12
Überlegungen
Das Brausen des unterirdischen Flusses umfing Lorkin, als er aus dem Tunnel trat. Tyvara saß wie zuvor auf der Bank und betrachtete nachdenklich das Wasserrad der Kanalisation. Er fühlte sich versucht, mittels Gedankenrede nach ihr zu rufen, aber selbst wenn er dadurch ihr Treffen nicht verraten hätte, herrschte bei den Verräterinnen eine noch strengere Einschränkung der Gedankenrede als in der Gilde, da sie das Risiko nicht eingehen konnten, dass andere Magier selbst den kürzesten Ruf auffingen und auf diese Weise zum Sanktuarium geführt wurden.
Also wartete er, bis sie ihn bemerkte und ihn zu sich winkte.
»Lorkin«, sagte sie, während er auf den Sims trat. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du in den nächsten Tagen Zeit für einen Besuch finden würdest. Ist das Kältefieber nicht im zweiten Stadium?«
Er nickte und setzte sich neben sie. »Doch. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Aber zunächst einmal, wie geht es dir?«
Sie zog erheitert die Augenbrauen hoch. »Ihr Kyralier. Immer so förmlich. Mir geht es gut.«
»Langweilst du dich?«
Sie lachte. »Natürlich. Aber ich bekomme Besuch. Und …« Sie zog einen Ring von einem ihrer Finger und hielt ihn einen Moment lang hoch, bevor sie ihn in einer Tasche verstaute. »Die Menschen halten mich über die Ereignisse in der Stadt auf dem Laufenden. Man hat mir übrigens gerade erzählt, dass Kalia fuchsteufelswild ist, weil du einfach weggegangen bist.«
Er zuckte die Achseln. »Ich hatte keine Zeit, darauf zu warten, dass die Dinge sich beruhigen.«
Tyvara runzelte die Stirn. »Du vernachlässigst doch nicht meinetwegen mein Volk, oder?«
»Ja und nein.« Er verzog das Gesicht. Trotz der Magier, die sich gemeldet hatten, um in der Krankenstation auszuhelfen, gab es dort viel Arbeit. Er konnte nicht lange bleiben. Es wurde Zeit, zur Sache zu kommen. »Ich brauche deinen Rat.«
Ihr Blick wurde wachsam. »Tatsächlich?«
»Es war unausweichlich, dass jemand so schwer krank oder verletzt wird, dass er nur dann überleben kann, wenn ich ihn mit Magie heile«, begann er. »Ich habe immer geplant, in diesem Fall zu helfen. Ich habe auch immer gewusst, dass es Konsequenzen haben würde. Ich will hören, wie diese Konsequenzen deiner Meinung nach aussehen werden und ob ich sie vermeiden oder möglichst gering halten kann.«
Sie betrachtete ihn schweigend und mit ernster Miene, dann nickte sie. »Wir haben darüber gesprochen«, erwiderte sie, und irgendwie erkannte er an einer subtilen Veränderung ihres Tonfalls, dass sie nicht ihn und sich selbst meinte, sondern ihre Gruppe innerhalb der Verräterinnen.
»Und?«
»Savara dachte, du würdest dich weigern, in einem solchen Fall mit Magie zu heilen. Zarala sagte, du würdest dich nicht weigern, aber darauf warten, dass man dich fragt.«
»Sollte ich warten? Ist Kalia skrupellos genug, um das Mädchen sterben zu lassen?«
»Möglich wäre es.« Tyvara runzelte die Stirn. »Ihre Ausrede wird die sein, dass du klargemacht hast, dass du nicht bereit seist, mit Magie zu heilen, und dass sie deine Entscheidung respektiert habe, indem sie dich nicht belästigte. Die Menschen werden entscheiden müssen, was schlimmer war: Dass sie dich nicht gefragt hat oder dass du es nicht angeboten hast, und wahrscheinlich werden sie sich auf Kalias Seite stellen. Du hast deine heilenden Kräfte bisher nicht benutzt und auch nicht durchblicken lassen, dass du etwas anderes tun würdest, als dich zu weigern, falls man dich darum bäte.«
»Also sollte ich nicht abwarten. Wenn ich meine heilenden Kräfte einsetze, werden die Leute es dann so empfinden, als stelle ich ihnen damit das zur Schau, was ich mich weigere und mein Vater versäumt hat, sie zu lehren?«
»Vielleicht. Nicht so sehr, wenn du sie nur in der größten Not einsetzt, wenn der Patient anderenfalls sterben würde.«
»Was ist mit denen, die Schmerzen haben?«
»Es würde beweisen, dass du Mitgefühl hast, wenn du auch diesen Menschen helfen würdest.«
»Zahnschmerzen tun weh. Ebenso wie viele alltägliche Leiden. An welchem Punkt werden die Menschen es für vernünftig halten, wenn ich eine magische Heilung verweigere? Werden sie erwarten, dass ich alles behandle, sobald ich damit angefangen habe?«
Sie runzelte erneut die Stirn, dann grinste sie plötzlich. »Es könnte die Mühe wert sein, wenn Kalia dadurch arbeitslos würde.« Dann wurde sie wieder ernst und schüttelte den Kopf. »Aber das wäre töricht. Kalia wird von zu vielen unterstützt.« Ihre Schultern hoben und senkten sich in einem Seufzer, den er wegen des rauschenden Wassers nicht hören konnte. »Es wird unterschiedliche Meinungen darüber geben, wann es vernünftig ist, dass du eine magische Heilung verweigerst, und die Menschen werden ihre Meinung ändern, wenn sie selbst zufällig diejenigen mit den Zahnschmerzen sind. Ich denke, die meisten Leute werden zustimmen, dass es einen Punkt gibt, an dem du recht daran tust, dich zu weigern, aber es wird interessant sein festzustellen, ob sie dir erlauben, derjenige zu sein, der darüber entscheidet.«
Er nickte. »Sonst noch etwas?«
»Sieh zu, dass du die Erlaubnis der Patientin oder ihrer Eltern bekommst, bevor du irgendetwas tust«, fügte sie hinzu.
