»Liebes, du siehst fantastisch aus«, sagte James. »Simon Pinnacle kann sich sehr glücklich schätzen.«
»Ich kann gar nicht fassen, dass es wirklich passiert!«, sagte Olivia und drückte sich ein kleines Taschentuch an die Augen. »Die kleine Milly. Heiratet!«
»Wie fahren Sie denn alle zur Kirche?«, erkundigte sich Alexander und schoss noch ein Abschlussfoto. »Ich möchte mein Stativ mitnehmen.«
»Milly?« James sah sie an. »Es ist deine Show.«
»Ich weiß nicht.« Auf Millys Gesicht erschien ein beunruhigter Ausdruck. Sie stieg ein paar Stufen hinab, und ihre Schleppe rutschte hinter ihr her. »Darüber hab ich gar nicht nachgedacht.«
»Laufen wir doch!«, schlug Isobel grinsend vor.
»Halt den Mund, Isobel«, erwiderte Milly. »O Gott. Was sollen wir tun?«
»Wenn wir beide Autos nehmen«, sagte James mit Blick auf Olivia, »dann könntest du Alexander und Isobel fahren, und Milly könnte bei mir mit…«
Ein Klingeln an der Haustür unterbrach ihn, und alle sahen hoch.
»Wer in aller Welt …«, meinte James. Er blickte in die Runde, dann ging er zur Tür. Auf der Schwelle stand ein Mann mit einer Kappe unter dem Arm. Er verbeugte sich steif.
»Die Hochzeitswagen für Havill«, verkündete er.
»Was?« James lugte an ihm vorbei auf die Straße. »Aber die wurden doch abbestellt!«
»Wurden sie nicht.« James wandte sich um.
»Olivia, hast du die Hochzeitswagen nicht abbestellt?«
»Aber natürlich habe ich das«, erwiderte Olivia knapp.
»Gemäß meiner Information nicht«, entgegnete der Mann.
»Nicht gemäß Ihrer Information«, echote Olivia und schüttelte den Kopf. »Ist Ihnen noch nie in den Sinn gekommen, dass Ihre Informationen falsch sein könnten? Erst gestern habe ich mit einer jungen Frau von Ihrer Firma gesprochen, und sie hat mir versichert, dass alles abbestellt würde. Ich schlage also vor, Sie gehen in Ihr Auto zurück und sprechen mit demjenigen, der das Telefon bedient, und ganz gewiss wird sich herausstellen …«
»Mummy!«, unterbrach Milly sie in gequältem Ton. »Mummy!« Sie verzog vor Olivia bedeutungsvoll das Gesicht, der plötzlich aufging, was sie meinte.
»Wie auch immer«, meinte Olivia und straffte sich. »Aufgrund sehr günstiger Umstände hat sich die Situation erneut geändert.«
»Sie wollen die Wagen also doch.«
»Ja«, erwiderte Olivia entschlossen.
»Sehr wohl, Madam.« Der Mann verschwand die Treppe hinunter. Als er unten ankam, hörte man ihn leise die Worte »nicht alle Tassen im Schrank« murmeln.
»Gut«, meinte James. »Dann fahrt ihr mal los … und ich und Milly folgen hinterdrein. So sieht das Protokoll es doch vor, oder?«
»Bis gleich«, sagte Isobel mit einem Lächeln zu Milly. »Viel Glück!«
Als sie die Treppen zu den wartenden Autos hinabstiegen, zog Alexander Isobel leicht zurück.
»Wissen Sie, von Ihnen würde ich irgendwann mal wirklich gerne ein paar Fotos machen«, sagte er. »Sie haben fantastische Wangenknochen.«
»Ach wirklich?« Isobel zog die Augenbrauen hoch. »Sagen Sie das nicht allen Mädchen?«
»Nein. Nur zu den ganz umwerfenden.« Er sah sie an. »Im Ernst.«
Isobel starrte ihn an.
»Alexander …«
»Ich weiß ja nicht, ob das gegen die Verfahrensordnung verstößt.« Er hievte sich das Stativ auf die Schulter. »Aber wenn diese ganze Hochzeitsgeschichte vorbei ist … könnten wir dann nicht mal was zusammen trinken gehen?«
»Sie haben Nerven!«
»Ich weiß. Möchten Sie?«
Isobel musste lachen.
»Ich fühle mich sehr geschmeichelt«, sagte sie. »Und schwanger bin ich übrigens auch.«
»Oh.« Er zuckte mit den Achseln. »Na ja, das macht nichts.«
»Und …«, setzte sie hinzu, und eine leichte Röte erschien auf ihren Wangen, »… ich heirate demnächst.«
»Was?« Olivia, die ein ganzes Stück vor ihnen ging, wirbelte herum. Sie strahlte. »Isobel! Wirklich?«
Isobel verdrehte vor Alexander die Augen.
