Die Gasse war menschenleer, wenn auch voller Abfälle und Kisten.
»Du musst einige Dinge wissen«, sagte Anyi leise. »Ich habe versucht, dieses Treffen zu verhindern, und zwar aus zwei Gründen …«
Sie hielt inne, als sie das Ende der Gasse erreichten, und überprüfte die Querstraße, bevor sie in eine weitere, noch schmalere Gasse traten.
»Erstens, mein Arbeitgeber versteckt sich ebenfalls. Es ist ein Risiko, dich zu ihm zu bringen. Dahinter steht folgende Überlegung: Wenn man zwei gesuchte Personen zusammenbringt, verdoppelt sich das Risiko, dass sie beide gefunden werden. Aber es ist sicherer, dich zu ihm zu bringen, als andersherum. Die Leute, die dich finden wollen, wollen dich einsperren. Die, die ihn finden wollen, wollen ihn töten.«
»Skellin will …?«
»Psst. Sprich seinen Namen nicht aus. Der Regen überdeckt unsere Stimmen, aber einige Worte erregen größere Aufmerksamkeit als andere. Doch … ja.« Anyi spähte um eine Ecke, dann ging sie weiter. »Er ist sehr mächtig, musst du wissen.« Anyi sah Lilia an. »Der mächtigste Dieb in der Stadt. Er hat überall Verbündete, hochgestellte und niedere.«
»Also … wenn dein Arbeitgeber sich versteckt und der mächtigste Dieb – der außerdem ein Magier ist – ihm im Nacken sitzt, wie wird er mir dann helfen können, Naki zu finden?«
Anyi blieb stehen und drehte sich zu Lilia um. »Er hat ebenfalls Verbündete. Nicht so viele, aber es sind verlässliche Leute. Die übrigen würden dich sofort ihm übergeben wollen.«
Lilia starrte die Frau an. Sie hatte Anyi offensichtlich gekränkt, indem sie Cerys Fähigkeiten infrage stellte. Was durchaus in Ordnung ist … Aber irgendetwas sagt mir, dass hinter ihrer Beziehung zu diesem Cery mehr steckt, als sie erkennen lässt.
»Du bist ihm sehr treu ergeben, nicht wahr?«, bemerkte sie.
Anyi holte tief Luft und stieß den Atem dann wieder aus. »Ja. Ich schätze, das bin ich.« Ihr Gesichtsausdruck war seltsam nachdenklich, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung.
Lilia bemerkte, dass es aufgehört hatte zu regnen, was eigentlich eine Erleichterung hätte sein sollen, nur dass es jetzt schneite und noch kälter wurde. Sie stieß die Hände tief in die Umhangtaschen und bedauerte es dann, als sich ihre Fingernägel an deren Grund in Sand bohrten.
»Gut«, sagte Anyi, mehr zu sich selbst als zu Lilia. »Ich hatte auf Schnee gehofft. Er wird die Leute von der Straße fernhalten.« Sie zog sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf.
»Also, was ist der zweite Grund?«, fragte Lilia.
Anyi runzelte die Stirn. »Der zweite Grund wofür?«
»Dieses Treffen zu vermeiden.«
»Ach ja.« Anyi verzog das Gesicht. »Obwohl er gesagt hat, er würde es nicht tun, war ich mir nicht ganz sicher, ob er dich nicht doch ausliefern würde.«
An die Gilde, beendete Lilia im Geiste den Satz. »Also bist du ihm treu ergeben, aber du vertraust ihm nicht.«
»Oh doch, das tue ich«, versicherte Anyi ihr. »Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Das Problem ist, ich würde ihm nicht das Leben der meisten anderen Menschen anvertrauen.«
»Das ist nicht sehr beruhigend.«
»Das ist mir klar. Aber du solltest es wissen. Er ist, was er ist.«
Eine Möglichkeit blitzte in Lilias Geist auf. »Ein Dieb?«
Anyi sah Lilia an und runzelte die Stirn. »War ich so durchschaubar?«
Lilia lächelte. »Entweder das, oder ich werde langsam besser in diesem Spiel.«
»Macht es dir etwas aus?«
»Nein. Ich habe erwartet, dass ich, um Naki zu finden, mit einigen zwielichtigen Leuten würde zusammenarbeiten müssen.«
»Ich dachte mir, dass du mit so etwas gerechnet hast, da du bereit warst, diesem mörderischen Weib zu vertrauen, obwohl du gewusst hast, wer sie war.«
»Ich habe L… dieser Frau nicht vertraut«, korrigierte Lilia sie. »Ich bin ein Risiko eingegangen, weil mir keine andere Möglichkeit einfiel, Naki zu finden.« Sie sah Anyi an. »Also, woher weißt du, dass Cery mich heute nicht an die Gilde ausliefern wird?«
Anyi kicherte. »Ich habe ihm einen guten Grund gegeben, dich zu behalten.«
»Was ist das für ein Grund?«
»Wir werden dich als Köder benutzen, um Skellin in die Falle zu locken.«
Lilia blieb stolpernd stehen. »Ihr werdet …«
»Anyi!«
Eine Frau war vor ihnen in die Gasse getreten, wo sie auf eine andere Straße traf. Sie drehten sich beide zu ihr um. Die Frau war hochgewachsen und sehr dünn, und nachdem sie einen flüchtigen Blick auf Lilia geworfen hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Anyi.
