Er sah, wie sie auf die Beine von Jorys Pferd einschlugen und ihn zu Boden rissen, und Schwerter hoben sich und stießen herab, als sie sich um ihn drängten. Neds Pferd kam wieder auf die Beine, und er selbst versuchte aufzustehen, doch fiel er gleich wieder hin, erstickte einen Schrei. Er sah den gesplitterten Knochen, der aus seiner Wade ragte. Es war das letzte, was er für lange Zeit sah. Der Regen fiel und fiel und fiel.
Als er die Augen wieder aufschlug, war Lord Eddard Stark allein mit seinen Toten. Sein Pferd kam heran, witterte den üblen Gestank von Blut und galoppierte davon. Ned begann, sich durch den Schlamm zu schleppen, und mußte die Zähne zusammenbeißen, so stark war der Schmerz in seinem Bein. Es schien Jahre zu dauern. Gesichter begafften ihn aus kerzenbeschienenen Fenstern, und Leute kamen aus Gassen und Türen, doch niemand wollte helfen.
Littlefinger und die Stadtwache fanden ihn dort auf der Straße, wie er Jory Cassels Leiche in Armen hielt.
Irgendwo fanden die Goldröcke eine Trage, doch der Weg zurück zur Burg war ein Nebel von Qualen, und mehr als einmal verlor Ned das Bewußtsein. Er erinnerte sich daran, den Red Keep im ersten grauen Licht des Morgens erblickt zu haben. Der Regen hatte den dunklen, rosenfarbenen Stein der massiven Mauern mit der Farbe von Blut überzogen.
Dann ragte Grand Maester Pycelle über ihm auf, hielt einen Becher und flüsterte:»Trinkt, Mylord. Hier. Mohnblumensaft, gegen den Schmerz. «Er erinnerte sich daran, geschluckt zu haben, und Pycelle sagte jemandem, er solle Wein zum Kochen bringen und ihm saubere Seide holen, und das war das letzte, woran er sich erinnerte.
Daenerys
Das Pferdetor von Vaes Dothrak bestand aus zwei gigantischen, bronzenen Hengsten, die sich aufbäumten und deren Hufe hundert Fuß hoch über der Durchfahrt einen Bogen bildeten.
Dany hätte nicht sagen können, wozu die Stadt ein Tor brauchte, wenn sie doch keine Mauern besaß… und keinerlei Gebäude, die sie hätte sehen können. Doch stand es dort, imposant und schön, und die großen Pferde umrahmten die fernen, roten Berge dahinter. Die bronzenen Hengste warfen lange Schatten über das wehende Gras, als Khal Drago das khalasar den Götterpfad hinunterführte, seine Blutreiter neben sich.
Dany folgte auf ihrem Silbernen, eskortiert von Ser Jorah Mormont und ihrem Bruder Viserys, der wieder zu Pferde saß. Nach dem Tag im Gras, als sie ihn dem khalasar hatte hinterherlaufen lassen, hatten die Dothraki ihn lachend Khal Rhae Mhar genannt, König mit den Wunden Füßen. Am nächsten Tag hatte Khal Drogo ihm einen Platz auf einem Karren angeboten, und Viserys hatte angenommen. In seiner starrsinnigen Beschränktheit hatte er nicht einmal gemerkt, daß man ihn verspottete. Die Karren waren für Eunuchen, Krüppel, schwangere Frauen, die sehr Jungen und sehr Alten. Das brachte ihm einen weiteren Namen ein: Khal Rhaggat, der Karrenkönig. Ihr Bruder hatte geglaubt, der khal wolle sich auf diese Weise für das entschuldigen, was Dany ihm angetan hatte. Sie hatte Ser Jorah angefleht, ihm die Wahrheit nicht zu sagen, um ihm die Scham zu ersparen. Der Ritter hatte erwidert, daß der König sehr wohl einiges an Scham gebrauchen könne… doch hatte er getan, worum sie ihn bat. Es war einiges Bitten vonnöten gewesen, und alle weiblichen Tricks, die Doreah sie gelehrt hatte, bis Dany Drogo nachgiebig stimmte und er erlaubte, daß Viserys sich ihnen an der Spitze der Kolonne wieder anschloß.
«Wo ist die Stadt!«fragte sie, als sie unter dem bronzenen Bogen hindurchkamen. Es waren keine Häuser zu sehen, keine Menschen, nur das Gras und die Straße, gesäumt von uralten Monumenten aus allen Ländern, welche die Dothraki im Laufe der Jahrhunderte erobert hatten.
