«Sie muß sterben«, erklärte Lord Renly.
«Wir haben keine Wahl«, murmelte Varys.»Traurig,
traurig… «
Ser Barristan Selmy blickte mit seinen blaßblauen Augen vom Tisch auf.»Majestät, es ist ehrenwert, sich einem Feind auf dem Schlachtfeld zu stellen, doch nicht, ihn im Mutterbauch zu töten. Verzeiht mir, aber ich muß mich auf Lord Eddards Seite stellen.«
Grand Maester Pycelle räusperte sich, ein Vorgang, der einige Augenblicke in Anspruch nahm.»Mein Orden dient dem Reich, nicht dem Herrscher. Einst habe ich König Aerys so treu beraten, wie ich heute König Robert berate, daher trage ich dieser seiner Tochter nichts nach. Doch will ich Euch eines fragen… sollte es wieder zum Krieg kommen, wie viele Soldaten werden sterben? Wie viele Städte werden brennen? Wie viele Kinder werden ihren Müttern entrissen, um an einem Spieß zu enden?«Er strich über seinen üppigen, weißen Bart, unendlich traurig, unendlich müde.»Ist es nicht weiser, sogar gütiger, wenn Daenerys Targaryen jetzt stirbt, damit Zehntausende leben können?«
«Gütiger«, sagte Varys.»Ach, wie gut und wahr gesprochen, Grand Maester. Es ist so wahr. Sollten die Götter in ihrer Launenhaftigkeit Daenerys Targaryen einen Sohn schenken, muß das Reich bluten.«
Littlefinger war der letzte. Als Ned ihn ansah, unterdrückte Lord Petyr ein Gähnen.»Wenn man sich mit einer häßlichen Frau im Bett wiederfindet, schließt man am besten die Augen und bringt es hinter sich«, erklärte er.»Abzuwarten macht die Maid nicht hübscher. Küßt sie und bringt es hinter Euch.«
«Küßt sie?«wiederholte Ser Barristan entgeistert.
«Mit stählernem Kuß«, erklärte Littlefinger.
Robert wandte sich seiner Rechten Hand zu.»Nun, da haben wir es, Ned. Du und Selmy, ihr steht in dieser Sache allein. Dann bleibt nur die Frage, wen wir dafür finden, sie zu töten.«
«Mormont ist sehnlichst an einer königlichen Begnadigung
gelegen«, rief Lord Renly ihnen in Erinnerung.
«Verzweifelt«, sagte Varys,»doch ist ihm noch mehr an seinem Leben gelegen. Inzwischen nähert sich die Prinzessin Vaes Dothrak, wo es den Tod bedeutet, eine Klinge zu ziehen. Wenn ich Euch erzählte, was die Dothraki mit dem armen Mann anstellen, der eine Waffe gegen die khaleesi richtet, würde keiner von Euch heute nacht schlafen. «Er strich sich über die gepuderte Wange.»Also, Gift… sagen wir, die Tränen von Lys. Khal Drogo würde nie erfahren, daß es kein natürlicher Tod wäre.«
Grand Maester Pycelles Augen blitzten auf. Mißtrauisch blinzelte er den Eunuchen an.
«Gift ist die Waffe eines Feiglings«, beklagte sich der König. Ned hatte genug gehört.»Ihr schickt gedungene Mörder, ein vierzehnjähriges Mädchen zu ermorden, und streitet noch immer um Ehre?«Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf.»Tu es selbst, Robert. Der Mann, der das Urteil spricht, sollte auch das Schwert führen. Sieh ihr in die Augen, bevor du sie tötest. Sieh ihre Tränen, hör ihre letzten Worte. Das zumindest bist du ihr schuldig.«
«Gütige Götter«, fluchte der König, und das Wort explodierte aus ihm hervor, als konnte er seinen Zorn kaum bändigen.»Du meinst es wirklich ernst, verdammt. «Er griff nach dem Weinkrug an seinem Ellbogen, fand ihn leer und schleuderte ihn von sich, daß er an der Wand zerschellte.»Ich habe keinen Wein mehr und auch keine Geduld. Genug davon. Sorg dafür, daß es geschieht.«
«Ich werde mich nicht an einem Mord beteiligen, Robert. Mach, was du willst, nur bitte mich nicht, mein Siegel darunter zu setzen.«
Einen Moment lang schien Robert nicht zu verstehen, was Ned sagte. Mißachtung war keine Speise, die er oft kostete. Langsam wandelte sich sein Gesicht, als er begriff. Seine
Augen wurden schmal, und sein Hals rötete sich über den samtenen Kragen hinaus. Wütend zeigte er mit dem Finger auf Ned.»Ihr seid die Rechte Hand des Königs, Lord Stark. Ihr werdet tun, was ich Euch befehle, oder ich suche mir eine Hand, die es tut«, sagte er so förmlich, wie er seit ihrem Wiedersehen nicht mehr mit ihm gesprochen hatte.
