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Ich schüttelte den Kopf.

»Den kenne ich nicht«, stellte ich fest.

»Laß mal sehen.«

Random nahm mir die Karte ab und blickte stirnrunzelnd darauf.

»Nein«, sagte er nach einer Weile. »Ist mir auch unbekannt. Ich habe fast das Gefühl, als müßte ich ihn kennen, aber . . . Nein.«

In diesem Augenblick setzten die Pferde ihre Proteste mit verstärkter Lautstärke fort. Wir brauchten uns nur ein kleines Stück umzudrehen, um die Ursache ihres Unbehagens zu erkennen, hatte sich das Wesen doch diesen Augenblick ausgesucht, um aus der Höhle zu kommen.

»Verdammt!« sagte Random.

Ich stimmte ihm zu.

Ganelon räusperte sich und zog sein Schwert.

»Weiß einer von euch, was das ist?« fragte er gelassen.

Als ich das Ungeheuer erblickte, kam mir sofort eine Schlange in den Sinn. Auf diesen Gedanken brachten mich sowohl seine Bewegungen als auch die Tatsache, daß der lange dicke Schwanz eher eine Fortsetzung des langgestreckten dünnen Körpers war als ein Anhängsel. Allerdings besaß das Wesen vier doppelt untergliederte Beine mit riesigen Tatzen und bösartig schimmernden Klauen. Der schmale Kopf endete in einem Schnabel und bewegte sich beim Näherkommen von einer Seite auf die andere, so daß von den hellblauen Augen zuerst das eine und dann das andere zu sehen war. Große purpurfarbene Flügel aus einem lederartigen Material waren an den Flanken untergefaltet. Das Wesen besaß weder Haare noch Federn; allerdings hatte es Schuppenflächen auf Brust, Schultern, Rücken und Schwanz. Vom Schnabelbajonett zur hin und her zuckenden Schwanzspitze maß es gut drei Meter. Das Wesen näherte sich mit leisem Klirren, und ich sah an seinem Hals etwas Helles aufblitzen.

»Mir fällt im Augenblick nur ein Vergleich ein«, sagte Random. »Das Ding sieht aus wie ein Wappentier – ein Greifvogel. Nur ist der Bursche hier kahl und purpurfarben.«

»Jedenfalls handelt es sich nicht um unser Wappentier«, stellte ich fest, zog Grayswandir und richtete seine Spitze auf den Kopf des Tiers.

Das Geschöpf ließ eine gespaltene rote Zunge blicken. Es hob die Flügel um einige Zoll und ließ sie wieder sinken. Wenn der Kopf nach rechts schwang, bewegte sich der Schwanz nach links, dann nach links und rechts, nach rechts und links – das Ganze hatte fast etwas Hypnotisches.

Der Greif schien sich mehr für die Pferde als für uns zu interessieren; offenbar war er zu der Stelle unterwegs, wo unsere Tiere bebend und stampfend standen. Ich machte Anstalten, mich dazwischenzustellen.

In diesem Augenblick richtete sich das Monstrum auf.

Die Flügel fuhren hoch und zur Seite. Sie breiteten sich aus wie zwei schlaffe Segel, in denen sich ein plötzlicher Windhauch verfangen hat. Es stand auf den Hinterbeinen hoch über uns und schien im Handumdrehen viermal so groß zu sein wie zuvor. Und dann kreischte es: ein fürchterlicher Jagdschrei oder eine Herausforderung, die mir scheußlich in den Ohren gellte. Gleichzeitig klappte es die Flügel nach unten und sprang hoch, woraufhin es sich in die Luft erhob.

Die Pferde gingen durch. Das Ungeheuer war außer Reichweite. Erst jetzt ging mir auf, was das Klirren und Blitzen bedeutete. Das Geschöpf war an einer langen Kette festgemacht, die in die Höhle führte. Die genaue Länge dieser Kette war nun eine Frage von mehr als akademischem Interesse.

Als der Greif zischend und flatternd über uns dahinsegelte, drehte ich mich um. Zu einem richtigen Flug hatte der Absprung nicht gereicht. Ich sah, daß Star und Feuerdrache zum entgegengesetzten Ende des Ovals flohen. Randoms Pferd Iago war dagegen zum Muster hin ausgerückt.

Das Geschöpf kehrte auf den Boden zurück, drehte sich um, als wolle es Iago verfolgen, schien uns noch einmal zu mustern und erstarrte. Es war uns jetzt viel näher als zuvor – knapp vier Meter –, legte den Kopf auf die Seite, zeigte uns sein rechtes Auge, öffnete den Schnabel und stieß ein leises Krächzen aus.

»Was meint ihr, wollen wir es angreifen?« fragte Random.

