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Sie beruht darauf, daß nicht alle Lebewesen einer Art, ja nicht einmal die engsten Verwandten, völlig gleiche Eigenschaften haben. Wie diese Eigenschaften verteilt sind, darüber entscheidet der Zufall. Nehmen Sie ruhig an, sie würden irgendwie verlost.

Nun kommt dazu, daß die Natur stets mehr Lebewesen zur Verfügung stellt, als zur Erhaltung der Art notwendig sind, ja selbst mehr, als am Leben bleiben können, vielleicht deshalb, weil zuwenig Nahrung da ist oder zuwenig Raum oder zuwenig an irgend etwas anderem Lebenswichtigem. Da nun, um es einfach auszudrücken, jedes Wesen leben will, versucht es, das, was es benötigt, zu bekommen; versucht es, sich gegen das, was es daran hindert, zu wehren. Es verteidigt sich, oder es greift an. Kurz: Es kämpft. Es kämpft gegen mißliche äußere Umstände – wie gegen Überschwemmung und Frost –, es kämpft gegen den Feind, gegen das andere Lebewesen. Es kämpft gemeinsam mit den anderen seiner Art oder auch allein – gegen Vertreter anderer Arten, die ihm etwas Lebenswichtiges streitbar machen wollen, es kämpft auch gegen den Artgenossen, und wenn nicht direkt, dann indirekt – indem es ihn verdrängt, ihm Nahrung wegnimmt und dergleichen mehr. Das ist das Gesetz der Natur.

Ich möchte wiederholen: Dadurch, daß die Natur zu viele Exemplare einer Art produziert, ist ein Teil von ihnen schon von vornherein zum Tode verurteilt. Wenn sich ein Lebewesen nicht widerstandslos dem Untergang ergeben will, dann muß es kämpfen. Ich hoffe, Sie verstehen jetzt, warum ich den Kampf als etwas Gegebenes bezeichne. Bis jetzt können Sie meiner Erklärung aber nicht entnehmen, warum er lebenswichtig ist und welche grundsätzliche regulierende Rolle er spielt.

So paradox es klingt: Er ist wirklich lebenswichtig. Zwar nicht im Hinblick auf den einzelnen, den er ja tödlich bedroht, sondern im Hinblick auf die Entwicklung.

Ich sprach von den verschiedenen, durch den Zufall gestreuten Eigenschaften der Lebewesen und deren erzwungenem Kampf aller gegen alle. Überlegen wir uns, wie beides zusammenhängt! Es gibt Eigenschaften, die spielen beim Sichdurchsetzen, beim Wettbewerb, beim Überleben keine Rolle; mit ihnen brauchen wir uns nicht zu beschäftigen. Es gibt aber andere, die dabei maßgebende Bedeutung haben: die Stärke, die Schnelligkeit, die Klugheit zum Beispiel, die Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane, der Gliedmaßen und des Gehirns – das sind die wichtigsten. Bei der großen Konkurrenz setzt sich natürlich der am ehesten durch, der die günstigsten Eigenschaften mitbekommen hat. Er ist es auch, der überlebt, er ist es, der sich fortpflanzt und daher seine Eigenschaften vererbt. Etwas vereinfacht kann man sagen: Die guten Eigenschaften bleiben erhalten, die schlechten verschwinden. Ich bitte allerdings um das richtige Zeitgefühl für diese Feststellung. Bis sich das Ausleseprinzip auswirken kann, sind natürlich wegen der unzähligen denkbaren Zufälle viele, viele Generationen nötig. Steht aber genügend Zeit zur Verfügung, dann gilt es völlig exakt. Es ist eine statistische Gesetzmäßigkeit – die statistische Mathematik ist die Mathematik der Lebenserscheinungen.

Ich glaube, Sie sehen nun ein, wie sich das Leben auf die Umgebung einstellen kann. Beim Auslegeprozeß verschwinden ebenjene Eigenschaften, die den Verhältnissen der Umgebung nicht entsprechen, die den Konkurrenten gegenüber schlechtere Voraussetzungen bieten. Eine Eskimogruppe, die die Kälte der Polarregion nicht gut verträgt, wird nicht nur leicht das Opfer des Eises, sondern auch jenes der tierischen und menschlichen Widersacher.