»Sollte ich Kalia fragen?«
Sie zuckte zusammen. »Dieser Punkt hat Zarala die größten Sorgen bereitet. Wenn du Kalia fragst, wird sie dir verbieten, Magie zu benutzen, um irgendjemanden zu heilen, und stattdessen darauf bestehen, dass du sie heilende Magie lehrst. Wenn der Patient dann stirbt, ist es immer noch deine Schuld, weil du dich geweigert hast. Wenn du sie nicht fragst, hast du sie als deine Vorgesetzte missachtet. Da du ein Mann bist, ist das besonders schlimm. Aber wenn du jemandem das Leben rettest, werden die Menschen dir diese Respektlosigkeit verzeihen. Es gibt ebenso viele Leute, die Kalia nicht mögen, wie solche, die sie unterstützen.« Sie breitete die Hände aus. »Weise zu deiner Verteidigung darauf hin, dass niemand hier Kalias Erlaubnis einholen muss, bevor er einen Kranken oder Verletzten behandelt. Die Patienten gehen freiwillig auf die Krankenstation.«
Lorkin seufzte. »Ich kann es nicht vermeiden, Kalia zu verärgern, aber solange ich so wenige andere Menschen wie nur möglich verärgere, werde ich damit wohl leben müssen.«
»Und du wirst Leben retten«, sagte sie.
Er erwiderte ihr Lächeln. »Ihr Verräterinnen habt die einfachere Entscheidung«, entgegnete er. »Wenn ihr eure Kenntnisse der Herstellung von Steinen für euch behaltet, muss niemand sterben.«
»Man genießt die Vorteile der Steine, auch wenn man sie nicht selbst macht«, stellte sie fest. »Warum sollten wir also nicht unsererseits die Vorteile magischer Heilung haben?«
Er grinste. »Nun, wenn du es so ausdrückst, klingt es sehr gerecht und vernünftig.«
»Das wäre es auch, wäre da nicht nur ein einziger Kyralier, der von den Steinen profitiert, und viele, viele Verräterinnen, die potenziell von deiner heilenden Magie profitieren.«
Er schaute ihr in die Augen und sah dort etwas, das ihm guttat. Sie versteht. Und sie lässt mich wissen, dass sie versteht – und mir vielleicht darin zustimmt –, warum ich hier bin.
Plötzlich verspürte er den starken Drang, sie zu küssen, aber er widerstand ihm. Schließlich hatte sie durch nichts zu erkennen gegeben, dass sie mit seinem anderen Grund, sich im Sanktuarium aufzuhalten, einverstanden war: sie.
»Danke«, sagte er und stand auf.
»Viel Glück«, erwiderte sie.
Widerstrebend wandte er sich ab und ging zurück zum Tunnel. Obwohl er wusste, dass die Entscheidung, die er bereits getroffen hatte, ihm eine Menge Ärger eintragen würde, hatte das Gespräch mit Tyvara ihn dahingehend beruhigt, dass er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, ohne dass die Konsequenzen schlimmer sein würden als unbedingt nötig.
Die einzige Entscheidung, die er jetzt treffen musste, betraf das Wann.
Als Dannyl nach seinem Besuch bei Achati ins Gildehaus zurückkehrte, stellte er fest, dass Tayend und Merria sich einen spätabendlichen Umtrunk und ein Plauderstündchen im Herrenzimmer gönnten. Er hielt inne, um sie zu betrachten. Achatis Vorbereitungen für die Reise zu den Duna entwickelten sich ziemlich schnell, und Dannyl würde seiner Assistentin und dem elynischen Botschafter früher als erwartet davon erzählen müssen.