»Nein. Warte. Das Ding verhält sich irgendwie seltsam.«

Während meiner Worte hatte es den Kopf sinken lassen und die Flügel nach unten gerichtet. Es berührte den Boden dreimal mit dem Schnabel und blickte wieder hoch. Dann faltete es die Flügel halb an den Körper zurück. Der Schwanz zuckte einmal und begann dann kräftiger hin und her zu schwingen. Das Ungeheuer öffnete den Schnabel und wiederholte das Krächzen.

In diesem Augenblick wurden wir abgelenkt.

Ein gutes Stück neben der geschwärzten Fläche hatte Iago das Muster betreten. Fünf oder sechs Meter vom Rand entfernt, quer über den Linien der Macht stehend, wurde das Pferd in der Nähe eines der Schleier wie ein Insekt an einem Fliegenfänger festgehalten. Es wieherte schrill, als die Funken ringsum aufstiegen und sich seine Mähne senkrecht emporstellte.

Augenblicklich begann sich der Himmel über dem Muster zu verdunkeln. Doch keine Wasserdampfwolke bildete sich dort. Vielmehr handelte es sich um eine vollkommen kreisrunde Formation, rot in der Mitte, zum Rand hin gelb werdend, die sich im Uhrzeigersinn drehte. Töne klangen auf – etwas, das sich wie ein einzelner Glockenschlag anhörte, gefolgt von einem seltsamen Brausen.

Iago wehrte sich; zuerst befreite er den rechten Vorderhuf, mußte ihn aber wieder senken, als er den linken hochzerrte. Dabei wieherte er verzweifelt. Die Funken hüllten den Körper des Pferdes fast völlig ein; es schüttelte sie wie Regentropfen von Flanken und Hals und begann dabei weich und golden zu schimmern.

Das Dröhnen nahm an Lautstärke zu, und kleine Blitze begannen in der Mitte des roten Gebildes über uns aufzuzucken. Im gleichen Augenblick erregte ein Klappern meine Aufmerksamkeit, und als ich nach unten blickte, bemerkte ich, daß der purpurne Greif an uns vorbeigeglitten war und zwischen uns und der lärmenden roten Erscheinung Stellung bezogen hatte. Er hockte dort wie ein häßlicher Wasserspeier, von uns abgewandt, und beobachtete das Schauspiel.

Jetzt bekam Iago beide Vorderhufe frei und stieg auf die Hinterhand. Längst wirkte er irgendwie substanzlos; er schimmerte hell, und der Funkenschauer verwischte seine Konturen. Vielleicht wieherte er noch immer, doch das anschwellende Brausen von oben überdeckte nun alle anderen Geräusche.

Ein Trichter ging von der lärmenden Formation aus – hell blitzend, aufheulend und ungeheuer schnell. Die Spitze berührte das sich aufbäumende Pferd, und einen Augenblick lang erweiterten sich seine Konturen ins Ungeheure; gleichzeitig verblaßten sie. Im nächsten Augenblick war das Tier verschwunden. Eine Sekunde lang verharrte der Kegel an Ort und Stelle wie ein perfekt ausbalancierter Kreisel. Dann begann der Lärm nachzulassen.

Das Gebilde stieg langsam empor bis zu einem Punkt, der nicht sehr hoch – vielleicht eine Mannshöhe – über dem Muster lag. Dann zuckte es so schnell empor, wie es herabgestiegen war.

Das Heulen ließ nach. Das Brausen erstarb. Das Miniaturgewitter innerhalb des Kreises verging. Die ganze Formation begann zu verblassen und zu stocken. Gleich darauf war sie nur noch ein Stück Dunkelheit; eine Sekunde später war sie verschwunden.

Von Iago war nichts mehr zu sehen.

»Du brauchst mich gar nicht erst zu fragen«, sagte ich, als sich Random in meine Richtung wandte. »Ich weiß es auch nicht.«

Er nickte und richtete seine Aufmerksamkeit auf unseren purpurnen Freund, der in diesem Moment mit seiner Kette rasselte.

»Was machen wir mit Charlie?« fragte er und betastete seine Klinge.

»Ich hatte den Eindruck, daß er uns schützen wollte«, sagte ich und trat vor. »Gib mir Deckung. Ich möchte mal etwas ausprobieren.«

»Bist du sicher, daß du schnell genug reagieren kannst?« fragte er. »Mit deiner Wunde . . .«

»Keine Sorge«, sagte ich ein wenig energischer als nötig und ging weiter.

Seine Bemerkung über meine Verletzung an der linken Seite war richtig; die verheilende Messerwunde verbreitete dort noch immer einen dumpfen Schmerz, der jede meiner Bewegungen begleitete. Grayswandir ruhte in meiner rechten Hand, und ich erlebte einen jener Augenblicke, da ich großes Vertrauen in meine Instinkte hatte. Schon früher hatte ich mich mit gutem Ergebnis auf dieses Gefühl verlassen. Es gibt Tage, da solche Risiken problemlos erscheinen.