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»Ich würde uns gern in dieses Haus dort hineinbringen.« Sie zeigte über die Straße auf ein dreistöckiges, steinernes Gebäude. »Siehst du diese Seile?«

Die Frau deutete auf zwei Seile, die sich über die Lücke zwischen einigen Häusern weiter unten in der Straße spannten. Sie nickte.

»Daran können wir hinüberkommen, dann über die Dächer zurück und durch das Dachfenster hinein, das du an der Seite gerade noch erkennen kannst.«

Lilia betrachtete die Seile, und eine unerwartete Welle der Bewunderung für die junge Frau stieg in ihr auf.

»Du machst so etwas ständig, nicht wahr?«

Die Leibwächterin lächelte. »Wir haben die Seile dort gespannt. Man kann nie wissen, wann man von irgendwo verschwinden muss.«

Lilia deutete mit dem Kopf auf die Straße. »Schaut jemand zu?«

Die Frau beugte sich über den Rand, blickte die Straße entlang und schüttelte dann den Kopf.

»In diesem Fall habe ich eine bessere Möglichkeit«, erklärte Lilia. »Halt dich an mir fest und schrei nicht.«

Sie zog Magie in sich hinein und schuf eine Scheibe unter ihren Füßen. Die Frau streckte unsicher die Arme aus, und Lilia hielt sie fest, um sie zu stützen. Dann befahl sie der Scheibe, sich zu erheben, und trug sie über die Straße auf das Dach auf der anderen Seite. Die Frau starrte sie an, als ihre Füße auf die Dachpfannen stießen.

»Rek hat sich geirrt. Du hast deine Kräfte zurück.«

Lilia nickte, bevor sie noch einmal zu dem Dach des Bolhauses hinüberschaute. »Sie nicht.«

»Das ist die beste Neuigkeit, die ich in dieser ganzen Nacht gehört habe.« Die Frau stellte sich vor das Dachbodenfenster. Es war von innen mit Brettern zugenagelt. Sie entfernte das Hindernis mit einem einzigen schnellen Tritt. Als Lilia ihr in den dunklen Raum folgte, eilte sie zur Tür, öffnete sie und lauschte. Dann schlich sie weiter ins Haus hinein und spähte durch Türen. »Nichts. Sieht nicht so aus, als sei jemand zu Hause. Das ist die zweitbeste Nachricht dieser Nacht.«

»Du bist eingebrochen, ohne zu wissen, ob jemand zu Hause ist?«

Die Frau zuckte die Achseln. »Ich wäre schon damit fertig geworden.«

Lilia kam zu dem Schluss, dass sie gar nicht wissen wollte, wie. Sie folgte ihrer Retterin in ein Schlafzimmer. Die Frau näherte sich vorsichtig dem Fenster.

»Geh nicht zu nah heran«, warnte sie. Dann verkrampfte sie sich. »Ah. Da sind sie. Wenn wir auch nur einen Moment länger gebraucht hätten, hätten sie uns entdeckt.«

Lilia trat an die Seite des Fensters und spähte hinaus. Gestalten streiften unter ihnen durch die Straße. Eine Bewegung weiter oben lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Dach, wo zwei Personen balancierten; eine deutete auf die Seile, und die andere starrte über die Dächer.

»Ich sollte dieses Fenster besser wieder verschließen«, murmelte die Frau. Sie eilte die Treppe hinauf, und schon bald hörte Lilia ein gedämpftes Hämmern, von dem sie hoffte, dass man es außerhalb des Hauses nicht wahrnehmen konnte. Es hatte heftiger zu regnen begonnen. Vielleicht würde das Prasseln das Geräusch übertönen.

Die Frau kam zurück, diesmal mit zwei Stühlen, die sie zu beiden Seiten des Fensters hinstellte. Sie ließ sich auf einen fallen, und Lilia nahm auf dem anderen Platz.

»Wir werden hierbleiben«, erklärte sie Lilia, während sie abermals den Blick über die Straße wandern ließ. »Sie gehen die bekannten Routen ab und werden keine Häuser durchsuchen.« Sie grinste. »Ich nehme an, wenn ich gewusst hätte, dass du deine Kräfte zurückhast und Lorandra nicht, dann wären wir einfach dort hinausspaziert, aber in dem Fall wären sie uns gefolgt. Und es hat etwas höchst Befriedigendes, einem Feind davonzulaufen und sich dann direkt vor seiner Nase zu verstecken.« Plötzlich verblasste ihr Lächeln, und sie zog die Brauen zusammen, als sei ihr ein schlimmer Gedanke gekommen.

