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Catelyn Tully Stark schluckte den letzten Rest von Stolz herunter.»Ich… ich kann es nicht, Kind«, rief sie laut.

«Doch, das könnt Ihr«, rief das Bastardmädchen.»Ich weiß, daß Ihr es könnt. Seht doch, wie breit der Weg ist.«

«Ich will nicht hinsehen. «Die Welt schien sich um sie zu drehen, Berg und Himmel und Maultiere wirbelten um sie herum wie der Kreisel eines Kindes. Catelyn schloß die Augen, um ihren hechelnden Atem zu beruhigen.

«Ich komme zurück und hole Euch«, sagte Mya.»Rührt Euch nicht, Mylady.«

Sich zu rühren war das letzte, was Catelyn wollte. Sie lauschte dem Pfeifen des Windes und dem Scharren von Leder auf Stein. Dann war Mya da, nahm sie sanft beim Arm.»Haltet die Augen geschlossen, wenn Ihr wollt. Laßt die Zügel los, Whitey findet den Weg allein. Sehr gut, Mylady. Ich führe Euch hinüber, es ist ganz einfach, Ihr werdet sehen. Jetzt macht einen Schritt nach vorn. So ist es gut, bewegt Euren Fuß, schiebt ihn einfach vor. Genau. Jetzt den anderen. Ganz einfach. Ihr könntet hinüberrennen. Noch einen, macht nur. Ja. «Und so führte das Bastardmädchen die blinde, zitternde Catelyn hinüber, während ihnen das weiße Maultier in aller Seelenruhe folgte.

Die kleine Burg mit Namen Sky war nicht mehr als eine hohe, halbmondförmige, lose Mauer an der Felswand, doch nicht einmal die dachlosen Türme von Valyria hätten in Catelyn Starks Augen schöner aussehen können. Hier nun begann der Schnee. Skys Steine waren von Frost überzogen, und lange, eisige Speere hingen von den Schrägen über ihnen.

Im Osten dämmerte der Morgen, als Mya Stone nach den Wachen rief und sich die Tore vor ihnen öffneten. Hinter den Mauern gab es nur eine Reihe von Rampen und einen großen Haufen von Steinen und Felsbrocken aller Größe. Ohne Zweifel wäre es die einfachste Sache auf der Welt, von hier aus eine Lawine loszutreten. Eine Öffnung gähnte in der Bergwand vor ihnen.»Die Ställe und Kasernen sind dort drinnen«, sagte Mya.»Der letzte Teil führt durch den Berg. Es kann etwas dunkel sein, aber zumindest seid Ihr aus dem Wind. Bis hierher können die Maultiere gehen. Von jetzt an ist es ein Kamin, eher eine steinerne Leiter als richtige Stufen, aber das ist nicht so schlimm. Eine Stunde noch, und wir sind da.«

Catelyn blickte auf. Direkt über sich, undeutlich nur im Licht des Morgengrauens, sah sie das Fundament der Eyrie. Es konnte nicht mehr als sechshundert Fuß über ihnen liegen. Von unten sah es wie eine kleine Honigwabe aus. Sie dachte daran, was ihr Onkel über Körbe und Winden gesagt hatte.»Die Lannisters haben ihren Stolz«, erklärte sie Mya,»aber die

Tullys sind mit mehr Verstand geboren. Ich bin den ganzen Tag und den größten Teil der Nacht geritten. Sag ihnen, sie sollen einen Korb herunterlassen. Ich werde mit den Rüben reisen.«

Die Sonne stand schon hoch über den Bergen, als Catelyn Stark endlich die Eyrie erreichte. Ein untersetzter, silberhaariger Mann mit himmelblauem Umhang und gehämmertem Brustharnisch mit Mond und Falke darauf half ihr aus dem Korb. Ser Vardis Egen, Hauptmann der Leibgarde Jon Arryns. Neben ihm stand Maester Colemon, dünn und nervös, mit zuwenig Haar und zuviel Hals.»Lady Stark«, sagte Ser Vardis,»die Freude ist so groß wie unerwartet. «Maester Colemon wackelte zustimmend mit dem Kopf.»Das ist sie in der Tat, Mylady, das ist sie in der Tat. Ich habe Eurer Schwester Nachricht gegeben. Sie hat die Anweisung hinterlassen, man solle sie wecken, sobald Ihr einträfet.«

«Ich hoffe, sie hat heute nacht gut geschlafen«, sagte Catelyn mit bissigem Unterton, der unbemerkt zu bleiben schien.

Die Männer eskortierten sie vom Windenraum eine Wendeltreppe hinauf. Die Eyrie war, verglichen mit den Ansprüchen der großen Häuser, eine kleine Burg. Sieben schlanke Türme standen eng wie Pfeile im Köcher auf einer Schulter des großen Berges. Man brauchte weder Ställe noch Schmieden oder Hundezwinger, doch Ned sagte, die Kornkammer sei so groß wie die auf Winterfell, und in den Türmen ließen sich fünfhundert Menschen unterbringen. Doch wirkte die Burg auf Catelyn seltsam verlassen, als sie hindurchging und die steinernen Hallen vor Leere widerhallten.

