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Mike war noch immer nicht beruhigt, aber er wandte sich trotzdem zur Tür und gab den anderen einen Wink, ihm zu folgen. Astaroth hatte recht. Wenn es jemand an Bord des Schiffes gab, der dazu in der Lage war, über Serena zu wachen, dann er. Schließlich erfüllte er diese Aufgabe seit gut und gerne zehntausend Jahren. Trautman hörte in Ruhe an, was Mike zu berichten hatte, aber er gab keinen Kommentar dazu ab. Sein Gesichtsausdruck wurde immer besorgter, und das tiefe Seufzen, mit dem er sich wieder in seinen Stuhl zurücksinken ließ, sprach für sich. Mike vermutete wohl nicht zu Unrecht, daß ihn das Gehörte weit mehr erschreckte, als er eigentlich zugeben wollte.

»Hier sieht es leider auch nicht sehr viel besser aus«, sagte Trautman schließlich. Er wies auf das Fenster. »Wie ihr seht, sind wir noch immer in der Gewalt des Ungeheuers.«

»Dann... dann sind wir verloren«, murmelte Chris. »Es wird uns zerquetschen, oder wir werden ersticken, wenn unser Sauerstoff aufgebraucht ist.«

»So schnell geht es nun auch wieder nicht«, antwortete Trautman. »Nicht einmal ein Wesen dieser Größe kann die NAUTILUS so einfach zerquetschen. Und unsere Luft reicht noch eine ganze Weile. Vielleicht wird es bald ein bißchen ungemütlich hier drinnen, aber ersticken werden wir so schnell nicht, keine Angst.«

»Irgendwann wird dieses Ding schon kapieren, daß die NAUTILUS unverdaulich ist«, fügte André hinzu, wie Trautman ganz offensichtlich darum bemüht, Chris zu beruhigen - und genauso offensichtlich wie er nicht überzeugt von dem, was er sagte. »Spätestens dann wird es uns wieder loslassen.«

»Falls wir dann noch am Leben sind«, fügte Ben hinzu. »Und falls es bis dahin nicht so tief getaucht ist, daß uns der Wasserdruck einfach zerdrückt.«

Trautman verdrehte die Augen, und Mike warf Ben einen mordlüsternen Blick zu. Er hatte einmal gehört, daß Diplomatie eine Erfindung der Engländer war. Wenn das stimmte, dann stellte Ben wohl die berühmte Ausnahme dar, die die Regel bestimmte.

»Geht jetzt in eure Kabinen«, sagte Trautman befehlend, offenbar um einem eventuell ausbrechenden Streit vorzubeugen. »Ich sage auch sofort Bescheid, wenn es etwas Neues gibt.«

Chris gehorchte sofort, während Ben Trautman stirnrunzelnd ansah, sich aber dann achselzuckend abwandte und ebenfalls zur Tür ging. Auch Mike war verblüfft. Eigentlich war es nicht Trautmans Art, sie wie kleine Kinder ins Bett zu schicken, wenn es ihm beliebte. Im Gegenteiclass="underline" Seit dem ersten Tag, an dem sie zusammen waren, hatte Trautman sie stets wie Gleichberechtigte behandelt. Sie hatten alle Probleme gemeinsam besprochen und gelöst. Niemals hatte er den Erwachsenen herausgekehrt. Das war auch einer der Gründe, aus denen der alte Mann den Jungen so ans Herz gewachsen war. Um so mehr überraschte Mike jetzt Trautmans Verhalten.

Aber Trautman wiederholte seine auffordernde Geste, und schließlich trollte sich auch Juan und der Franzose. Als Mike sich jedoch ebenfalls umdrehen und gehen wollte, hielt Trautman ihn mit einem Wink zurück. Gleichzeitig deutete er ihm, still zu sein. Mike warf einen Blick zur offenen Tür, durch die Juan und André gerade verschwunden waren. Ganz offensichtlich wollte Trautman nicht, daß die anderen merkten, daß er noch etwas mit ihm zu besprechen hatte, und auch das war ungewöhnlich. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander.

»Was... gibt es denn noch?« fragte er zögernd. Trautman ging an ihm vorbei und schloß die Tür, ehe er antwortete. »Entschuldige die Geheimnistuerei«, sagte er, »aber ich wollte die anderen nicht unnötig beunruhigen.«

Mike sagte nichts, aber er schluckte. Zumindest ihn hatte Trautman mit diesen Worten noch mehr beunruhigt.

»Serena hat wirklich nur das gesagt?« vergewisserte sich Trautman. »Die Alten?«

»Soviel ich weiß, ja«, antwortete Mike. »Astaroth hat mich noch nie belogen. Warum?«

Trautman antwortete nicht darauf, aber er tauschte einen Blick mit Singh, der als einziger zurückgeblieben war.