Anyi fluchte leise. »Heyla. Folgst du mir?«
Die Frau zuckte nicht mit der Wimper. »Ja. Ich will mit dir reden.«
Anyi verschränkte die Arme vor der Brust. »Dann rede.«
Heyla sah Lilia an. »Unter vier Augen.«
Seufzend ging Anyi bis zur Ecke und blieb stehen. »Das muss reichen.«
Die Frau machte ein Gesicht, als würde sie vielleicht protestieren, doch dann schüttelte sie den Kopf und eilte zu Anyi hinüber.
Die beiden begannen sich leise zu unterhalten. Lilia konnte nur einige wenige Worte auffangen. Heyla sagte mehrmals: »Es tut mir leid.« Während Lilia das Gesicht der Frau beobachtete, las sie in deren Zügen Schuldgefühle, Bedauern und, seltsamerweise, Verlangen. Die Schultern der Frau hingen herunter. Ihre Hände bewegten sich schnell, und an einem Punkt streckte sie den Arm nach Anyi aus, nur um ihn hastig zurückzureißen.
Anyi dagegen wirkte gelassen und aufmerksam, aber etwas an der Anspannung in ihrem Kiefer und ihren schmalen Augen deutete darauf hin, dass sie sich über irgendetwas ärgerte und diesen Ärger verbarg. Je länger Lilia Anyi beobachtete, umso größer wurde ihre Überzeugung, dass sie im Gesicht ihrer Retterin noch etwas anderes sah. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob es Hoffnung oder Schmerz war. Dann sagte die Frau etwas, und Anyi zuckte zusammen und schüttelte den Kopf.
Plötzlich deutete die Frau mit einer aggressiven Gebärde auf Anyi und murmelte einige leise Worte.
Anyi lachte bitter auf. »Wenn du ihn finden kannst, sag ihm, er sei ein Bastard. Er wird wissen, warum.«
Die Frau drehte sich wieder zu Lilia um. »Was ist mit ihr? Ist sie eine Kundin? Sollte ich sie warnen, ihr Schlafzimmer verschlossen zu halten? Oder ist sie meine Nachfolgerin?«
»Nun, sie hat sich noch nicht in eine verräterische, diebische Fäule-Süchtige verwandelt«, knurrte Anyi zur Antwort.
Heyla fuhr zu Anyi herum, eine Hand zur Faust geballt. Aber mit einer winzigen Veränderung ihrer Haltung war Anyi plötzlich kampfbereit. Heyla stutzte und trat zurück.
»Hure!«, zischte sie, dann stolzierte sie davon.
Anyi schaute der Frau nach, bis sie ein gutes Stück weit die Durchgangsstraße hinunter verschwunden war, dann winkte sie Lilia heran. »Wir sollten besser die Augen offen halten«, sagte sie. »Sie könnte versuchen, uns zu folgen – oder uns von jemand anderem beobachten lassen.«
Sie ging wieder in die Gasse, dann nahm sie einen schmalen, überdachten Durchgang zwischen zwei Gebäuden, der in eine weitere Gasse führte.
»Wer ist sie?«
»Eine alte Freundin, ob du es glaubst oder nicht.« Anyi seufzte. »Wir haben uns einmal nahegestanden. Dann hat sie versucht, mich an unsere Feinde zu verkaufen, für Geld zum Kauf von Fäule.«
»Was wollte sie gerade?«
»Geld. Wieder einmal.«
»Sie hat dich bedroht?«
»Ja.«
»Wenn du mir diese Bemerkung verzeihen willst«, sagte Lilia, »aber du hast ungefähr genauso viel Glück bei der Wahl deines Umgangs wie ich.«
Anyi lächelte nicht. Stattdessen blickte sie bekümmert drein, und Lilia bereute ihre Worte.
»Es tut mir leid.«
»Schon gut. Ich bin über sie hinweg«, sagte Anyi und beschleunigte ihre Schritte. Lilia fiel zurück, dann zwang sie ihre Beine, sich schneller zu bewegen, damit sie Anyi einholen konnte.
Ich bin über sie hinweg?, dachte sie. Das klingt nach etwas, das Leute sagen, wenn … Moment mal. Was hat Heyla noch gesagt? ›Sollte ich sie warnen, ihr Schlafzimmer verschlossen zu halten? Oder ist sie meine Nachfolgerin?‹ Das konnte etwas anderes bedeuten, aber …