Lysa erwartete sie allein in ihrem Solar, noch im Schlafkleid. Das lange, kastanienbraune Haar fiel ungebändigt über nackte, weiße Schultern und über ihren Rücken. Eine Magd stand hinter ihr und bürstete die Verwirrungen der Nacht heraus, doch als Catelyn eintrat, stand ihre Schwester auf und lächelte.»Cat«, sagte sie.»Oh, wie gut es tut, dich zu sehen. Meine süße

Schwester. «Sie kam durch die Kammer gelaufen und schloß ihre Schwester in die Arme.»Wie lange es schon her ist«, murmelte Lysa an sie gepreßt.»Oh, wie sehr, sehr lange schon.«

Tatsächlich waren es fünf Jahre… fünf grausame Jahre für Lysa. Sie hatten ihren Tribut gefordert. Ihre Schwester war zwei Jahre jünger, doch sah sie inzwischen älter aus als Catelyn. Lysa war kleiner, und im Lauf der Jahre war sie rund geworden, und blaß und aufgedunsen im Gesicht. Sie hatte die blauen Augen der Tullys, doch waren sie trübe und wäßrig und standen nie still. Ihr kleiner Mund zeigte einen verdrießlichen Zug. Als Catelyn sie in den Armen hielt, erinnerte sie sich an das schlanke Mädchen mit den hohen Brüsten, die an jenem Tag in der Septe von Riverrun an ihrer Seite gewartet hatte. Wie lieblich und voller Hoffnung sie gewesen war. Geblieben war ihrer Schwester nur das volle, dunkelbraune Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte.

«Du siehst gut aus«, log Catelyn,»aber… müde.«

Ihre Schwester löste die Umarmung.»Müde. ja. Oh, ja. «Dann schien sie die anderen zu bemerken, ihre Magd, Maester Colemon, Ser Vardis.»Geht«, sagte sie.»Ich möchte mit meiner Schwester allein sprechen. «Sie hielt Catelyns Hand, als die anderen sich zurückzogen…

… und ließ sie los, sobald die Tür ins Schloß fiel. Catelyn sah, wie sich ihr Gesicht veränderte. Es war, als wäre die Sonne hinter einer Wolke verschwunden.»Hast du denn vollkommen den Verstand verloren?«herrschte Lysa sie an.»Ihn hierherzubringen, ohne meine Zustimmung, ohne auch nur eine Warnung, uns in deinen Streit mit den Lannisters hineinzuziehen… «

«Meinen Streit?«Catelyn konnte kaum glauben, was sie hörte. Ein großes Feuer brannte im Kamin, doch in Lysas Stimme war von Wärme nichts zu spüren.»Erst war es dein

Streit, Schwester. Du hast mir diesen verfluchten Brief geschrieben, du hast geschrieben, die Lannisters hätten deinen Mann ermordet!«

«Um dich zu warnen, damit du dich von ihnen fernhältst! Ich wollte sie nie bekämpfen! Bei allen Göttern, Cat, weißt du, was du getan hast?«

«Mutter?«fragte eine leise Stimme. Lysa fuhr herum, und ihre schwere Robe wogte auf. Robert Arryn, Lord über die Eyrie, stand in der Tür, drückte eine abgewetzte Stoffpuppe an seine Brust und sah sie mit großen Augen an. Er war ein schmerzlich dünnes Kind, klein für sein Alter, stets kränklich, und von Zeit zu Zeit schüttelte es ihn. Zitterkrankheit nannten es die Maester.»Ich habe Stimmen gehört.«

Kein Wunder, dachte Catelyn. Lysa hatte fast geschrien. Noch immer durchbohrte ihre Schwester sie mit ihren Blicken.»Das ist deine Tante Catelyn, mein Kleiner. Meine Schwester, Lady Stark. Erinnerst du dich an sie?«

Der Junge sah sie leeren Blickes an.»Ich glaube schon«, sagte er blinzelnd, obwohl er kaum ein Jahr alt gewesen war, als Catelyn ihn zuletzt gesehen hatte.

Lysa setzte sich ans Feuer.»Komm zu Mutter, mein Liebling. «Sie strich seine Schlafkleider glatt und ordnete sein feines, braunes Haar.»Ist er nicht hübsch? Und stark ist er auch, glaub nicht, was du hörst. Jon wußte es. Die Saat ist stark, hat er zu mir gesagt. Seine letzten Worte. Immer wieder hat er Roberts Namen gesagt und meinen Arm so fest gepackt, daß es Spuren hinterließ. Sag ihnen, die Saat ist stark. Seine Saat. Er wollte, daß alle wußten, was für ein guter, kräftiger Junge mein Liebling werden würde.«