Es hat keinen Sinn, es auf die lange Bank zu schieben, sagte er sich. Er ging zu den Hockern hinüber und deutete mit dem Kopf auf die Weinflasche.
»Ist noch etwas übrig?«
Tayend grinste und winkte einen Sklaven heran, der an einer Wand stand. »Hol noch ein Glas«, befahl er, dann klopfte er auf den größeren Hocker in der Mitte der Sitzplätze, der für den Hausherrn bestimmt war. »Wir haben ihn dir freigehalten.«
Dannyl schnaubte leise und nahm Platz. Obwohl er die Person mit dem höchsten Rang im Gildehaus war, bezweifelte er, dass Tayend den Hocker aus diesem Grund gemieden hatte.
»Was habt ihr beiden denn so getrieben?«, erkundigte er sich.
Tayend machte eine wegwerfende Handbewegung. »Noch mehr wichtige Leute besucht, noch mehr köstliche Mahlzeiten verzehrt. Dergleichen Dinge.«
»Genieße es, solange es dauert«, erwiderte Dannyl. Dann sah er Merria an.
Sie zuckte die Achseln. »Ich habe meine neuen Freundinnen besucht und ihnen die Nachricht von Schwarzmagierin Sonea übermittelt. Und Ihr?«
Der Sklave kehrte zurück und hielt Dannyl das Weinglas mit geneigtem Kopf und gesenkten Augen hin. Tayend ergriff die Flasche und füllte das Glas auf. Dannyl nahm einen Schluck, dann seufzte er anerkennend. »Ashaki Achati und ich haben eine Reise zu den Duna geplant. Sieht so aus, als würden wir früher aufbrechen, als ich erwartet habe: in einer Woche – vielleicht sogar schon in wenigen Tagen.«
Merrias Augen weiteten sich vor Überraschung.
»Forschung oder diplomatische Pflichten?«, fragte Tayend mit einem wissenden Ausdruck in den Augen.
»Größtenteils Forschung«, gestand Dannyl. »Obwohl es in politischer Hinsicht auch nicht schaden wird.«
»Es waren die Bücher vom Markt, nicht wahr?« Tayend blickte selbstgefällig drein.
»Ich schätze, in gewisser Hinsicht haben sie tatsächlich Achati zu dem Vorschlag verleitet, eine Forschungsreise zu unternehmen.« Zu Dannyls Befriedigung verschwand der selbstgefällige Ausdruck.
»Also, wann brechen wir auf?«, fragte Merria.
Dannyl zog eine Augenbraue hoch. »Wir?«
Sie machte ein langes Gesicht. »Ihr nehmt mich nicht mit?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«
»Es ist eine Angewohnheit von ihm«, murmelte Tayend. »Immer lässt er Menschen zurück.«
Dannyl warf Tayend einen tadelnden Blick zu. Die Augen des Gelehrten weiteten sich in gespielter Unschuld.
»Gewiss werdet Ihr auf dieser Reise einen Assistenten brauchen«, beharrte Merria. »Jedenfalls mehr, als Ihr ihn hier braucht.«
»Ich – die Gilde – brauche Euch hier in Arvice«, entgegnete Dannyl. »Ihr müsst Euch um alles kümmern, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass etwas geschieht. Wir können das Gildehaus nicht zurücklassen, ohne dass sich dort ein Gildemagier aufhält.«
»Das ist wahr«, stimmte Tayend ihm leise zu. »Mich würden sie hinauswerfen, da man von mir erwartet, ein eigenes Quartier zu finden.«
»Aber …« Merria begann panisch zu klingen. »Wenn etwas Wichtiges geschieht, werden sie mit einer Frau nicht verhandeln wollen.«
»Sie werden es eben müssen, oder aber sie müssen bis zu meiner Rückkehr warten. Wenn es etwas Dringendes ist …« Er schürzte die Lippen und dachte nach. Er würde Osens Blutring zurücklassen müssen, so dass Merria sich mit dem Administrator beraten konnte, falls etwas Wichtiges geschah. Auf diese Weise konnte sie Nachrichten an die Gilde und an Sonea weiterleiten. Wenn ich doch nur meinen eigenen Blutring machen könnte. Oder den einer anderen Person hätte … ah, natürlich! Ich habe Soneas Ring. Vielleicht wäre sie einverstanden damit, wenn ich ihn für Merria hier in Arvice ließe. Er würde sich morgen mit ihr in Verbindung setzen, beschloss er.
