«Und ich übertrage Euch die Aufgabe, dem Gefangenen einen Becher Wein und einen knusprigen Kapaun zu bringen, bevor er Hungers stirbt«, sagte Lannister.»Auch ein Mädchen wäre angenehm, aber ich vermute, das dürfte wohl zuviel von Euch verlangt sein. «Der Söldner Bronn lachte laut auf.
Lord Nestor überhörte das Geplänkel.»Ganz wie Ihr sagt, Mylady, so soll es sein. «Dann erst sah er den Zwerg an.»Führt unseren Herrn von Lannister in eine Turmzelle und bringt ihm Speis und Trank.«
Catelyn verließ ihren Onkel und die ändern, als man Tyrion Lannister fortführte, dann folgte sie dem Bastardmädchen durch die Burg. Zwei Maultiere warteten im oberen Hof, gesattelt und bereit. Mya half ihr auf eines von beiden, während ein Wachmann im himmelblauen Mantel das schmale Seitentor öffnete. Dahinter lagen dichter Wald aus Kiefern und Fichten und der Berg, wie eine schwarze Wand, doch gab es Stufen, tief in den Stein gemeißelt, die in den Himmel hineinführten.»Manchem fällt es leichter, wenn man die Augen schließt«, erklärte Mya, als sie die Maultiere durch das Tor in den dunklen Wald führte.»Wer sich fürchtet und wem schwindlig wird, der hält sein Maultier gelegentlich zu fest. Das mögen sie nicht.«
«Ich bin eine geborene Tully und mit einem Stark verheiratet«, sagte Catelyn.»Ich fürchte mich nicht so leicht. Willst du eine Fackel anzünden?«Die Stufen waren pechschwarz.
Das Mädchen zog ein Gesicht.»Fackeln blenden nur. In einer klaren Nacht wie heute genügen Mond und Sterne. Mychel sagt, ich hätte die Augen einer Eule. «Sie stieg auf und drängte ihr Maultier zur ersten Stufe. Catelyns Tier folgte aus eigenem Antrieb.
«Du hast schon einmal von Mychel gesprochen«, sagte Catelyn. Die Maultiere gaben den Schritt vor, langsam und gleichmäßig. Damit war sie vollkommen zufrieden.
«Mychel ist mein Liebster«, erzählte Mya.»Mychel Redfort. Er ist Knappe bei Ser Lyn Corbray. Wir wollen heiraten, sobald er Ritter wird, im nächsten Jahr oder in dem danach.«
Sie klang so sehr wie Sansa, so glücklich und unschuldig mit ihren Träumen. Catelyn lächelte, doch das Lächeln war von Trauer gefärbt. Die Redforts waren ein großer Name im Grünen Tal, in deren Adern noch das Blut der Ersten Menschen floß. Seine Liebste mochte sie sein, aber kein Redfort würde je ein Bastardmädchen heiraten. Seine Familie würde eine angemessenere Partie für ihn finden, eine Corbray oder eine Waynwood oder eine Royce oder vielleicht die Tochter einer höherstehenderen Familie außerhalb des Tales. Falls Mychel mit diesem Mädchen überhaupt zu Bette ging, dann sicher auf der falschen Seite des Lakens.
Der Aufstieg war leichter, als Catelyn zu hoffen gewagt hatte. Die Bäume standen eng, beugten sich über den Pfad und bildeten ein raschelndes, grünes Dach, das selbst den Mond aussperrte, so daß es schien, als kämen sie durch einen langen, schwarzen Tunnel. Doch die Maulesel gingen sicher und unermüdlich voran, und Mya Stone schien tatsächlich mit Nachtaugen gesegnet. Sie schleppten sich bergan, bahnten sich auf der Felswand einen Weg hinauf, folgten den Stufen, die sich drehten und wendeten. Eine dicke Schicht herabgefallener Nadeln bedeckte den Pfad, so daß die Hufe ihrer Maulesel nur leise auf dem Stein zu hören waren. Die Stille beruhigte sie, und das sanfte Wiegen ließ sie auf ihrem Sattel schwanken. Bald schon rang sie mit dem Schlaf.
Vielleicht war sie tatsächlich für einen Augenblick eingenickt, denn plötzlich ragte ein massives, eisenbeschlagenes Tor vor ihr auf.»Stone«, verkündete Mya fröhlich beim Absteigen. Die furchteinflößenden Steinmauern waren mit Eisendornen besetzt, und zwei dicke, runde Türme überragten die Anlage. Auf Myas Ruf hin schwang das Tor auf. Drinnen begrüßte der wohlbeleibte Ritter, der den Befehl über die Burg hatte, Mya mit dem Namen und bot ihnen Spieße mit gebratenem Fleisch und Zwiebeln, noch heiß vom Feuer, an. Catelyn hatte nicht gemerkt, wie hungrig sie war. Sie aß stehend auf dem Hof, während Stalljungen ihre Sättel auf frische Maultiere schnallten. Der heiße Saft lief ihr übers Kinn, doch sie war zu ausgehungert, um sich darum zu kümmern.
