«Und sagt ihm, daß ich bei niemand anderem war. Ich schwöre es, Mylord, bei den alten und den neuen Göttern. Chataya sagte, ich könnte ein halbes Jahr bekommen, für das Kind und für die Hoffnung, daß er wiederkommt. Sagt ihm also, ich würde warten, wollt Ihr das tun? Ich will keine Juwelen oder irgendwas, nur ihn. Er war immer gut zu mir, wahrlich.«
Gut zu dir, dachte Ned mit schalem Geschmack.»Ich werde es ihm sagen, Kind, und ich verspreche dir, Barra soll es an nichts mangeln.«
Da hatte sie gelächelt, ein Lächeln so ängstlich und süß, daß es ihm das Herz aus der Brust schnitt. Während er nun durch die Nacht ritt, sah Ned Jon Snows Gesicht vor sich, so sehr eine jüngere Ausgabe seiner selbst. Wenn die Götter den Bastarden so wenig wohlwollend gesonnen waren, dachte er trübsinnig, wieso waren die Männer so sehr von Lust getrieben?» Lord Baelish, was wißt Ihr über Roberts Bastarde?«
«Nun, er hat mehr als Ihr, soviel ist klar.«
«Wie viele?«
Littlefinger zuckte mit den Achseln. Kleine Rinnsale liefen über den Rücken seines Umhangs.»Was macht es schon? Wenn man mit genügend Frauen ins Bett geht, geben manche einem Geschenke, und Seine Majestät war in dieser Hinsicht nie schüchtern. Ich weiß, daß er diesen Jungen in Storm's End anerkannt hat, den er an dem Abend gezeugt hat, als Lord Stannis getraut wurde. Es blieb ihm kaum etwas anderes übrig. Die Mutter war eine Florent, eine Nichte von Lady Selyse. Renly sagte, Robert habe das Mädchen während des Festmahls nach oben getragen und sei mit dem Ehebett der Frischvermählten zusammengebrochen, derweil Stannis und seine Braut noch tanzten. Lord Stannis schien zu glauben, damit sei die Ehre der Familie seiner Frau besudelt, denn als der Junge geboren war, schickte man ihn zu Renly. «Er warf Ned einen Seitenblick zu.»Außerdem habe ich gehört, Robert hätte Zwillinge mit einer Kellnerin in Casterly Rock, vor drei Jahren, als er zu Lord Tywins Turnier im Westen war; Cersei ließ die Kinder töten und die Mutter an einen durchreisenden Sklavenhändler verkaufen. Eine allzu große Beleidigung der Ehre einer Lannister, so nah an ihrer Heimat.«
Ned Stark verzog das Gesicht. Häßliche Geschichten wie die erzählte man sich von jedem großen Herrn im Reich. Von Cersei Lannister jedoch wollte er es wohl glauben… doch würde der König dabeistehen und es geschehen lassen? Der Robert, den er gekannt hatte, hätte es nicht getan, nur war der Robert, den er gekannt hatte, auch nie so geübt darin gewesen, die Augen vor Dingen zu verschließen, die er nicht sehen wollte.»Warum sollte Jon Arryn so plötzlich Interesse an den unehelichen Kindern des Königs entwickeln?«
Der kleine Mann zuckte mit den nassen Schultern.»Er war die Rechte Hand des Königs. Zweifellos hat Robert ihn gebeten, sich darum zu kümmern, ob sie gut versorgt sind.«
Ned war naß bis auf die Knochen, und seine Seele fror.»Es muß mehr als das gewesen sein, denn warum sollte man ihn töten?«
Littlefinger schüttelte den Regen aus seinem Haar und lachte.»Jetzt verstehe ich. Lord Arryn erfuhr, daß Seine Majestät die Bäuche einiger Huren und Fischweiber gefüllt hatte, und dafür mußte man ihn zum Schweigen bringen. Kein Wunder. Gestattet einem solchen Mann zu leben, und als nächstes platzt er heraus, daß die Sonne im Osten aufgeht.«
Die einzige Antwort, die Ned darauf einfallen wollte, war ein Stirnrunzeln. Zum ersten Mal seit Jahren mußte er an Rhaegar Targaryen denken. Er fragte sich, ob Rhaegar Bordelle besucht hatte. Irgendwie konnte er sich das nicht vorstellen.
Der Regen wurde immer heftiger, brannte in den Augen und trommelte auf die Erde. Bäche von schwarzem Wasser rannen den Hügel hinab, als Jory rief:»Mylord«, und seine Stimme war heiser vor Sorge. Und einen Augenblick später war die Straße voller Soldaten.
