„Der Chef macht dicht heute Abend. Und wir haben noch soviel von dem Zeug da, daß wir es bis dahin doch nicht verkaufen. Warum also nicht?"
Er setzte Luke eine ordentliche Portion vor und legte eine Gabel dazu.
„Vielen Dank", sagte Luke. „Geht das Geschäft wirklich so schlecht?"
„Miserabel", erwiderte der junge Mann hinter der Theke.
Es stand schlimm. Mit am schlimmsten für Verbrecher und für die staatlichen Organe zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Oberflächlich betrachtet hätte man meinen können, daß es, wenn es schlimme Zeiten für die Polizei waren, gute Zeiten für Verbrecher und umgekehrt hätten sein müssen, aber so war es keineswegs.
Für die staatlichen Organe zur Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung war es schwer, weil Affekthandlungen und Gewalttätigkeiten plötzlich überhandnahmen. Viele Menschen waren nur noch Nervenbündel.
Da es zwecklos war, Martier anzugreifen oder sich mit ihnen zu streiten, stritten und zankten sich die Leute untereinander. Straßenkämpfe und häusliche Zwistigkeiten waren an der Tagesordnung. Fast stündlich wurde jemand ermordet, nicht vorsätzlich, sondern in der Aufwallung von plötzlichem Zorn oder zeitweiligem Wahnsinn. Ja, die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, und die Gefängnisse waren überfüllt.
War die Polizei überbelastet, so waren Berufsverbrecher so gut wie arbeitslos und mußten hungern. Verbrechen zur Bereicherung, ob Einbruch oder Überfall, g e p l a n t e Verbrechen, waren so gut wie ausgeschlossen. Dazu waren die Martier viel zu schwatzhaft.
Einen einzigen Fall als typisches Beispiel dafür. Betrachten wir kurz, was Alf Billings, einem CockneyTaschendieb, zustieß, während Luke Devereaux seinen Lunch in dem Imbißstand in Long Beach verzehrte.
Alf, gerade aus dem Gefängnis entlassen, kam aus einer Kneipe, wo er seine letzten Groschen für ein Glas Bier ausgegeben hatte. Auf der Straße entdeckte er plötzlich einen Fremden, der einen wohlhabenden Eindruck machte, und beschloß, ihn auszurauben. Niemand in der Nähe sah wie ein Polizist oder ein Detektiv aus. Auf einem parkenden Wagen in der Nähe hockte zwar ein Martier, aber Alf hatte noch weiter keine nennenswerten Erfahrungen mit Martiern gesammelt. Und außerdem war er völlig abgebrannt; er mußte einfach etwas unternehmen, schon um sich das nötige Kleingeld zum Übernachten zu beschaffen. Er machte sich also an den Mann heran und beging einen Taschendiebstahl.
Plötzlich stand ein Martier auf dem Bürgersteig neben Alf, deute auf die Brieftasche in Alfs Hand und krähte laut und vergnügt: „Yah, yah, fein gemacht, Junge!"
„Hau ab, verdammter Idiot", knurrte Alf, steckte die Brieftasche rasch ein und wollte verduften.
Aber der Martier dachte nicht daran, Alfs Aufforderung nachzukommen, er blieb an seiner Seite und krähte munter weiter. Alf warf einen kurzen Blick zurück und sah, daß sein Opfer sich umgedreht hatte, in seine Hüft-tasche griff und sich anschickte, die Verfolgung aufzunehmen.
Alf lief, so schnell ihn seine Füße trugen. Um die nächste Ecke herum und direkt in die Arme eines Polizisten.
Versteht man jetzt, was ich meine?
Nicht, daß die Martier etwas gegen Verbrechen und Verbrecher gehabt hätten, außer in dem Sinne, daß sie gegen alles und jedermann etwas hatten. Sie liebten es, den Menschen Ungelegenheiten zu bereiten, und einen Verbrecher beim Aushecken eines Verbrechens oder auf frischer Tat zu ertappen, war eine wunderbare Gelegenheit dazu.
Aber sobald ein Verbrecher einmal gefaßt war, machten sie sich ebenso unverdrossen daran, die Polizei zu hänseln. In Gerichtssälen trieben sie Richter, Anwälte, Zeugen und Geschworene derart zur Verzweiflung, daß es mehr fehlerhaft durchgeführte Verfahren gab denn je. Mit Martiern im Gerichtssaal hätte Justitia auch noch taub und nicht nur blind sein müssen, um sie zu ignorieren.
„Verdammt gut, die Torte", sagte Luke und legte die Gabel aus der Hand. „Nochmals vielen Dank."
