Die Anstrengungen, die sie auf sich nimmt, um mir zu helfen, scheinen größer zu sein als das, was ich getan habe, um ihr zu helfen. Ich habe sie lediglich aus dem Gefängnis befreit. Dazu brauchte ich niemanden um Gefälligkeiten zu bitten. Jetzt, da ich die Welt gesehen habe, in die sie gehört, denke ich nicht, dass sie das Opfer zu schätzen weiß, das ich gebracht habe, indem ich etwas getan habe, was mir noch mehr Schwierigkeiten mit der Gilde eintragen wird. Sie versteht nicht, dass ich in die Gilde zurückkehren will und darauf hoffe, dort eines Tages wieder aufgenommen zu werden, denn sie hat der Gilde ja niemals angehören wollen.
Der Dieb, dessen Name Jemmi war, hatte ein Treffen mit einem anderen Dieb arrangiert, der vielleicht wusste, wo Naki war. Er, Lorandra, Lilia und ein Mann und eine Frau, bei denen es sich um Leibwächter zu handeln schien, waren vor etwa einer Stunde aufgebrochen und hatten sich über eine unterirdische Route in ein Lagerhaus begeben. Von dort traten sie auf die dunklen Straßen hinaus, in schwere Kapuzenumhänge gehüllt, während sie durch den Regen zu einem Bolhaus eilten.
Sie alle gingen hintereinander eine Treppenflucht hinauf und in einen kleinen Raum, der zwei Stühle und einen Tisch enthielt. Es war kalt, und Lilia fühlte sich versucht, die Luft zu erwärmen, aber Lorandra hatte sie davor gewarnt, ihre Magie zu benutzen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Der männliche Leibwächter rückte näher an Jemmi heran und sagte etwas. Der Dieb runzelte die Stirn und wandte sich an Lorandra.
»Wir müssen ein Honorar vereinbaren, bevor wir weitermachen.«
»Was für ein Honorar?« Lorandras seltsam geformte Augen wurden schmal. Sie sah Lilia an. »Bleibt, wo Ihr seid«, sagte sie. »Wir werden nicht weit entfernt sein.«
Sie ging auf die Tür zu. Jemmi betrachtete den männlichen Leibwächter und machte eine ruckartige Kopfbewegung zum Zeichen, dass er ihn nach draußen begleiten solle. Der Leibwächter sah seine Kollegin an und gab ihr ein kurzes Zeichen, bevor er in den Flur trat und die Tür schloss.
Verwundert setzte Lilia sich auf einen der Stühle.
Die Leibwächterin ging zur Tür und lauschte offenkundig auf die Stimmen dahinter. Lilia beobachtete sie und fragte sich, wie eine Frau zu einer solchen Arbeit kommen mochte. Sie ist jünger, als ich zuerst dachte, überlegte Lilia. Als sie noch genauer hinschaute, bemerkte sie an den Händen und am Hals der Frau einige Narben. Die Art, wie der Stoff des Umhangs von ihren Schultern hing und sich bewegte, ließ darauf schließen, dass darin Gegenstände verborgen waren. Messer vielleicht? Gewiss kein Schwert …
Die Frau drehte sich um und sah Lilia an. Ihre Miene verriet Unentschlossenheit. Sie schüttelte den Kopf, dann seufzte sie.
»Weißt du, wem man dich übergeben wird?«
Lilia blinzelte. »Mich?«
»Ja. Dich.«
»Sie bringen mich zu einem Treffen mit einem anderen Dieb.«
»So drücken sie es aus.« Die Frau schürzte die Lippen. »Der Name des Diebs ist Skellin. Weißt du, wer er ist?«
Skellin? Lorandras Sohn war ein Dieb? Lilia spürte den kalten Hauch der Angst auf ihrer Haut. Warum hat Lorandra mir nicht erzählt, dass sie mich zu ihrem Sohn bringt? Dachte sie, ich würde Angst bekommen und versuchen wegzulaufen? Sie schluckte. Ich denke, damit läge sie richtig. Er ist furchteinflößender als sie, da er seine magischen Kräfte gebrauchen kann.
Die Frau blickte sie erwartungsvoll an.
»Ich dachte, sie würde mir helfen, Naki zu finden, bevor sie zu ihrem Sohn geht«, erklärte Lilia. »Sie sagte, wir würden uns mit jemandem treffen, der eine bessere Chance hätte, sie zu finden, und vielleicht ist er der Beste …«
»Skellin ist ein Magier.« Die Frau entfernte sich von der Tür, legte die Hände um die Armlehnen von Lilias Stuhl und schaute auf sie herab.