»Ist bloß so eine Idee«, sagte sie mit lauterer Stimme. »Sicher ist es noch nicht.«
»Aber wen, Schatz? Kenne ich ihn? Seinen Namen?«
Isobel sah Olivia an. Sie öffnete den Mund, um zu sprechen, schloss ihn wieder, sah fort und trat von einem Bein aufs andere.
»Ich stelle ihn dir später vor, ja?«, sagte sie schließlich. »Wenn die Hochzeit vorbei ist. Lass uns die nur erst mal hinter uns bringen. In Ordnung?«
»Wie immer du meinst, Schatz«, meinte Olivia. »Oh, ich bin ja so gespannt!«
»Na!« Isobel lächelte schwach. »Dann ist es ja gut.«
Um zehn vor elf kamen Harry und Simon bei der Kirche an. Sie drückten die Tür auf und sahen sich schweigend in dem riesigen, leeren, geschmückten Raum um. Simon warf seinem Vater einen Blick zu, dann ging er ein paar Schritte den breiten Gang entlang. Seine Schuhe hallten auf den Steinen wider.
»Aha!« Pfarrer Lytton erschien durch eine Seitentür. »Der Bräutigam und sein Trauzeuge! Willkommen!« Er eilte den Gang entlang auf sie zu, an den Reihen glänzender Kirchenbänke aus Mahagoni vorbei, jede davon mit Blumen geschmückt.
»Wo sollen wir uns hinsetzen?« Harry blickte sich um. »Alle guten Plätze sind schon vergeben!«
»Guter Witz!« Der Pfarrer strahlte sie an. »Die Plätze für den Bräutigam und seinen Trauzeugen sind vorn rechts.«
»Es war wirklich äußerst liebenswürdig von Ihnen«, sagte Simon, während sie ihm nach vorn folgten, »den Gottesdienst so kurzfristig wieder anzuberaumen. Noch dazu, wo wir nur so wenige sind. Wir sind Ihnen sehr verbunden.«
»Nun, darauf kommt es doch nicht an«, erwiderte Lytton. »Wie sagt der Herr: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Er hielt inne. »Natürlich kann die Kollekte dadurch unter Umständen etwas dürftig ausfallen …« Er verstummte vielsagend, und Harry räusperte sich.
»Natürlich werde ich für das Defizit aufkommen«, sagte er, »wenn Sie mir eine ungefähre Summe nennen könnten.«
»Überaus freundlich!«, murmelte der Geistliche. »Ah, hier kommt Mrs. Blenkins, unsere Organistin. Sie haben großes Glück, dass sie heute Vormittag verfügbar war!«
Eine ältliche Dame marschierte den Gang entlang auf sie zu.
»Ich hab überhaupt nichts eingeübt«, erklärte sie, sobald sie die Männer erreichte. »Dafür blieb keine Zeit, verstehen Sie.«
»Natürlich nicht«, sagte Simon schnell. »Wir verstehen völlig …«
»Wären Sie mit ›Here Comes the Bride‹ zufrieden?«
»Selbstverständlich.« Simon warf Harry einen Blick zu. »Was immer. Vielen herzlichen Dank. Wir sind äußerst dankbar.« Die Frau nickte und marschierte davon, und Pfarrer Lytton verschwand mit raschelndem Gewand.
Simon setzte sich auf die vorderste Kirchenbank und streckte seine Beine aus.
»Ich habe fürchterliche Angst.«
»Ich auch«, gestand Harry und erschauerte leicht. »Dieser Pfarrer verursacht mir das kalte Grausen.«
»Werde ich ein guter Ehemann sein?« Simon warf den Kopf zurück. »Werde ich Milly glücklich machen?«
»Das tust du doch schon«, erwiderte Harry. »Verändere bloß nichts. Glaub nicht, du musst dich anders verhalten, weil du verheiratet bist.« Ihre Blicke trafen sich. »Du liebst sie. Das reicht völlig.«
Im rückwärtigen Teil der Kirche war etwas zu hören, und Olivia erschien, eine Vision in leuchtendem Pink. Mit leicht klickenden Stöckelschuhen kam sie den Gang entlang nach vorn.
»Gleich kommen sie«, flüsterte sie.
»Komm, setz dich neben mich.« Harry klopfte auf die Kirchenbank. Einen Augenblick schwankte sie.
»Nein«, sagte sie bedauernd. »Das würde sich nicht gehören. Ich muss auf der anderen Seite sitzen.« Sie reckte leicht das Kinn. »Schließlich bin ich die Brautmutter.«
Sie nahm Platz, und für ein paar Minuten trat Stille ein. Aus dem Nichts begann leise Orgelmusik. Simon streckte seine Finger und besah sie sich eingehend. Harry blickte auf seine Uhr. Olivia holte eine Puderdose hervor und überprüfte ihr Erscheinungsbild.