Isobel saß in der Küche in der Bertram Street und nähte ein blaues Seidentuch auf ein Spitzenstrumpfband. Olivia saß ihr gegenüber und band ein knallrosa Band zu einer kunstvollen Schleife. Ab und zu sah sie Isobel mit unzufriedener Miene an und senkte dann wieder den Blick. Schließlich legte sie die Schleife beiseite und erhob sich, um den Wasserkessel zu füllen.
»Wie geht’s Paul?«, erkundigte sie sich fröhlich.
»Wem?«, fragte Isobel.
»Paul! Paul, dem Arzt. Seht ihr euch noch öfter?«
»Ach, der.« Isobel verzog das Gesicht. »Nein, den habe ich seit Monaten nicht mehr gesehen. Ich bin nur ein paarmal mit ihm ausgegangen.«
»Wie schade! Er war so charmant. Und sehr gut aussehend, fand ich.«
»Er war okay«, sagte Isobel. »Aber es hat einfach nicht hingehauen.«
»Oh, Schatz, das tut mir so leid.«
»Mir nicht«, entgegnete Isobel. »Ich war diejenige, die Schluss gemacht hat.«
»Aber warum?« Olivia hob gereizt die Stimme. »Was hattest du an ihm auszusetzen?«
»Wenn du es unbedingt wissen willst«, sagte Isobel. »Es stellte sich heraus, dass er ein bisschen sonderbar ist.«
»Sonderbar?«, fragte Olivia argwöhnisch. »Inwiefern?«
»Einfach sonderbar«, sagte Isobel.
»Verrückt?«
»Nein«, meinte Isobel. »Nicht verrückt. Sonderbar! Ehrlich, Mummy, ich möchte lieber nicht in die Details gehen.«
»Also, ich fand ihn sehr sympathisch.« Olivia goss kochendes Wasser in die Teekanne. »So ein netter junger Mann!«
Isobel schwieg, bearbeitete den Stoff dafür aber umso heftiger mit der Nadel.
»Neulich habe ich Brenda White getroffen«, sagte Olivia, als wolle sie das Thema wechseln. »Ihre Tochter heiratet im Juni.«
»Ach, wirklich?« Isobel sah auf. »Arbeitet sie immer noch bei Shell?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Olivia unwirsch. Dann lächelte sie Isobel an. »Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass sie ihren Mann bei einem Abendempfang für junge Akademiker kennen gelernt hat. In einem schicken Londoner Restaurant. Die sind heutzutage sehr beliebt. Offenbar wimmelte es dort nur so von interessanten Männern.«
»Garantiert.«
»Brenda meinte, falls du interessiert bist, könnte sie die Nummer für dich herausbekommen.«
»Nein, danke.«
»Schatz, du gibst dir selbst ja keine Chance!«
»Nein!«, schimpfte Isobel. Sie legte unwirsch ihre Nadel fort und sah auf. »Du gibst mir keine Chance! Du behandelst mich so, als bestünde mein einziger Daseinszweck darin, einen Ehemann zu finden! Was ist mit meiner Arbeit? Was ist mit meinen Freunden?«
»Was ist mit Kindern?«, entgegnete Olivia scharf.
Röte stieg in Isobels Gesicht.
»Vielleicht bekomme ich einfach ein Kind ohne Mann«, sagte sie nach einer Pause. »So was soll vorkommen, weißt du.«
»O nein, sei nicht albern«, meinte Olivia verärgert. »Ein Kind braucht eine richtige Familie.« Sie trug die Teekanne zum Tisch hinüber, setzte sich und schlug ihr rotes Buch auf. »Gut. Was muss noch erledigt werden?«
Regungslos starrte Isobel die Teekanne an. Sie war groß und mit Enten bemalt; seit sie sich daran erinnern konnte, hatten sie sie für den Familientee benutzt. Seitdem sie und Milly Seite an Seite in passenden Kitteln dagesessen und mit Marmite bestrichene Sandwiches gegessen hatten. Ein Kind braucht eine anständige Familie. Was zum Teufel war eine anständige Familie?
»Weißt du was?« Olivia sah überrascht auf. »Ich glaube, für heute habe ich alles erledigt. Auf meiner Liste ist alles abgehakt.«
»Gut«, sagte Isobel. »Dann kannst du heute Abend ja mal abschalten.«
»Vielleicht sollte ich mich bloß noch mal schnell mit Harrys Assistenten kurzschließen.«
»Nichts da«, sagte Isobel bestimmt. »Das hast du doch schon tausendmal. Jetzt trink einfach in aller Ruhe deinen Tee und entspann dich.«
Olivia goss den Tee ein, trank einen Schluck und seufzte.