«Ich wünsche Dir allen Erfolg. «Ned löste die schwere Spange, die seinen Umhang zusammenhielt, die verzierte Silberhand, die seine Amtsbrosche darstellte. Er legte sie vor dem König auf den Tisch, traurig über die Erinnerung an den Mann, der sie ihm angesteckt hatte, den Freund, den er geliebt hatte.»Ich hatte dich für einen besseren Mann gehalten, Robert. Ich dachte, wir hätten einen edleren König.«
Roberts Gesicht war dunkelrot.»Hinaus«, krächzte er, erstickte fast an seinem Zorn.»Hinaus, verdammt, ich bin fertig mit dir. Worauf wartest du. Geh, lauf zurück nach Winterfell. Und sorg dafür, daß ich dich nie wieder zu Gesicht bekomme, oder ich schwöre, ich lasse deinen Kopf auf einen Spieß stecken!«
Ned verneigte sich und machte wortlos auf dem Absatz kehrt. Er spürte Roberts Blick in seinem Rücken. Als er die Ratskammer verließ, wurde das Gespräch fast ohne Pause fortgeführt.»Auf Braavos gibt es eine Gesellschaft, die sich die Männer ohne Gesicht nennt«, erklärte Grand Maester Pycelle.
«Habt Ihr eine Ahnung davon, wie kostspielig die sind?«klagte Littlefinger.»Für die Hälfte des Preises könnte man eine ganze Armee gewöhnlicher Söldner mieten, und das gilt für einen Kaufmann. Ich wage nicht, mir vorzustellen, was sie für eine Prinzessin fordern.«
Als die Tür hinter ihm geschlossen wurde, wurden die Stimmen abgeschnitten. Ser Boros Blount stand im langen, weißen Umhang und der Rüstung der Königsgarde draußen vor der Kammer. Er warf Ned einen kurzen, neugierigen Blick aus
dem Augenwinkel zu, doch stellte er keine Fragen.
Der Tag fühlte sich schwül und drückend an, als er über den Burghof zum Turm der Hand ging. Er spürte den drohenden Regen in der Luft. Der wäre Ned nur recht gewesen. Vielleicht hätte er sich dann weniger unrein gefühlt. Als er in sein Solar kam, rief er Vayon Poole zu sich. Der Haushofmeister kam sofort.»Ihr habt mich rufen lassen, Mylord Hand?«
«Keine Hand mehr«, erklärte Ned.»Der König und ich haben gestritten. Wir kehren nach Winterfell zurück.«
«Ich werde sofort die nötigen Vorbereitungen treffen, Mylord. Wir werden zwei Wochen brauchen, um alles für die Reise bereit zuhaben.«
«Vielleicht bleiben uns keine zwei Wochen. Vielleicht bleibt uns nicht mal ein Tag. Der König erwähnte etwas davon, er wolle meinen Kopf auf einem Spieß sehen. «Ned runzelte die Stirn. Er glaubte nicht wirklich, daß der König ihm etwas antun würde, nicht Robert. Er war jetzt wütend, doch wenn Ned erst aus seinem Blickfeld war, würde sein Zorn abkühlen, wie er es immer tat, Immer? Plötzlich und unangenehmerweise fiel ihm Rhaegar Targaryen ein. Fünfzehn Jahre tot, doch Robert haßt ihn wie eh und je. Das war eine beunruhigende Erkenntnis… und dann war da diese andere Sache, die Angelegenheit mit Catelyn und dem Zwerg, vor der Yoren ihn am Abend zuvor gewarnt hatte. Das «würde bald ans Licht kommen, so sicher wie der Sonnenaufgang, und wenn der König von derart schwarzem Zorn ergriffen! war… Robert mochte sich einen feuchten Kehricht für Tyrion Lannister interessieren, doch würde es ihm an den Stolz gehen, und man konnte nicht sagen, was die Königin tun würde.
«Es könnte das Sicherste sein, wenn ich vorausreite«, erklärte er Poole.»Ich nehme meine Töchter und ein paar Gardisten. Ihr anderen könnt nachkommen, wenn Ihr soweit seid. Informiert Jory, aber sagt es niemandem sonst, und unternehmt nichts, bis ich mit den Mädchen fort bin. Die Burg hat Augen und Ohren, und es wäre mir lieber, wenn mein Plan unbekannt bliebe.«»Wie Ihr befehlt, Mylord.«
Als er gegangen war, trat Eddard Stark ans Fenster und stand brütend da. Robert hatte ihm keine Wahl gelassen. Er hätte ihm danken sollen. Es wäre gut, nach Winterfell heimzukehren. Er hätte es nie verlassen dürfen. Dort warteten seine Söhne. Vielleicht würden Catelyn und er einen neuen Sohn zeugen, wenn sie wiederkäme, noch waren sie nicht zu alt. Und in letzter Zeit hatte er oft vom Schnee geträumt, von der tiefen Stille des Wolfswaldes bei Nacht.