«Voraus«, antwortete Ser Jorah.»Unterhalb der Berge.«
Jenseits des Pferdetores ragten geplünderte Götter und geraubte Helden zu beiden Seiten auf. Die vergessenen Gottheiten toter Städte warfen ihre gebrochenen Blitze zum Himmel, während Dany auf ihrem Silbernen zu ihren Füßen vorüberritt. Steinerne Könige blickten von ihren Thronen auf sie herab, die Gesichter fleckig und angeschlagen, selbst die Namen im Dunst der Zeit verloren. Junge Mädchen tanzten auf marmornen Sockeln, nur mit Blumen behängt, und gössen Luft aus geborstenen Krügen. Ungeheuer standen im Gras neben der Straße, schwarze Eisendrachen mit Juwelen als Augen, brüllende Greife, Sphinxe, die Schwänze zum Schlag bereit, und andere Tiere, die sie nicht kannte. Manche dieser Statuen waren so anmutig, daß es ihr den Atem raubte, andere so mißgestaltet und schrecklich, daß Dany sie kaum ansehen konnte. Letztere, so sagte Ser Jorah, stammten wahrscheinlich aus den Schattenländern jenseits von Asshai.
«So viele«, staunte sie, während ihr Silberner langsam voranschritt,»und aus so vielen Ländern.«
Viserys war weniger beeindruckt.»Der Unrat toter Städte«, höhnte er. Sorgsamerweise sprach er in der Gemeinen Zunge, die nur wenige Dothraki verstanden, und dennoch sah sich Dany zu den Männern ihres khas um, weil sie sehen wollte, ob man sie belauscht hatte. Unbekümmert fuhr Viserys fort:»Diese Wilden können nur Dinge stehlen, die bessere Menschen geschaffen haben… und töten. «Er lachte.»Sie wissen, wie man tötet. Sonst hätte ich auch keine Verwendung für sie.«
«Sie sind jetzt mein Volk«, sagte Dany.»Du solltest sie nicht Wilde schimpfen, Bruder.«
«Der Drache sagt, was er will«, meinte Viserys… in der Gemeinen Zunge. Er warf einen Blick über die Schulter zu Aggo und Rakharo, die hinter ihnen ritten, und schenkte ihnen ein spöttisches Lächeln.»Siehst du, den Wilden fehlt der Geist, die Sprache zivilisierter Menschen zu verstehen. «Ein mooszerfressener, steinerner Monolith ragte über der Straße auf, fünfzig Fuß hoch. Viserys betrachtete ihn mit gelangweiltem Blick.»Wie lange müssen wir uns zwischen diesen Ruinen herumtreiben, bis Drogo mir eine Armee gibt? Ich habe lange genug gewartet.«
«Die Prinzessin muß den dosh khaleen vorgestellt werden…«»Den alten Weibern, ja«, unterbrach ihn ihr Bruder,»und es soll irgendeinen prophetischen Mummenschanz für den Balg in ihrem Bauch geben, das habt Ihr mir erzählt. Was habe ich damit zu tun? Ich habe genug davon, Pferdefleisch zu essen, und ich bin endgültig bedient vom Gestank dieser Wilden. «Er schnüffelte am weiten, hängenden Ärmel seines Kasacks, wo er üblicherweise ein Duftkissen verwahrte. Es half nicht viel. Der Kasack war schmutzig. Alle Seide und auch die schwere Wolle, die Viserys aus Pentos mitgebracht hatte, war von der beschwerlichen Reise fleckig und stank vom Schweiß.
Ser Jorah tröstete ihn.»Der Westliche Markt dürfte mehr Speisen nach Eurem Geschmack zu bieten haben, Majestät. Die Händler aus den Freien Städten kommen hierher, um ihre Waren zu verkaufen. Der khal wird sein Versprechen einlösen, wenn es für ihn an der Zeit ist.«
«Das will ich hoffen«, sagte Viserys grimmig.»Man hat mir eine Krone versprochen, und ich bin entschlossen, sie zu bekommen. Den Drachen verspottet man nicht. «Als er ein obzönes Abbild einer Frau mit sechs Brüsten und einem Frettchenkopf entdeckte, ritt er hinüber, um es sich genauer anzusehen.