Dany war erleichtert, wenn auch nicht weniger unruhig.»Ich bete darum, daß meine Sonne, mein Stern, ihn nicht allzu lange warten läßt«, erklärte sie Ser Jorah, als ihr Bruder außer Hörweite war.
Zweifelnd blickte der Ritter Viserys nach.»Euer Bruder hätte in Pentos warten sollen. Er gehört nicht in ein khalasar. Illyrio hat versucht, ihn zu warnen.«
«Er wird gehen, sobald er seine zehntausend hat. Mein Hoher Gatte hat ihm eine goldene Krone versprochen.«
Ser Jorah brummte.»Ja, Khaleesi, aber die Dothraki betrachten diese Dinge anders, als wir es im Westen tun. Ich habe ihm das alles erzählt, ganz wie Illyrio es ihm erzählt hat, nur will Euer Bruder es nicht hören. Die Reiterlords sind keine Händler. Viserys denkt, er hätte Euch verkauft, und nun will er seinen Preis. Doch Khal Drogo würde sagen, er hätte Euch zum Geschenk bekommen. Er wird im Gegenzug auch Viserys ein Geschenk machen… wenn die Zeit für ihn gekommen ist. Man fordert ein Geschenk nicht, nicht von einem khal. Von einem khal fordert man überhaupt nichts.«
«Es ist nicht recht, ihn warten zu lassen. «Dany wußte nicht, warum sie ihren Bruder verteidigte, und dennoch tat sie es.»Viserys sagt, er könnte die Sieben Königslande mit zehntausend dothrakischen Reitern überrennen.«
Ser Jorah schnaubte.»Viserys könnte mit zehntausend Besen keinen Stall ausfegen.«
Dany konnte nicht so tun, als überraschte sie seine Geringschätzung.»Was.. was, wenn es nicht Viserys wäre? «fragte sie.»Wenn ein anderer sie führen würde? Jemand Stärkeres? Könnten die Dothraki die Sieben Königslande tatsächlich erobern?«
Ser Jorahs Miene wurde nachdenklich, während ihre Pferde nebeneinander den Götterpfad hinuntertrabten.»Als ich in die Verbannung ging, betrachtete ich die Dothraki und sah halbnackte Barbaren in ihnen, so wild wie ihre Pferde. Hättet Ihr mich damals gefragt, Prinzessin, hätte ich Euch gesagt, daß tausend gute Ritter ohne Schwierigkeiten fünfhundertmal so viele Dothraki in die Flucht schlagen konnten.«
«Doch wenn ich Euch heute fragte?«
«Jetzt«, sagte der Ritter,»bin ich nicht mehr sicher. Sie reiten besser als jeder Ritter, sind zutiefst furchtlos, und ihre Bogen schießen weiter als unsere. In den Sieben Königslanden kämpfen die meisten Schützen zu Fuß, stehen hinter einem Schutzwall oder einer Barrikade aus gespitzten Pfählen. Die Dothraki schießen vom Pferd aus, im Angriff oder beim Rückzug, es macht keinen Unterschied, in beiden Fällen sind sie tödlich… und es sind so viele, Mylady. Euer Hoher Gatte zählt allein vierzigtausend berittene Krieger in seinem khalasar.«
«Sind es wirklich so viele?«
«Euer Bruder Rhaegar brachte ebenso viele Männer an den Trident«, räumte Ser Jorah ein,»doch davon waren nicht mehr als ein Zehntel Ritter. Der Rest waren Bogenschützen, freie Ritter und Fußvolk mit Speeren und Spießen. Als Rhaegar fiel, warfen viele ihre Waffen fort und flohen vom Schlachtfeld. Was glaubt Ihr, wie lange ein solcher Pöbel dem Angriff von vierzigtausend Reitern standhalten könnte, die Blut sehen wollen? Wie gut würden Lederwesten sie schützen, wenn es Pfeile regnet?«
«Nicht lange«, sagte sie,»nicht gut.«
Er nickte.»Wohlgemerkt, Prinzessin, wenn die Lords der Sieben Königslande auch nur den Verstand besitzen, den die Götter einer Gans gegeben haben, wird es dazu nie kommen. Die Reiter finden keinen Gefallen an Belagerungen. Ich bezweifle, ob sie auch nur die schwächste Burg der Sieben Königslande nehmen könnten, doch wenn Robert Baratheon dumm genug wäre, sich ihnen in der Schlacht zu stellen…«
«Ist er das?«fragte Dany.»Ein Dummkopf, meine ich?«
Darüber dachte Ser Jorah einen Moment lang nach.»Robert hätte als Dothraki auf die Welt kommen sollen«, sagte er schließlich.»Euer khal würde Euch erklären, daß sich nur ein Feigling hinter steinernen Mauern versteckt, statt sich seinem Feind mit einer Klinge in der Hand zu stellen. Der Usurpator würde dem zustimmen. Er ist ein starker Mann, kühn… und aufbrausend genug, daß er sich einer dothrakischen Horde auf dem Feld stellen würde. Doch die Männer um ihn, nun, deren Pfeifer spielen ein anderes Lied. Sein Bruder Stannis, Lord Tywin Lannister, Eddard Stark…«Er spuckte aus.