Ned sah Ketten auf Leder, Panzerhandschuhe und Beinschienen, Stahlhelme mit goldenen Löwen als Helmschmuck. Ihre Umhänge klebten an den Rücken, naß vom
Regen. Ihm blieb keine Zeit, zu zählen, doch waren es mindestens zehn, eine Reihe von ihnen — zu Fuß — sperrte die Straße mit Langschwertern und eisenbesetzten Speeren.»Zurück!«hörte er Wyl aufschreien, und als er sein Pferd wendete, waren dort noch mehr Soldaten, schnitten ihnen den Weg ab. Singend kam Jorys Schwert aus der Scheide:»Macht den Weg frei oder sterbt!«
«Die Wölfe heulen«, sagte ihr Anführer. Ned sah, wie ihm der Regen übers Gesicht lief.»Aber nur ein kleines Rudel.«
Littlefinger führte sein Pferd voran, vorsichtig Schritt für Schritt.»Was hat das zu bedeuten? Das ist die Rechte Hand des Königs.«
«Er war die Rechte Hand des Königs. «Der Schlamm dämpfte die Hufe des blutroten Hengstes. Die Reihe teilte sich vor ihm. Auf einem goldenen Brustharnisch brüllte der Löwe von Lannister seine Verachtung heraus.»Nun, wenn ich die Wahrheit sagen soll, bin ich mir nicht sicher, was er eigentlich ist.«
«Lannister, das ist Wahnsinn«, sagte Littlefinger.»Laßt uns passieren. Wir werden auf der Burg erwartet. Was glaubt Ihr, was Ihr hier tut?«
«Er weiß, was er tut«, sagte Ned ruhig. Jaime Lannister lächelte.»Das stimmt. Ich suche meinen Bruder. Ihr erinnert Euch doch an meinen Bruder, nicht wahr, Lord Stark? Er war mit uns auf Winterfell. Blond, ungleiche Augen, scharfe Zunge. Ein kleiner Mann.«»Ich erinnere mich gut«, antwortete Ned.»Anscheinend hatte er unterwegs Probleme. Mein Hoher Vater ist ausgesprochen rritiert. Ihr habt nicht zufällig eine Ahnung, wer meinem Bruder vielleicht übel mitspielen möchte, oder?«
«Euer Bruder wurde auf meinen Befehl hin festgenommen, damit er sich für seine Verbrechen verantwortet«, gab Ned Stark zurück.
Littlefinger stöhnte vor Entsetzen auf.»Mylord…«Ser Jaime riß sein Langschwert aus der Scheide und trieb seinen Hengst voran.»Zeigt mir Euren Stahl, Lord Eddard. Ich schlachte Euch wie Aerys, wenn es sein muß, aber es wäre mir lieber, wenn Ihr mit einer Klinge in der Hand sterbt. «Er warf Littlefinger einen kühlen, verächtlichen Blick zu.»Lord Baelish, ich würde eilig das Weite suchen, wenn ich keine Blutflecken auf meine kostspieligen Kleider bekommen wollte.«
Littlefinger mußte nicht gedrängt werden.»Ich werde die Stadtwache holen«, versprach er Ned. Die Reihe der Lannisters teilte sich, um ihn durchzulassen, und schloß sich dann hinter ihm. Littlefinger gab seiner Stute die Fersen und verschwand um eine Ecke.
Neds Mannen hatten ihre Schwerter gezückt, doch standen sie drei Mann gegen zwanzig. Augenpaare stierten aus Fenstern und Türen, aber niemand wollte eingreifen. Seine Leute waren zu Pferd, die Lannisters zu Fuß, abgesehen von Jaime selbst. Ein Angriff mochte ihnen die Freiheit bringen, nur schien es Eddard Stark, als müsse es eine sicherere Taktik geben.»Tötet mich«, warnte er den Königsmörder,»und Catelyn wird ganz sicher Tyrion erschlagen.«
Jaime Lannister bohrte mit dem vergoldeten Schwert, welches schon das Blut des letzten Drachenkönigs gekostet hatte, an Neds Brust herum.»Würde sie? Die edle Catelyn Tully von Riverrun eine Geisel töten? Ich glaube… kaum. «Er seufzte.»Nur bin ich nicht gewillt, das Leben meines Bruders auf die Ehre einer Frau zu bauen. «Jaime schob das goldene Schwert in seine Scheide.»Daher werde ich Euch wohl zu Robert laufen lassen, damit Ihr ihm erzählt, daß ich Euch geängstigt habe. Ich frage mich, ob es ihn kümmert. «Jaime strich mit den Fingern durch sein nasses Haar und riß sein Pferd herum. Als er jenseits der Reihe von Kriegern war, sah er seinen Hauptmann an.»Tregar, sorgt dafür, daß Lord Stark
nicht zu Schaden kommt.«
«Wie Ihr wünscht, M'lord.«
«Dennoch… wir würden nicht wollen, daß er gänzlich unbeschadet davonkommt, also«, durch Nacht und Regen sah Ned das Weiß in Jaimes Lächeln,»tötet seine Männer.«
«Nein!«schrie Ned Stark und griff nach seinem Schwert. Jaime galoppierte bereits die Straße hinab, als er Wyl rufen hörte. Männer kamen von allen Seiten. Ned ritt einen davon nieder, schlug auf Phantome in roten Umhängen ein, die vor ihm auseinanderwichen. Jory Cassel gab seinem Pferd die Sporen und griff an. Ein eisenbeschlagener Huf traf einen Gardisten der Lannisters mit ekelhaftem Knirschen im Gesicht. Ein zweiter Mann sprang zurück, und für einen Augenblick war Jory frei. Wyl fluchte, als sie ihn von seinem sterbenden Pferd zerrten, und Schwerter blitzten im Regen. Ned ritt eilig zu ihm, hieb sein Langschwert auf Tregars Helm. Der Schlag ließ seine Zähne knirschen. Taumelnd kam Tregar auf die Beine, sein löwenförmiger Helmschmuck war in zwei Teile gehauen, und Blut lief über sein Gesicht. Heward hackte auf die Hände ein, die an seinen Zügeln rissen, als ihn ein Speer im Bauch traf. Plötzlich war Jory unter ihnen, und roter Regen flog von seinem Schwert.»Nein!«rief Ned.»Jory, fort «Neds Pferd glitt unter ihm aus und landete krachend im Schlamm. Es folgte ein Moment von blendendem Schmerz und dem Geschmack von Blut im Mund.