«Niemand hat mich geschickt, M'lord, abgesehen vom alten Mormont. Ich bin hier, um neue Männer für die Mauer aufzutreiben, und wenn Robert das nächste Mal Hof hält, will ich auf die Knie fallen, unsere Not herausschreien und sehen, ob der König und seine Hand vielleicht noch etwas Abschaum in den Verliesen haben, den sie am liebsten loswerden wollen. Allerdings könnte man sagen, daß wir hier wegen Benjen Stark reden. Sein Blut war schwarz. Dadurch wurde er mein Bruder, ebenso wie Eurer. Um seinetwillen bin ich gekommen. Bin hart geritten, habe fast mein Pferd gemordet, so habe ich es angetrieben, aber die anderen habe ich hinter mir gelassen.«
«Die anderen?«
Yoren spuckte aus.»Söldner und freie Ritter und ähnlicher Abschaum. Und nicht alle haben sich nach King's Landing aufgemacht. Einige sind nach Casterly Rock galoppiert, und das liegt näher. Lord Tywin dürfte die Nachricht inzwischen erhalten haben, darauf könnt Ihr bauen.«
Vater legte seine Stirn in Falten.»Welche Nachricht wäre das?«
Yoren warf Arya einen Blick zu.»Wir sollten lieber unter vier Augen sprechen, wenn Ihr mir den Vorschlag verzeihen wollt.«
«Wie Ihr meint. Desmond, geleite meine Tochter in ihre Gemächer. «Er küßte sie auf die Stirn.»Wir sprechen morgen früh weiter.«
Arya stand wie angewurzelt da.»Jon ist doch nichts Schlimmes geschehen, oder?«fragte sie Yoren.»Oder Onkel Benjen?«
«Nun, was Stark angeht, kann ich es nicht sagen. Dem jungen Snow ging es recht gut, als ich die Mauer hinter mir gelassen habe. Die sind es nicht, um die ich mich sorge.«
Desmond nahm ihre Hand.»Kommt mit, Mylady. Ihr habt Euren Hohen Vater gehört.«
Arya blieb nur, mit ihm zu gehen, und wünschte, es wäre Fat Tom gewesen. Mit Tom hätte sie vielleicht mit irgendeiner Ausrede noch an der Tür bleiben und hören können, was Yoren sagte, doch Desmond war zu unbeirrbar, als daß man ihn hereinlegen konnte.»Wie viele Gardisten hat mein Vater?«fragte sie, als sie zu ihrer Schlafkammer hinunterstiegen.»Hier in King's Landing? Fünfzig.«
«Ihr würdet nicht zulassen, daß jemand ihn ermordet, oder?«fragte sie.
Desmond lachte.»Darum braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen, kleine Lady. Lord Eddard wird bei Tag und Nacht bewacht. Ihm wird nichts geschehen.«
«Die Lannisters haben mehr als fünfzig Mann«, hielt Arya dagegen.
«Das mag schon sein, aber jeder Nordmann ist zehn dieser südländischen Streiter wert, also könnt Ihr ruhig schlafen.«
«Was wäre, wenn ein Zauberer geschickt würde, der ihn töten soll?«
«Nun, was das angeht«, erwiderte Desmond und zog sein Langschwert,»so sterben Zauberer wie alle anderen Menschen auch, wenn man ihnen erst den Kopf abschlägt.«
Eddard
«Robert, ich bitte dich«, flehte Ned,»hör dich selbst reden. Du sprichst davon, ein Kind zu morden.«
«Die Hure ist schwanger!«Laut wie ein Donnerschlag landete die Faust des Königs auf dem Ratstisch.»Ich habe dich gewarnt, daß etwas in der Art passieren würde, aber du wolltest es nicht hören. Nun, dann hörst du es jetzt. Ich will sie tot sehen, Mutter und Kind, und diesen Dummkopf Viserys dazu. Ist das klar genug für dich? Ich will ihren Tod.«
Die anderen Ratsherren taten allesamt, als wären sie nicht anwesend. Zweifelsohne waren sie klüger als er. Selten zuvor hatte sich Eddard Stark derart allein gefühlt.»Du wirst dich selbst für alle Zeiten entehren, wenn du das tust.«
«Dann laß es mich auf meine Kappe nehmen, solange es geschieht. Ich bin nicht so blind, daß ich den Schatten der Axt nicht sehe, wenn er über meinem Nacken schwebt.«
«Da ist keine Axt«, erklärte Ned dem König.»Nur der Schatten eines Schattens, um zwanzig Jahre verspätet… falls er überhaupt existiert.«
«Falls?«fragte Varys leise und rang seine gepuderten Hände.»Mylord, Ihr tut mir Unrecht. Würde ich dem König und dem Rat Lügen unterbreiten?«