„Noch etwas Kaffee?"
„Nein, danke, das genügt."
„Gar nichts weiter?"
Luke grinste. „Höchstens eine Stellung, wenn es so etwas gäbe."
Der langaufgeschossene junge Mann stand mit aufgestützten Armen hinter der Theke. Plötzlich richtete er sich auf. „Da kommt mir eben eine Idee. Wie wär's, wenn Sie für einen halben Tag hier einspringen würden? Von jetzt bis um fünf."
„Okay", sagte Luke, griff aber noch nicht sogleich zur Schürze. „Moment mal, da steckt doch was dahinter."
„Weiter nichts, als daß ich in meine Heimat zurück möchte." Als er Lukes Gesichtsausdruck wahrnahm, grinste er. „Schön, ich will mich näher erklären. Aber erst wollen wir uns miteinander bekannt machen. Ich heiße Rance Carter." Er streckte seine Hand aus.
Luke sagte: „Luke Devereaux", und schüttelte die dargebotene Hand.
Rance nahm auf einem Hocker Platz, mit einem leeren Hocker zwischen Luke und sich, so daß sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzen konnten.
„Es war kein Scherz", sagte er. „Ich bin jetzt zwei Jahre in Kalifornien und möchte auf schnellstem Wege in meine Heimat zurück, nach Missouri. Meine Eltern haben eine kleine Farm dort, in der Nähe von Hartville, fruchtbaren Schwemmboden. Damals hatte ich keine Lust mehr, dort zu bleiben, aber wie die Dinge jetzt liegen und bei der Aussicht Gott wie weiß wie lange arbeitslos zu sein, möchte ich gern wieder heim." Seine Augen leuchteten vor Begeisterung — oder vor Heimweh.
Luke nickte. „Kein schlechter Gedanke. Zum mindesten wird's dort was zu Futtern geben. Und weniger Martier als in der Stadt."
„Das hab ich mir auch gesagt, und in dem Augenblick, als ich hörte, daß der Chef den Laden hier dicht machen will, stand mein Entschluß fest. Jetzt kann ich's kaum noch erwarten, und als Sie von einer Stellung sprachen, kam mir eine Idee. Ich hab dem Chef nämlich versprochen, den Laden bis um fünf offen zu halten — um die Zeit kommt er her — und ich bring's einfach nicht fertig, schon vorher zu schließen und mich davon zu machen. Aber wenn Sie mich solange vertreten würden —"
„Warum nicht?", sagte Luke. „Bloß, wie wird es mit der Bezahlung?"
„Das regeln wir untereinander. Ich kriege zehn Dollars am Tage mit freier Kost und hab meinen Lohn bis gestern weg. Die zehn für heute hab ich noch zu bekommen. Ich nehm sie einfach aus der Kasse, leg einen Zettel hinein, geb Ihnen fünf davon und behalte die anderen fünf für mich."
„Das läßt sich hören", sagte Luke. „Einverstanden." Er erhob sich, legte sein Jackett ab, hängte es an einen Haken an der Wand und band sich die Schürze um.
Rance hatte sein Jackett inzwischen übergezogen und war hinter die Theke getreten, wo er zwei Fünf-DollarScheine aus der Kasse nahm.
„Kah — li — for — nien, schön und fein —" sang er und hielt plötzlich inne, da ihm die zweite Zeile zu fehlen schien.
„Aber jetzt geht's endlich heim", ergänzte Luke.
Rance riß den Mund vor Bewunderung auf und starrte ihn an.
„Sagen Sie mal, haben Sie das jetzt eben so erfunden?" Er schnippte mit den Fingern. „Mann, Sie sollten Schriftsteller oder so etwas werden."
„Es wird sich schon was Passendes finden", sagte Luke. „Noch etwas Besonderes, was ich für die Arbeit hier wissen muß?"
„Kaum. Die Preise hängen drüben an der Wand aus. Was nicht ausliegt, steht im Kühlschrank dort. Hier ist der Fünfer. Vielen Dank und alles Gute."
„Gleichfalls", sagte Luke. Sie schüttelten sich die Hände, und Rance machte sich fröhlich trällernd davon.
Luke verbrachte zehn Minuten damit, sich mit dem Inhalt des Kühlschrankes und den Preisen vertraut zu machen. Eier mit Schinken schienen das komplizierteste Gericht zu sein, das er unter Umständen zuzubereiten haben würde. Und das hatte er bei sich zu Hause oft genug getan. Jeder Schriftsteller, der Junggeselle ist und Unterbrechungen wie Essengehen haßt, wird ein ziemlich guter Schnellkoch.