Dieses Einstellen auf die Situation des Lebensraums wäre aber nur in äußerst geringem Umfang möglich, und es würde auch bald zum Erliegen kommen, wenn von der Natur nicht immer wieder neue Eigenschaften angeboten würden. Der große Biologe Darwin, dem wir das Wissen um das Ausleseprinzip verdanken, erkannte und formulierte es, ohne zu wissen, woher die neuen Eigenschaften kommen – eine ganz außerordentliche Leistung. Das weiß man erst seit dem Beginn des Zeitalters der Biophysik: Es sind Mutationen, Änderungen in der molekularen Struktur der Gene, der Erbmasse, in der alle kennzeichnenden Merkmale eines Lebewesens, die körperlichen und die geistigen, festgehalten sind. Wahrscheinlich können Sie sich schwer vorstellen, wie das geschehen kann – alle Merkmale eines Lebewesens in mikroskopisch kleinem Raum festgehalten. Am nächsten kommen Sie der Wirklichkeit, wenn Sie annehmen, in den Genen wäre von allen Substanzen, aus denen sich das Lebewesen aufbaut, eine winzige Probemenge, und zwar nur ein einziges Molekül, vorhanden. Wenn aus der Keimzelle ein fertiges Lebewesen heranwächst, dann braucht der Körper nach den vorliegenden Mustern nur genügend Stoff herzustellen und richtig anzuordnen – nach einem ebenfalls in den Genen festgelegten Plan.

Da die Probemengen winzig klein sind, so genügen auch geringfügige Einwirkungen von außen, um sie zu verändern. Ein bekannter Einfluß, der zu solchen Änderungen der Erbmasse, den Mutationen, führt, ist radioaktive Strahlung, die ja allgegenwärtig ist. Ein Strahlenquant, und schon liegt eine Atomkette ein wenig anders im Molekül, und schon hat sich eine neue Eigenschaft gebildet. Nebenbei möchte ich noch bemerken, daß diese allein durch den Zufall neu hervorgebrachten Eigenschaften zum allergrößten Teil schädlich sind und daher durch die Evolution verschwinden. Die wenigen günstigen Eigenschaften aber sind die wichtigen – sie vererben sich, sie setzen sich unter Umständen gegenüber anderen, weniger günstigen, durch. Die Natur probiert also sozusagen, von der gegebenen Lebensform ausgehend, alle davon nur wenig unterschiedlichen möglichen Formen aus und gibt jener dann den Vorzug, die sich am besten bewährt. Der Vorgang wiederholt sich, und so wird aus dem Einzeller schließlich der Elefant, oder die Ameise, oder der Mensch. Oder auch irgendeine der unzähligen Lebensformen, die die Planeten des Alls bevölkern – von denen wir wissen und die wir doch wohl nie erreichen werden.

Verstehen Sie jetzt den Sinn des Lebenskampfes? Ohne ihn, ohne das ewige Ausrotten des weniger Tüchtigen gäbe es keinen Fortschritt. Unterbinden wir den Krieg, so vermehren wir uns nicht nur ins Sinnlose, wir unterbinden auch die Weiterentwicklung. Es erhebt sich jetzt die Frage, ob das auch in der modernen Zeit noch gilt.

Zweifellos gäbe es heute Mittel, um eine sinnlose Vermehrung zu verhindern. Aber das stürzt uns in schwere Konflikte. Es würde Eingriffe in die Grundrechte des Menschen bedeuten. Und doch wäre es immerhin denkbar: etwa durch das Zweikindersystem.

Viel schwieriger aber ist das Problem, ob und wie man die Erbeigenschaften beeinflussen soll. Tut man es nicht, dann verbreiten sich alle schlechten Eigenschaften, die früher im Kampf ums Dasein verschwunden wären. Der Mensch würde sich immer mehr von seinem Prototyp entfernen, er würde nur mit Hilfe künstlicher Mittel am Leben bleiben können, künstlicher Sinnesorgane, künstlicher Gliedmaßen, künstlicher Gehirne. Das Normale wäre die Ausnahme, das Krankhafte die Regel. Die Menschheit wäre dem Untergang geweiht.

Als Ausweg bliebe nur übrig, die Vererbung der Eigenschaften zu kontrollieren. Da gäbe es zwei Möglichkeiten: Erstens, man erhebt die Beibehaltung jenes Menschentyps, der heute als normal gilt, zum Gesetz. Das würde zweifellos alle schlimmen Folgen einer genetisch ungesteuerten Vermehrung ersparen. Aber wir müssen uns darüber klar sein, daß wir dann freiwillig auf die Weiterentwicklung, und das heißt, die Höherentwicklung des Menschen verzichten – eine Lösung, die ich als unbefriedigend empfinde.

Die zweite Möglichkeit wäre es, diese Weiterentwicklung bewußt zu lenken. Aber stellen Sie sich selbst vor, was sich daraus für Fragen ergäben: Wer bestimmt, in welche Richtung sich der Mensch entwickeln soll? Die Politiker? Die Ärzte? Die Naturwissenschaftler? Die Philosophen? Die Geistlichen? Welcher Staat? Welche Rasse? Die Folge wäre das Chaos. Man würde mit der menschlichen Lebensform experimentieren. Man würde den letzten Sinn des Lebens überhaupt mit den Füßen treten. Die Unnatur wäre Trumpf.