Dann hieß es aufsitzen und wieder hinaus ins Licht der Sterne. Der zweite Teil des Aufstiegs schien Catelyn gefährlicher als der erste zu sein. Der Pfad war steiler, die Stufen abgewetzter und hier und da mit Kiesel und Steinbruch übersät. Mya mußte ein halbes Dutzend Mal absteigen, um herabgefallene Steine aus dem Weg zu räumen.»Wir wollen nicht, daß sich unsere Maulesel hier oben ein Bein brechen«, sagte sie. Catelyn sah sich gezwungen, ihr zuzustimmen. Mittlerweile konnte sie die Höhe spüren. Hier oben wurden die Bäume spärlicher, und der Wind wehte kräftiger. Scharfe Böen rissen an ihren Kleidern und peitschten ihr das Haar ins Gesicht. Von Zeit zu Zeit machten die Stufen kehrt, und sie konnte Stone unter sich liegen sehen, und die Tore des Mondes weiter unten, und die Fackeln waren nicht heller als Kerzen.
Snow war kleiner als Stone, ein einziger, befestigter Turm, eine hölzerne Umfriedung und ein Stall, der sich hinter einer niedrigen Mauer von ungemörtelten Steinen verbarg. Doch schmiegte es sich auf eine Art und Weise an den Giant's Lance, daß es die gesamte Steintreppe oberhalb der kleinen Burg beherrschte. Ein Feind, der die Eyrie einnehmen wollte, würde sich von Stone aus Stufe für Stufe hinaufkämpfen, während Steine und Pfeile von Snow herabregneten. Der Kommandant, ein besorgter, junger Ritter mit pockennarbigem Gesicht, bot ihnen Brot und Käse und die Gelegenheit, sich vor seinem Feuer aufzuwärmen, doch Mya lehnte ab.»Wir sollten weiterziehen, Mylady«, sagte sie.»Wenn es Euch beliebt. «Catelyn nickte.
Wiederum gab man ihnen frische Maultiere. Ihres war weiß. Mya lächelte, als sie es sah.»Whitey ist ein Guter, Mylady.
Trittfest, selbst auf Eis, nur müßt Ihr vorsichtig sein. Er tritt, wenn er Euch nicht mag.«
Der weiße Maulesel schien Catelyn zu mögen. Es gab keine Tritte, den Göttern sei Dank. Es gab auch kein Eis, und auch dafür war sie dankbar.»Meine Mutter sagt, daß vor Hunderten von Jahren hier der Schnee begann«, erklärte Mya ihr,»von hier an war es immer weiß, und das Eis schmolz nie. «Sie zuckte mit den Achseln.»Ich kann mich nicht erinnern, überhaupt jemals so weit unten Schnee gesehen zu haben, aber vielleicht war es einmal so, in alten Zeiten.«
So jung, dachte Catelyn und versuchte, sich zu erinnern, ob sie je so gewesen war. Das Mädchen hatte ihr halbes Leben im Sommer gelebt, und nur den kannte sie. Der Winter naht, mein Kind, wollte sie ihr sagen. Die Worte lagen ihr auf der Zunge, fast sprach sie diese aus. Vielleicht wurde sie am Ende doch noch eine Stark.
Oberhalb von Snow war der Wind wie ein Lebewesen, heulte um sie wie ein Wolf in der Wüste, dann wurde er zu einem Nichts, als wollte er sie zur Selbstzufriedenheit verleiten. Die Sterne wirkten hier oben heller, so nah, daß sie sie fast berühren konnte, und der gehörnte Mond stand riesengroß am klaren, schwarzen Himmel. Beim Klettern stellte Catelyn fest, daß es besser war, nach oben als nach unten zu sehen. Die Stufen waren in Jahrhunderten von Frost und Tau und den Hufen unzähliger Maultiere geborsten und gebrochen, und selbst in der Dunkelheit klopfte ihr wegen der
Höhe das Herz bis zum Hals. Als sie zu einem hohen Rücken zwischen zwei Felsspitzen kamen, stieg Mya ab.»Das Beste ist, die Maultiere darüber hinweg zu führen«, sagte sie.»Der Wind kann hier etwas ängstigend wirken, Mylady.«
Steif kletterte Catelyn aus dem Dunkel hervor und sah den Pfad voraus an, zwanzig Fuß lang und fast drei Fuß breit, doch mit jäh abfallenden Klippen zu beiden Seiten. Sie konnte hören, wie der Wind heulte. Leichtfüßig trat Mya vor, und ihr Maultier folgte, als gingen sie über einen Burghof. Dann war sie an der Reihe. Doch kaum hatte sie den ersten Schritt getan, als die Angst Catelyn zwischen die Zähne nahm. Sie konnte die Leere fühlen, die endlosen Abgründe schwarzer Luft, die um sie herum gähnten. Sie hielt inne, bebend, fürchtete, sich von der Stelle zu rühren. Der Wind heulte sie an und riß an ihrem Umhang, versuchte, sie über den Rand zu zerren. Catelyn schob ihren Fuß nach hinten, tat einen furchtsamen Schritt, doch stand das Maultier hinter ihr, und sie konnte nicht zurück. Hier werde ich sterben, dachte sie. Sie spürte, wie der Schweiß über ihren Rücken rann.»Lady Stark«, rief Mya von jenseits des Abgrundes. Das Mädchen klang, als wäre sie Tausende von Meilen entfernt.»Geht es Euch gut?«