»Was ist los?«

Die Frau schnitt eine Grimasse. »Abgesehen davon, dass ich gerade meine Stellung verloren habe, gab es andere Dinge, die ich hätte tun sollen. Einige Leute werden auf meine Nachricht warten, und wenn sie nicht kommt, werden sie sich um mich sorgen.«

»Oh.« Lilia hatte Gewissensbisse. »Nun … danke, dass du mir geholfen hast – und auch für dein Angebot, Naki zu finden. Bist du dir sicher, dass du sie finden kannst?«

»Wir werden sie finden. Und wir werden dich zu diesem Zweck nicht bitten, die Verbündeten Länder zu verraten.« Die Frau richtete sich auf. »In der Zwischenzeit können wir uns geradeso gut miteinander bekannt machen. Obwohl ich schon erraten habe, wer du bist.«

»Ja. Ich bin Lilia, die Novizin, die versehentlich schwarze Magie erlernt hat«, sagte sie trocken.

»Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen, Lady Lilia.« Die Frau verbeugte sich schwach. »Mein Name ist Anyi.«

20

Keine Wiederkehr

Es war eine raue Nacht auf See gewesen, und es hatte Dannyl erleichtert, als die Inava am frühen Nachmittag in eine kleine, geschützte Bucht eingelaufen war. Obwohl Achati geplant hatte, dass sie die meisten Nächte an Land verbrachten, wurde die Entfernung zwischen den Hafenstädten immer größer, je weiter sie nach Norden segelten. Tayend hatte am Abend zuvor eine zusätzliche Dosis von der Droge gegen Seekrankheit eingenommen und war prompt eingeschlafen, eine Fähigkeit, um die Dannyl ihn irgendwann zu beneiden begann. Obwohl Dannyl die unangenehmen Begleiterscheinungen einer Seereise mit Magie heilen konnte, kostete es manchmal einige Anstrengung, in dem in den Wellen auf- und absteigenden Schiff im Bett zu bleiben. Einige Stunden vor Tagesanbruch legte sich der Sturm endlich, und er bekam ein wenig Schlaf, aber nur allzu bald mussten sie wieder aufstehen.

Achati hatte dafür gesorgt, dass sie auf dem Anwesen eines Freundes Quartier nehmen konnten, der gegenwärtig zu Besuch in der Stadt weilte. Sie hatten das Haus ganz für sich allein – bis auf die Sklaven natürlich. Die Sklaven, denen man aufgetragen hatte, die Gäste ihres Herrn gut zu behandeln, hielten ein köstliches Mahl bereit und begleiteten sie zu Bädern, die um eine natürliche heiße Quelle herum erbaut waren. Achati sagte, dass sie sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen dürften.

Es sah jedoch so aus, als würde Tayend genau das tun. Ein Sklave hatte ihn mehr oder weniger vom Schiff tragen müssen und ihn dann in die wartende Kutsche gehoben. Den ganzen Weg bis zu dem Besitz, der ihr Ziel war, schnarchte er laut vor sich hin und wachte nur lange genug auf, um einem Sklaven in die Gästequartiere zu folgen. Die Sklaven berichteten, dass er eingeschlafen sei, sobald er das nächste Bett erreicht hatte.

Achati und Dannyl gingen gemeinsam zu den Bädern. Diese erwiesen sich als ein einziger langgestreckter Raum mit einer Tür an jedem Ende und ohne Fenster. Dafür gab es in der Decke eine Öffnung, die den sternenübersäten Nachthimmel preisgab. Dampfende Wasserbecken zogen sich durch die gesamte Länge des Raums; das heiße Wasser floss vom einen ins andere, und neben den Becken wand sich ein Pfad entlang, der über eine Buckelbrücke, die eins der Becken überspannte, einmal die Seiten wechselte. In der Luft lag ein metallischer, salziger Geruch.

»Das erste Becken ist warm«, erklärte Achati, als er sich zu entkleiden begann. »Es dient der Reinigung und hat einen eigenen Abfluss. Sobald Ihr sauber seid, könnt Ihr mit dem nächsten Becken anfangen und Euch den Raum hinunterbewegen, bis Ihr eines findet, das Euch gefällt. Die Becken in der Mitte sind heiß, dann werden sie wieder kühler, bis zum letzten, das kalt ist.«

»Sie beenden ihr Bad mit einem kalten Becken?«

»Ja. Um einen zu wecken. Es ist sehr erfrischend. Aber wenn Ihr nach dem Bad unverzüglich schlafen gehen wollt, ist es empfehlenswert, mit einem der wärmeren Becken zu enden. Dort unten befinden sich Umhänge, in denen Ihr Euch warmhalten könnt.« Achati, der sich aller Kleider bis auf seine Hose bereits entledigt hatte, sah Dannyl an, der noch nicht begonnen hatte, sich auszuziehen. »Die Sklaven werden Eure Kleider säubern und sie in Euer Zimmer bringen.«