»Falls es dringend ist, werdet Ihr Euch über einen der Blutringe mit Osen oder Sonea in Verbindung setzen. Ich werde einen mitnehmen und einen hierlassen.« Dannyl richtete sich auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ihr werdet Eure Sache gut machen, Merria. Ihr habt einen Weg in die verborgene Welt sachakanischer Frauen gefunden und Verbindungen zu den Verräterinnen hergestellt, und das alles in bemerkenswert kurzer Zeit. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihr, sollte etwas geschehen – was unwahrscheinlich sein dürfte –, in der Lage sein werdet, die Dinge zusammenzuhalten.«
»Ich habe auch keine Zweifel daran«, fügte Tayend hinzu.
Ihr angespanntes Lächeln war eher eine Grimasse, aber sie wirkte ruhiger und nicht mehr so verunsichert, wenn auch weiterhin enttäuscht.
»Wie lange werdet Ihr fort sein?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Dannyl. »Einige Wochen, vielleicht länger. Es hängt von den jahreszeitlichen Winden ab und von der Frage, ob die Duna sich überhaupt bereitfinden, mit uns zu sprechen.«
Merria stieß ein leises Schnauben aus. »Jetzt reibt Ihr es mir auch noch unter die Nase. Ich würde die Stämme liebend gern besuchen.«
»Vielleicht werden wir eines Tages noch einmal dort hinreisen«, meinte er. »Sobald ich weiß, ob sie in Bezug auf Frauen genauso restriktiv sind wie die Sachakaner.«
Sofort leuchteten ihre Augen auf. »Die Männer auf dem Markt waren freundlich.«
»Ja, aber wir können nicht davon ausgehen, dass sie alle so sind. Händler haben allen Grund, freundlich zu ihren Kunden zu sein, ganz gleich welchen Sitten sie folgen, wenn sie unter sich sind.«
Sie runzelte die Stirn. »Was ist, wenn in Eurer Abwesenheit eine Nachricht von Lorkin kommt?«
»Ihr werdet sie mithilfe des Blutrings an den Empfänger weiterleiten«, erwiderte er.
Merria nickte. »Vielleicht könnten die Verräterinnen Nachrichten an Euch übermitteln?«
»Ich bezweifle, dass sie Verbindungen zu den Stämmen haben«, bemerkte er. »Und es wäre vielleicht klug, nicht allzu abhängig von den Verräterinnen zu werden. Sie sind nicht unsere Feinde, soweit wir wissen. Aber sie sind auch keine Verbündeten.«
Das Büro des Administrators war voller Höherer Magier – es waren mehr, als auf den Stühlen Platz fanden, und Sonea stellte mit einiger Erheiterung fest, wer saß und wer stand. Die Oberhäupter der Disziplinen waren traditionell die Wortführer. Lady Vinara, Lord Peakin und Lord Garrel saßen Osens Schreibtisch am nächsten. Obwohl der Hohe Lord Balkan im Rang über ihnen stand, hatte er es vorgezogen, mit verschränkten Armen an einer der Wände zu stehen.
Die Studienleiter, die Lords Rothen, Erayk und Telano, sowie Universitätsdirektor Jerrik saßen ebenfalls, aber auf den schlichteren Stühlen, die von dem kleinen Esstisch herübergestellt worden waren. Sonea hatte sich oft gefragt, ob Osen hier jemals kleinere Abendgesellschaften gab, und wenn ja, wie oft. Sie war nie zu einer solchen Gesellschaft eingeladen worden.
Der Heiler und der Alchemist, die in Nakis Gästezimmer gewesen waren, als Sonea dort eingetroffen war, waren ebenfalls zugegen und standen im hinteren Teil des Raums. Einer der königlichen Ratgeber saß auf einer Seite, und Sonea fragte sich, ob sie darin ausgebildet wurden, wie man es vermied, Aufmerksamkeit zu erregen – unbeobachtet zu bleiben, während sie selbst alles beobachteten.
Wie immer blieben sie und Schwarzmagier Kallen stehen. Kallen überragte alle anderen. Sie selbst hätte es einfacher gefunden, wenn sie vorn säße und alle sie sehen konnten, wenn sie über ihre Ergebnisse Bericht erstattete, aber irgendein kleiner Trotz in ihr ließ es nicht zu, dass sie weniger autoritär auftrat als Kallen.
Die Tür wurde geöffnet, und alle Anwesenden drehten sich um, als Novizendirektor Narren den Raum betrat. Der Mann war jünger, als es sein Vorgänger, Ahrind, in Soneas Novizenzeit gewesen war, aber er war genauso streng und humorlos. Während Osen ihn willkommen hieß, schaute er sich um und nickte höflich. Als sein Blick auf sie und Kallen fiel, runzelte er die Stirn.