«Ihr haßt diesen Lord Stark«, sagte Dany.
«Er hat mir alles genommen, was ich liebte, wegen ein paar verlauster Wilderer und seiner kostbaren Ehre«, sagte Ser Jorah verbittert. An seiner Stimme hörte sie, daß der Verlust ihn nach wie vor quälte. Eilig wechselte er das Thema.»Dort«, verkündete er und deutete auf etwas.»Vaes Dothrak. Die Stadt der Reiterlords.«
Khal Drogo und seine Blutreiter führten sie über den großen Basar des Westlichen Marktes und die breiten Straßen jenseits davon. Dany hielt sich auf ihrem Silbernen in seiner Nähe und starrte die seltsamen Dinge um sich an. Vaes Dothrak war gleichzeitig die größte und die kleinste Stadt, die sie je gesehen hatte. Sie glaubte, sie müsse zehnmal so groß wie Pentos sein, eine Weite ohne Mauern oder Grenzen, die breiten winddurchwehten Straßen mit Gras und Schlamm gepflastert und von wilden Blumen wie ein Teppich überzogen. In den Freien Städten des Westens drängten sich Türme und Häuser und Schuppen und Brücken und Läden und Burgen aneinander, doch Vaes Dothrak breitete sich gleichförmig aus, briet in der
warmen Sonne, uralt, hochfahrend und leer.
Selbst die Bauten waren in ihren Augen seltsam. Sie sah gehauene Steinzelte, aus Gras geflochtene Herrenhäuser, groß wie Burgen, wacklige Holztürme, gestufte Pyramiden, mit Marmor verblendet, Baumhallen, die zum Himmel hin offen waren. An Stelle von Mauern waren manche Paläste von dornigen Hecken umgeben.»Kein Gebäude gleicht dem anderen«, stellte sie fest.
«Euer Bruder hatte zum Teil recht«, gab Ser Jorah zu.»Die Dothraki bauen nicht. Vor tausend Jahren, wenn sie ein Haus bauen wollten, gruben sie ein Loch in die Erde und bedeckten es mit einem Dach aus geflochtenem Gras. Die Bauten, die Ihr hier seht, wurden von Sklaven errichtet, die aus geplünderten Ländern hierhergebracht wurden, und jedes wurde nach der Sitte ihres eigenen Volkes errichtet.«
Die meisten Bauten, selbst die größten, wirkten menschenleer.»Wo sind die Menschen, die hier leben?«fragte Dany. Auf dem Basar hatte sie herumlaufende Kinder und schreiende Männer gesehen, doch ansonsten hatte sie nur ein paar Eunuchen entdeckt, die ihren Geschäften nachgingen.
«Nur die alten Weiber der dosh khaleen wohnen ständig in der heiligen Stadt, sie und ihre Sklaven und Diener«, erwiderte Ser Jorah,»hingegen ist Vaes Dothrak groß genug, jeden Mann aus jedem khalasar unterzubringen, falls alle khals eines Tages zur Mutter heimkehren sollten. Die alten Weiber haben prophezeit, daß dieser Tag irgendwann kommen würde, und daher muß Vaes Dothrak bereit sein, all seine Kinder in die Arme zu schließen. «Schließlich ließ Khal Drogo in der Nähe des Östlichen Marktes halten, zu dem die Karawanen von Yi Ti und Asshai und den Schattenländern zum Handel kamen, während die Mutter aller Berge über ihnen aufragte. Dany lächelte, als sie an Illyrios Sklavenmädchen und ihr Gerede von einem Palast mit zweihundert Räumen und Türen aus reinem Silber denken mußte. Der» Palast «war eine höhlenartige, hölzerne Festhalle, deren grob gehauene Holzwände vierzig Fuß hoch aufragten, das Dach aus genähter Seide, ein mächtiges, sich aufblähendes Zelt, das man errichten konnte, um sich vor den seltenen Regenfällen zu schützen, oder einholen, um den endlosen Himmel hereinzulassen. Um die Halle gab es weite, grasbewachsene Pferdekoppeln, die von hohen Hecken eingefaßt waren, dazu Feuergruben und Hunderte von runden, irdenen Häusern, die sich vom Gras bedeckt wie winzige Hügel aus dem Boden wölbten.
Eine kleine Armee von Sklaven war vorausgeeilt, um Khal Drogos Ankunft vorzubereiten. Jeder Reiter, der sich aus seinem Sattel schwang, löste seinen arakh aus dem Gürtel und reichte ihn einem wartenden Sklaven, und alle anderen Waffen, die er trug, ebenso. Nicht einmal Khal Drogo selbst bildete eine Ausnahme. Ser Jorah hatte erklärt, es sei verboten, in Vaes Dothrak eine Waffe zu tragen oder das Blut eines freien Mannes zu vergießen. Selbst kriegführende khalasars vergaßen ihre Fehden, solange sie in Sichtweite der Mutter aller Berge waren. An diesem Ort, das hatten die alten Weiber der dosh khaleen bestimmt, waren alle Dothraki vom selben Blut, ein khalasar, eine Herde.