»Ich weiß …«
»Und du verstehst dich auf schwarze Magie. Denkst du wirklich, er wird deine Freundin finden, ohne einen Preis zu verlangen? Er wird überhaupt nichts für dich tun, bevor du ihn nicht schwarze Magie gelehrt hast.«
»Ich werde mich weigern, solange er Naki nicht gefunden hat.«
Die Frau zuckte nicht mit der Wimper. »Angenommen, er ließe sich darauf ein – was dann?«
Lilia errötete. Die Leibwächterin blickte wieder zur Tür hinüber, dann seufzte sie abermals.
»Du brauchst nicht alle zu verraten, um deine Freundin zu finden«, sagte sie. »Es gibt andere, die dir helfen können. Andere, die dich nicht erpressen werden, weil sie wissen, dass es für alle besser ist, wenn die Diebe keinen Zugang zur Magie haben. Insbesondere zu schwarzer Magie.«
»Das … das wusste ich nicht.«
Die Frau ließ den Stuhl los und richtete sich auf. »Das hatte ich mir gedacht.«
Lilia schüttelte den Kopf. Sie kam sich töricht und hilflos vor, und sie hatte Angst. »Ich … jetzt ist es zu spät, nicht wahr? Was kann ich sonst tun?«
Die Leibwächterin schaute zur Tür hinüber, dann wieder zu Lilia. »Es ist noch nicht zu spät.« Ihr Wispern war drängend. »Ich kann dich von hier wegbringen und dich mit Menschen bekannt machen, die deine Freundin finden können, ohne von dir zu verlangen, dass du irgendjemanden schwarze Magie lehrst. Aber nur, wenn du jetzt mit mir kommst.«
Lilia blickte zur Tür. Lorandra hatte sich bereit erklärt, ihr zu helfen. Sie hatte einen Handel abgeschlossen und schien sich daran zu halten. Aber um Skellins Hilfe zu bekommen … er wird wahrscheinlich seinen eigenen Handel machen wollen … Falls es eine Chance gibt, von hier wegzukommen, muss ich es versuchen.
»Bist du sicher, dass du Naki finden kannst?«
»Ja.« Der Blick der Frau war ruhig und ihre Stimme voller Zuversicht. In der Hoffnung, dass sie es nicht bereuen würde, stand Lilia auf. »In Ordnung.«
Die Frau bedachte sie mit einem wilden Grinsen. »Folge mir.«
Mit einer einzigen anmutigen Bewegung stieg sie auf den Tisch und streckte die Arme zur Decke. Lilia hatte die Luke dort nicht bemerkt. Sie ließ sich lautlos öffnen. Die Frau streckte die Hand aus und half Lilia hinauf, dann packte sie sie an den Schenkeln und schob sie hoch. Lilia unterdrückte ein überraschtes Keuchen, ihr Kopf und ihre Schultern steckten im Dachraum. Sie stützte sich auf den Rahmen der Luke und zog sich mithilfe eines Stoßes von unten hinein.
Die Frau erschien in der Öffnung der Luke, schwang sich hoch und zog sie hinter sich zu. Sie legte einen Finger an die Lippen, dann kroch sie langsam und lautlos durch den Hohlraum zu der gegenüberliegenden Wand hinüber. Lilia, die ihr folgte, konzentrierte sich darauf, Hände und Knie vorsichtig auf die Deckenpaneele zu setzen und nicht mit den Füßen darüber zu scharren. Sie lauschte auf Geräusche, die vielleicht verrieten, dass ihr Verschwinden entdeckt worden war, aber keine Rufe drangen an ihr Ohr.
Was tue ich hier? Ich hätte bei Lorandra bleiben sollen. Aber irgendetwas sagte ihr, dass diese Frau recht hatte. Lorandra wäre vielleicht in der Lage gewesen, ihr zu helfen, Naki zu finden, aber der Preis wäre schrecklich gewesen. Diese Leibwächterin sollte sich jedoch besser nicht irren. Wenn sie Naki nicht finden kann, werde ich von ihr verlangen, dass sie mich zu Lorandra zurückbringt.
Am Ende des Gebäudes erreichten sie eine dreieckige Mauer. Ein einziges Fenster befand sich in der Mitte dieser Mauer, und die Frau strebte darauf zu. Kalte Luft und windgepeitschter Regen strömten herein, als das Fenster wie eine Tür nach innen aufschwang. Die Frau ging in die Hocke, schob erst ein Bein hindurch, dann den Leib und das andere Bein.
Lilia folgte ihr und fand sich im nächsten Moment auf einem Dach wieder. Die Leibwächterin ging am Dachfirst entlang, und an dessen Ende kauerte sie sich hin. Aufgrund der Lücke zwischen dem Dach und der Mauer des nächsten Gebäudes vermutete Lilia, dass sich unter ihnen eine Straße befand. Sie wählte ihre Schritte sehr bedächtig, denn durch den Regen waren die Dachpfannen rutschig geworden. Als Lilia die Leibwächterin erreichte, trat diese vom Rand des Daches zurück.