»Sie wissen, was dieses Wort bedeutet«, vermutete Mike.

»Dein Vater hat es ein paarmal erwähnt«, sagte Trautman. »Er hat mir nie gesagt, wer diese Alten sind. Aber jedesmal, wenn er dieses Wort aussprach, war er sehr ernst. So, als spräche er über etwas, was ihm furchtbare Angst macht.«

Mike spürte ein eisiges Frösteln. Astaroths Worte fielen ihm wieder ein: Ihre Träume machen mir angst.

Trautman ging zu dem großen Tisch in der Mitte des Salons, zog eine Schublade auf und nahm eine zusammengerollte Karte heraus, die er auf dem Tisch ausbreitete. Als Mike neben ihn trat, erkannte er, daß es sich um eine Karte des Atlantik handelte.

»Wir sind ungefähr hier«, sagte Trautman und deutete auf einen Punkt irgendwo zwischen der Halbinsel Florida und den Bermuda-Inseln. »Ich nehme nicht an, daß dir das etwas sagt?«

Mike verneinte. »Sollte es das?«

»Nur, wenn du dich für Seefahrt interessierst«, sagte Trautman. »Dieses Gebiet ist bei allen Seefahrern bekannt - und gefürchtet. Seit es Menschen gibt, die zur See fahren, verschwinden hier immer wieder Schiffe.«

»Verschwinden? Sie meinen: sinken?«

»Die meisten sicher«, antwortete Trautman. »Aber einige verschwinden auch einfach. Wenn ein Schiff sinkt, findet man fast immer irgend etwas: Überlebende, ein leeres Rettungsboot, Wrackteile, Trümmer... Aber hier nicht. In diesem Seegebiet verschwinden immer wieder Schiffe einfach spurlos, und niemand hat eine Erklärung dafür.«

»Bis jetzt«, murmelte Mike. »Sie meinen, es... es ist die Riesenqualle?«

»Die Vermutung liegt zumindest auf der Hand«, sagte Trautman.

»Und was hat das mit den Alten zu tun?« fragte Mike. »Das weiß ich nicht«, antwortete Trautman.

»Aber dieses Schiff stammt aus Atlantis. Dein Vater wußte das. Er wußte viel über das untergegangene Volk der Atlanter, wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Und jetzt haben wir eine echte Atlanterin an Bord. Auch sie hat von den Alten gesprochen, im gleichen Moment, in dem wir von diesem ... Ding angegriffen worden sind. Das kann kein Zufall mehr sein.«

»Und jetzt möchten Sie, daß ich sie wecke und sie frage, wer die Alten sind«, vermutete Mike.

Trautman nickte ernst. »Es ist vielleicht unsere einzige Chance.«

»Sie wissen, was passiert ist, als wir sie das letzte Mal geweckt haben«, sagte Mike.

»Das war etwas anderes«, behauptete Trautman. »Erstens haben wir sie nicht geweckt, und zweitens wurde sie angegriffen und glaubte sich verteidigen zu müssen. Außerdem - schlimmer kann es kaum noch kommen.«

»Wieso?« fragte Mike.

Trautman zögerte kurz. »Ich habe nicht ganz die Wahrheit gesagt«, gestand er schließlich. »Unsere Lage ist weitaus schlimmer, als die anderen ahnen.«

»Und wieso?« fragte Mike. Sein Herz begann heftiger zu klopfen.

»Der Sauerstoff«, sagte Trautman. »Unsere Luftvorräte reichen noch für eine Stunde. Danach werden wir langsam ersticken.«

Nein! sagte Astaroth energisch. Kommt überhaupt nicht in Frage!

»Astaroth, bitte, sei nicht stur!« flehte Mike.

Wieso? fragte Astaroth. Natürlich hatte er die Antwort längst in Mikes Gedanken gelesen, aber es machte ihm offensichtlich Spaß, Mike jedes Wort laut aussprechen zu lassen.

»Es ist wichtig! Wir werden alle sterben, wenn wir hier nicht herauskommen!« Er mußte sich mühsam beherrschen, um den Kater nicht anzuschreien. »Das weißt du ganz genau!«

So schnell stirbt es sich nicht, antwortete der Kater. Außerdem: Schrei mich nicht an, ja? »Ich schreie nicht!« antwortete Mike.

Aber du wolltest es.

Mike mußte den Impuls unterdrücken, den Kater zu packen und so lange zu schütteln, bis er Vernunft annahm. Astaroth, der dieses Bild natürlich in seinen Gedanken sah, wich ein Stück vor ihm zurück und fauchte drohend.