Kalt sah Ned den Eunuchen an.»Ihr würdet uns das Geflüster eines Verräters bringen, der eine halbe Welt entfernt ist, Mylord. Vielleicht irrt Mormont. Vielleicht lügt er.«
«Ser Jorah würde es nicht wagen, mich zu hintergehen«, sagte Varys mit verschlagenem Lächeln.»Verlaßt Euch auf mich, Mylord. Die Prinzessin erwartet ein Kind.«
«Das behauptet Ihr. Wenn Ihr Euch irrt, haben wir nichts zu befürchten. Wenn das Mädchen eine Fehlgeburt hat, haben wir nichts zu befürchten. Wenn das Mädchen an Stelle eines Sohnes eine Tochter bekommt, haben wir nichts zu befürchten. Wenn das Kind früh stirbt, haben wir nichts zu befürchten.«
«Aber wenn es ein Junge wird?«beharrte Robert.»Wenn er überlebt?«
«Dann läge noch immer die Meerenge zwischen uns. Ich fürchte die Dothraki von dem Tag an, an dem sie ihren Pferden beibringen, übers Wasser zu wandeln.«
Der König nahm einen Schluck Wein und sah Ned über den Ratstisch hinweg finster an.»Also würdest du mir raten, nichts zu tun, bis diese Drachenbrut ihre Armee an meinen Ufern angelandet hat, habe ich das richtig verstanden?«
«Diese >Drachenbrut< ist noch im Bauch der Mutter. Selbst Aegon hat seine Eroberungen erst begonnen, nachdem er entwöhnt war.«
«Bei allen Göttern! Du bist stur wie ein Auerochse, Stark. «Der König sah sich am Ratstisch um.»Habt Ihr anderen Eure Zungen verlegt? Will denn niemand diesem eisgesichtigen Narren Weisheit beibringen?«
Varys widmete dem König ein salbungsvolles Lächeln und legte eine weiche Hand auf Neds Ärmel.»Ich verstehe Eure Skrupel, Lord Eddard, ich verstehe sie sehr gut. Es hat mir keine Freude bereitet, dem Rat diese traurige Nachricht zu bringen. Es ist eine schreckliche Sache, die wir da ins Auge fassen, eine abscheuliche Sache. Doch wir, die wir uns zu herrschen erdreisten, müssen abscheuliche Dinge für das Wohl des Reiches tun, so schmerzlich sie auch sein mögen.«
Lord Renly zuckte mit den Achseln.»Die Sache scheint mir doch ganz einfach zu sein. Wir hätten Viserys und seine Schwester schon vor Jahren töten sollen, nur hat Seine Majestät, mein Bruder, den Fehler begangen, auf Jon Arryn zu hören.«
«Gnade ist nie ein Fehler, Lord Renly«, erwiderte Ned.»Am
Trident hat Ser Barristan ein Dutzend guter Männer niedergemacht, Roberts Freunde und meine. Als man ihn zu uns brachte, schwer verwundet und dem Tode nah, drängte Roose Bolton uns, ihm die Kehle durchzuschneiden, doch Euer Bruder sagte: >Ich werde keinen Mann für seine Treue töten, und auch nicht, weil er gut gekämpft hat<, und ließ seinen eigenen Maester rufen, damit er Ser Barristans Wunden pflegte. «Er bedachte den König mit einem langen, kühlen Blick.»Sonst wäre der Mann heute nicht hier.«
Robert besaß genügend Schamgefühl, um zu erröten.»Das war nicht dasselbe«, beschwerte sich Robert.»Ser Barristan war ein Ritter der Königsgarde.«
«Wohingegen Daenerys ein vierzehnjähriges Mädchen ist. «Ned wußte, daß er diese Sache weiter trieb, als es klug sein mochte, doch konnte er nicht schweigen.»Robert, ich frage dich: Wozu haben wir uns gegen Aerys Targaryen erhoben, wenn nicht, um dem Kindermorden ein Ende zu bereiten?«
«Um den Targaryens ein Ende zu bereiten!«knurrte der König.
«Majestät, ich habe nie erlebt, daß du Rhaegar gefürchtet hättest. «Ned gab sich alle Mühe, nicht verächtlich zu klingen, und scheiterte damit.»Haben die Jahre dich so geschwächt, daß du den Schatten eines ungeborenen Kindes fürchtest?«
Robert wurde puterrot.»Es reicht, Ned«, warnte er und deutete auf ihn.»Kein Wort mehr. Hast du vergessen, wer hier der König ist?«
«Nein, Majestät«, erwiderte Ned.»Und du?«
«Genug!«bellte der König.»Ich will kein Gerede mehr hören. Ich will es hinter mich bringen oder verdammt sein. Was sagt Ihr?«