»Herrje!« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Ich muss schon sagen, es gab Zeiten, da habe ich nicht gedacht, dass wir für diese Hochzeit noch alles rechtzeitig auf die Reihe bekommen würden.«
»Tja, nun ist es aber so«, erwiderte Isobel. »Also solltest du diesen Abend mit etwas Angenehmem verbringen. Nicht mit Gesangsblättern. Nicht mit Schuhbesätzen. Mit etwas Lustigem!« Sie sah Olivia streng an, und als das Telefon klingelte, fingen sie beide zu kichern an.
»Ich geh schon«, meinte Olivia.
»Wenn es Milly ist«, sagte Isobel rasch, »dann lass mich bitte ran.«
»Hallo?«, sagte Olivia. Sie verzog vor Isobel das Gesicht. »Guten Tag, Pfarrer Lytton! Wie geht es Ihnen? Ja … Ja … Nein!«
Unvermittelt veränderte sich ihre Stimme, und Isobel sah auf.
»Nein, tut mir leid. Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Ja, das ist vielleicht gescheiter. Bis dann.«
Olivia legte auf und blickte Isobel verdattert an.
»Das war Pfarrer Lytton.«
»Was wollte er?«
»Er kommt vorbei.« Olivia setzte sich. »Ich versteh das nicht.«
»Wieso?«, wollte Isobel wissen. »Stimmt etwas nicht?«
»Tja, ich weiß nicht! Er sagte, er hätte da eine Information erhalten und will mit uns darüber sprechen.«
»Eine Information.« Isobels Herz schlug schneller. »Was für eine Information?«
»Keine Ahnung.« Olivia schaute Isobel verwirrt an. »Es hat etwas mit Milly zu tun. Mehr wollte er nicht herausrücken.«
9. Kapitel
Rupert und Francesca saßen schweigend in ihrem Wohnzimmer und sahen einander an. Auf Toms Vorschlag hatten beide in ihren Büros angerufen und sich für den restlichen Nachmittag frei genommen. Keiner von beiden hatte auf der Taxifahrt zurück nach Fulham ein Wort gesagt. Francesca hatte Rupert gelegentlich einen verletzten, verwunderten Blick zugeworfen; er hatte dagesessen, auf seine Hände gestarrt und überlegt, was er sagen würde. Überlegt, ob er sich eine Geschichte zurechtlegen oder ob er ihr die Wahrheit über sich sagen sollte.
Wie würde sie reagieren, wenn er es tat? Wäre sie wütend? Verzweifelt? Abgestoßen? Vielleicht würde sie sagen, sie hätte schon immer gewusst, dass an ihm etwas anders sei. Vielleicht würde sie versuchen, ihn zu verstehen. Aber wie konnte sie verstehen, was er selbst nicht verstand?
»Gut«, sagte Francesca. »Hier sitzen wir nun also.« Sie sah ihn erwartungsvoll an, und Rupert wandte sich ab. Draußen sangen Vögel, Automotoren wurden angelassen, Kleinkinder schrien, die ihre Kindermädchen in den Wagen drückten. Nachmittägliche Geräusche, an die er nicht gewohnt war. Er fühlte sich unsicher, wie er so im winterlichen Tageslicht dasaß, unsicher angesichts des angespannten, besorgten Blicks seiner Frau.
»Ich finde«, sagte Francesca unvermittelt, »wir sollten beten.«
»Was?« Rupert sah erstaunt auf.
»Ehe wir reden.« Francesca blickte ihn ernst an. »Ein gemeinsames Gebet könnte uns vielleicht helfen.«
»Ich glaube nicht, dass es mir helfen würde«, wandte Rupert ein. Sein Blick wanderte zum Barschrank und wieder weg.
»Rupert, was ist los?«, rief Francesca. »Warum bist du so merkwürdig? Bist du in Milly verliebt?«
»Nein!«, erwiderte Rupert mit Nachdruck.
»Nein?« Francesca machte große Augen. »Du warst nie mit ihr zusammen?«
»Nein.« Wäre er nicht so nervös gewesen, dann hätte er gelacht. »Ich war nie mit ihr zusammen. Nicht in diesem Sinne.«
»Nicht in diesem Sinne«, wiederholte Francesca. »Was soll das heißen?«
»Francesca, du bist völlig auf dem Holzweg.« Er versuchte ein Lächeln. »Schau, können wir das alles nicht einfach vergessen? Milly ist eine alte Bekannte. Schluss, aus.«
»Ich wünschte, ich könnte dir glauben«, meinte Francesca. »Aber es ist doch offensichtlich, dass da etwas läuft.«