. Dann knackte es im Lautsprecher. Eine Stimme sagte: »Gehorsam ist die höchste Pflicht des Soldaten.« Sie sagte es noch einmal, schriller: »Gehorsam ist die höchste Pflicht des Soldaten.« Sie sagte es noch einmal, noch schriller: »Gehorsam ist die höchste Pflicht des Soldaten.« Sie sagte es wieder und immer wieder, und jedesmal wurde sie um eine Nuance furchtbarer, sie quietschte, wie wenn ein Messer auf einen Teller kratzt, sie kratzte, wie wenn man Fingernägel mit einer Feile bearbeitet, sie ging durch Mark und Bein...

Längst war sie unverständlich geworden, aber es war noch immer derselbe Rhythmus, dieselbe Lautfolge, wenn auch ins Unkenntliche verzerrt, und jedesmal, wenn sein ganzer Körper mitbebte, dröhnten in Abels Kopf die Worte: »Gehorsam ist die höchste Pflicht des Soldaten.« Als die Tür aufging und das Tageslicht hereinflutete, wußte Abel nicht, wie er die letzten Stunden – oder waren es Minuten? – verbracht hatte. Alles drehte sich um ihn, und jedes Geräusch kam wie durch Watte an seine gepeinigten Trommelfelle.

Zwei Sergeanten führten ihn zum Exerzierplatz. Er sah keine Kameraden. Sicher hatten sie Innendienst. Sie sollten ihn wohl nicht sehen.

Zwei Sergeanten, um mit einem Mann zu üben.

»Auf, marsch, marsch! Hinlegen! Auf, marsch, marsch! Hinlegen! Auf, marsch, marsch!...«

Wenn sie vor Heiserkeit nicht mehr schreien konnten, wechselten sie einander ab.

»Auf, marsch, marsch! Hinlegen! Achtung! Kehrt, marsch, marsch! Achtung! Fliegerdeckung. Auf, marsch, marsch...«

Einer war stets neben ihm und riß ihn am Kragen hoch, trat ihm mit dem Knie ins Gesäß oder stieß ihn mit den Fäusten vorwärts, wenn er nicht schnell genug parierte.

»Achtung! Hundert Liegestütz! Schneller!«

Der Sergeant hatte den Stiefel auf Abels Nacken gesetzt und drückte seinen Kopf hinunter.

»Schneller!«

»Auf, marsch, marsch!«

»Achtung!«

»Kehrt, marsch, marsch!«

»Achtung!«

Nach einer Stunde, als Abel nur noch taumelte, kam der Major und sah eine kurze Zeit hindurch zu.

»Der Mann kann ja noch stehen!« rief er. »Abel 56/7, herkommen! Rühren! Die beiden Sergeanten, kehrt, marsch, marsch! Fliegerdeckung! Zu langsam! Auf, marsch, marsch! Achtung! Fliegerdeckung! Kerle, steckt die Nasen in den Dreck. Achtung! Zu langsam! Und ihr wollt andern was beibringen! Zwei Wochen Sonderdienst. Wegtreten.«

Die beiden Sergeanten entfernten sich im Laufschritt.

»Meine Leute hassen mich«, sagte der Major. »Sie lieben mich, und sie hassen mich. So ist es richtig.« Er sah über den Kasernenhof, der jetzt leer dalag, hinweg, zum gelbgrauen dunstigen Himmel empor. »Liebe ist zu schwach. Erst der Haß erzeugt die richtige Kraft. Über allem aber steht der Gehorsam.« Jetzt erst sah er Abel an. »Kommen Sie«, sagte er.

Sie gingen nebeneinander her, der Major groß und breit und gerade, in seiner schlichten sauberen Uniform, und Abel, der gegen ihn wie ein Untermensch wirkte, zusammengesunken, unsicher, zerschlissen, dreckverschmiert. Mit sparsamen Gesten deutete der Major den Weg an. Durch eine Tür neben der Wachstube traten sie in den Vorraum, die kleine Halle mit den Stahlrohrsesseln, die Abel schon kannte. Ein Sergeant sprach gerade ins Mikrofon der Schreibmaschine und sprang auf, als er den Major hereinkommen sah.

»Machen Sie weiter«, winkte der Major ab, als der Sergeant seine Meldung erstatten wollte.

»Jawohl, Herr Major, weitermachen!« Er blieb ehrerbietig stehen, bis sein höchster Vorgesetzter und Abel vorüber waren. Abel streifte er mit einem Blick voll Ekel.

Der Major schob Abel in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Er deutete auf eine schmale Pforte an der rechten Seitenwand, die kaum sichtbar war; denn sie war mit derselben grauen Tapete verkleidet wie die übrige Wand.

»Reinigen Sie sich«, sagte er. »Duschen Sie!«

Er kramte in einer Schublade und brachte dann ein Frottierhandtuch, ein Stück Seife und eine Bürste.

Die kleine Kammer war als Duschraum eingerichtet. An der linken Wand waren zwei metallische Wasserhähne eingelassen, einer mit einem blauen, der andere mit einem roten Ring aus Emaille verziert, darunter war ein Waschbecken, darüber eine Glasplatte, auf der ein Becher mit einer Zahnbürste, drei verschiedenfarbige Tuben und ein zusammengelegter blauer Waschlappen nebeneinander angeordnet waren. In Kopfhöhe hing ein Spiegel, über diesem war eine runde gläserne Wandlampe befestigt. Im Hintergrund des Raumes stand eine galgenförmige Dusche. Der Boden war dort eingetieft und ausgekachelt. Ein Abflußloch in der Mitte war von einem Sieb bedeckt.